Heft 5/2021, Editorial

Auf ins nächste Abenteuer?

Langsam verblassen die Bilder vor unserem geistigen Auge, vom Kabuler Flughafen, von verzweifelten Menschen, die sich an startende Maschinen klammern, von rauschbärtigen jungen Männern mit AK-47. Für etwa drei Wochen waren diese Bilder in allen Medien allgegenwärtig und ließen auch wenig Raum für anderes, nur um danach fast vollständig zu verschwinden. Ebenso schnell scheinen aber auch die Lehren zu verschwinden, die man aus dem Afghanistan-Desaster zog. Die Ära der Auslandsinterventionen der USA mit dem Ziel, anderen Ländern eine gewisse Staatsform oder Lebensweise aufzuzwingen, sei hiermit endgültig beendet, erklärte Joe Biden. Einsätze sollte es nur geben, wenn sie den „fundamentalen nationalen Sicherheitsinteressen" der USA dienten und erreichbar seien. Auch wenn dies sicher kein pazifistisches Manifest ist, so ist es doch eine klare Absage an die neokonservative Ära des „democracy building" durch Krieg. Trotz seines unglaublichen Unvermögens, wenigstens einen geordneten Rückzug aus der unvermeidlichen Niederlage hinzukriegen, waren das fast so etwas wie nachdenkliche oder geläuterte Worte vom US-Präsidenten.

Doch während Afghanistan aufgegeben wurde, gehen andere Auslandseinsätze der USA und des Westens weiter, im Irak, in Libyen, am Horn von Afrika und vor allem in Mali. In dem westafrikanischen Land, das als Schlüsselstaat der Sahel-Zone in Sachen regionaler Terrorbekämpfung gilt, droht ein ähnliches Schicksal wie in Afghanistan. Frankreich, dessen Beziehungen zu Bamako schon lange zerrüttet sind, möchte seine Truppen bis 2023 halbieren. Die malische Regierung hat bereits die russische Söldnertruppe „Wagner" angeheuert. Sollte diese das Feld übernehmen, hat auch Deutschland Konsequenzen angekündigt und will seine 1200 Einsatzkräfte abziehen. Der Westen, der durch den Irak-Krieg den Dschihad erst stark gemacht hat, droht auch in Mali jämmerlich zu scheitern.

Währenddessen scheint sich in Nord-Mosambik bereits das nächste Schlachtfeld anzubahnen. Hier hat sich die mosambikanische Regierung nach drei Jahren Kampfhandlungen in der nördlichen Provinz Cabo Delgado nach Tausenden von Toten, mindestens 700.000 Geflüchteten und unfassbaren Gräueltaten dazu entschlossen, nach langer Zurückhaltung endlich militärische Hilfe von außen gegen einen vordergründig islamistischen Konflikt anzunehmen. Die sollte zunächst nur aus einem gemeinsamen Kontingent von SADC-Nachbarstaaten kommen. Doch zur allgemeinen Überraschung kam noch ein weiteres Kontingent dazu, aus Ruanda. Damit hat der mosambikanische Präsident Filipe Nyusi nicht nur seine SADC-Partner brüskiert, allen voran Südafrika, das am lautesten auf eine Intervention gedrungen hatte und demgegenüber Nyusi wohl ein gesundes Misstrauen hegt. Er hat sich mit den ruandischen Militäreinheiten auch eine kampferprobte, schlagfähige und gut ausgerüstete Truppe ins Land geholt, die mit der Rückeroberung von Mocimboa da Praia auch gleich einen ersten militärischen Erfolg vorweisen konnte. Überdies weiß man sich auf Social Media zu inszenieren, und so ließ sich die ruandische Armee, die auch einige Frauen in ihren Reihen hat, volksnah beim Maisstampfen mit der Landbevölkerung ablichten.

Hat man also eine afrikanische Lösung für einen afrikanischen Konflikt bekommen? Leider mitnichten. Denn es ist nicht verborgen geblieben, dass sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Ruandas Präsident Paul Kagame vor dem Coup ungewöhnlich häufig getroffen hatten. Macron räumte sogar bei einem Besuch in Kigali eine Mitverantwortung Frankreichs für den Genozid von 1994 ein. Nicht dass er sich entschuldigt hätte, doch dieser rhetorische Brückenschlag ermöglichte eine Wiederannäherung in den seit dem Völkermord zerrütteten Beziehungen beider Länder. Und obwohl Kagame das vehement dementiert, pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass hinter der ruandischen Bruderarmee in Mosambik in Wahrheit französische Finanzierung und auch in erster Linie französische Interessen stecken. Denn der französische Energiekonzern Total hatte zuletzt angesichts der immer intensiveren Attacken durch die Aufständischen seine Aktivitäten zur Förderung von Flüssigerdgas bis auf weiteres unterbrechen müssen und sein Personal aus Cabo Delgado abgezogen.

Und jetzt? Eigentlich sind sich alle Beobachtenden einig, dass der Konflikt in Cabo Delgado nur auf politischem Wege gelöst werden kann, indem Perspektiven für die abgehängte Provinz geschaffen werden und die Bevölkerung an den Gewinnen aus dem Ressourcenreichtum teilhaben kann. Denn die Wurzel des Konflikts ist nicht der Islamismus, der IS und schon gar nicht der Islam, sondern Armut, Ungerechtigkeit, Perspektivlosigkeit. Nun ist keiner so naiv anzunehmen, die herrschende Frelimo würde selbst zu dieser Einsicht kommen. Es wäre jedoch an den Verbündeten Mosambiks in der SADC und außerhalb, nicht auf ein neues militärisches Abenteuer zu drängen, sondern auf Verhandlungen und politische Lösungen. Sonst drohen ein, zwei, viele Afghanistans, ganz von selbst.

Daniel Düster