Heft 5/2021, afrika süd-dossier: Klimakrise im südlichen Afrika

Dürre, Landnahme und Flucht

DER VERGESSENE HUNGER IM SÜDEN ANGOLAS. Nach Aussage von Deprose Muchena, Direktor von Amnesty International für das östliche und südliche Afrika, stehen „Millionen von Menschen im Süden Angolas am Rande des Hungertods, gefangen zwischen den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels und der Umwidmung von Land für die kommerzielle Viehzucht." Vor der anhaltenden Dürre sind Tausende Menschen nach Namibia geflohen.

Ein Team von Amnesty International hatte bereits 2018 und 2019 bei Besuchen der Gemeinde Gambos in der Provinz Huíla im Süden Angolas mehrere Fälle von Hunger und Auszehrung unter den traditionellen Hirtengemeinschaften gefunden (vgl. afrika süd Nr. 6, 2020). Bereits damals war von der schlimmsten Dürre seit 40 Jahren die Rede. Drei Jahre später gibt es keine Anzeichen für ein Abklingen der Dürre.

Nach Angaben der Associação Construindo Comunidades (ACC), einer lokalen NRO, sind Dutzende Angehörige der traditionellem Hirtenfamilien in Gambos seit 2019 an Unterernährung gestorben, wobei ältere Menschen und Kinder besonders gefährdet sind. ACC, das in dem Gebiet Lebensmittelkörbe verteilt hat, erklärte, die Menschen hätten sich mit dem Verzehr von Blättern begnügt, um zu überleben.

2020 und 2021 konnte Amnesty International bei Besuchen der Provinzen Huíla und Cunene feststellen, dass die Dürre weiterhin die Lebensgrundlage von Viehzüchterfamilien im Süden Angolas zerstört. Nach Schätzungen des Welternährungsprogramms vom Mai 2021 haben sechs Millionen Menschen in Angola nicht genügend zu essen. Dabei ist die Ernährungsunsicherheit im Süden des Landes am größten.

Auf der Flucht vor dem Hunger
Die Angolaner*innen, die an der Grenze zu Namibia leben, insbesondere in den Provinzen Cunene und Huíla, sind besonders stark von der anhaltenden Dürre betroffen. Die Regenzeit 2020/21 war ungewöhnlich trocken, was bedeutet, dass sich die Situation in den kommenden Monaten wahrscheinlich noch deutlich verschlimmern wird. Der Hunger hat seit Anfang März 2021 Tausende über die namibische Grenze getrieben, eine verzweifelte Maßnahme auf der Suche nach Lebensmitteln, Wasser und lebenswichtigen Diensten wie der Gesundheitsversorgung.

Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) berichtete, dass die lokalen namibischen Behörden bis März 2021 insgesamt 894 angolanische Staatsangehörige in den Regionen Omusati und Kunene registriert haben. Im Mai 2021 berichteten angolanische NRO, dass mehr als 7.000 Angolaner, hauptsächlich Frauen mit Kindern und Jugendlichen, nach Namibia geflohen sind, und die Zahl steigt weiter. Die angolanischen NRO bezeichnen sie als „Klimaflüchtlinge", da die Dürre und der Mangel an Ressourcen im Süden Angolas sie dazu gezwungen haben, als verzweifelte Maßnahme zum Überleben nach Namibia zu migrieren.

Landbesetzungen
Im Süden Angolas, insbesondere in den Provinzen Huíla und Cunene, ist der Hunger nicht nur eine Folge der Dürre. Die Ernährungsunsicherheit ist auch auf die Umwidmung von kommunalem Weideland für kommerzielle Landwirte zurückzuführen. So hat die Regierung 67 Prozent des Weidelandes in der Gemeinde Gambos ohne ordnungsgemäßes Verfahren von kommerziellen Viehzüchtern besetzen lassen, darunter große Teile des Vale de Chimbolela, das bei den Viehzüchtern als „Wiege der Rinder" bekannt ist, und Tunda dos Gambos, das übliche Weidegebiet der Viehzüchter in der Region. Die Regierung, deren Prioritäten 2020 bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie lagen, ergriff keine nachhaltigen Maßnahmen, um die Hirtengemeinschaften vor weiterer Landumverteilung zu schützen. Die von der Landnahme in den Provinzen Huíla und Cunene betroffenen Gemeinschaften bekamen auch keine Entschädigungen.


„Wie können sie Tunda besetzen? Tunda gehört vielen Menschen; es gehört den Mukubai; den Mahakavona; denen, die aus Ombwa kommen; denen, die aus Teka kommen... Dieser Ort gehört uns allen."
Viehhirte in der Provinz Huíla, November 2020


Neue Versuche irregulärer Landbesetzung
Auch 2020 gab es wieder Versuche, gemeinschaftliches Weideland der Hirtengemeinschaften unrechtmäßig zu besetzen. So soll ein kommerzieller Landwirt in der Provinz Huíla Vertreter einer Gemeinschaft mit Hilfe seiner Angestellten und unter Androhung von Gewalt gezwungen haben, ein Dokument per Fingerabdruck zu unterzeichnen, dessen Inhalt ihnen unbekannt war. Bis heute sind die Gemeindevertreter nach eigenen Angaben nicht über den Inhalt des unterzeichneten Dokuments informiert worden. Lokalen Berichten zufolge handelte es sich dabei um eine Landkonzession, die der kommerzielle Landwirt vor Gericht verwenden könnte, um seine illegale Landbesetzung zu legalisieren. Die Gemeindemitglieder geben jedoch an, nicht offiziell über ein Landregistrierungsverfahren informiert worden zu sein.

Da die Regierung es versäumt, ländliches Gemeindeland abzugrenzen und kommunale Urkunden für die Besetzung, den Besitz und das Nutzungsrecht auszustellen, sind die Hirtengemeinschaften weiterhin der Gefahr einer unrechtmäßigen Besetzung ihres Gemeindelandes sowie physischen und psychischen Schäden ausgesetzt.


„Ich habe gefragt: Warum sollen wir dieses Dokument unterschreiben? Sie sagten, wir sollten unterschreiben, um alles zu klären. Dann packte er mich am Handgelenk und sagte: Unterschreiben Sie! Ich sagte ihm, dass ich nicht einverstanden sei mit dem, was er mit mir mache."
Viehhirte in der Provinz Huíla, November 2020


„Unsere Kultur ist in Gefahr"
Der Süden Angolas verfügt über einen einzigartigen anthropologischen Reichtum. Ethnische Gruppen wie die Bantu und Prä-Bantu leben dort seit Jahrhunderten. Zur Veranschaulichung dieser ethnischen Vielfalt führen lokale NRO an, dass es unter den Prä-Bantu verschiedene Gruppen wie KhoiSan oder !Xhu, Kwisi, Kwepe und Vatwa gibt. Zu den Bantu-Gemeinschaften gehören die Vahelelo, zu denen Kuvale, Hakavona, Tyavikwa, Vandzimba, Himba und viele andere ethnische Gruppen gehören.

Ältere Menschen in den traditionellen Gemeinschaften gelten als lebende Bibliotheken und Bewahrer*innen von altem und einzigartigem Wissen, Werten und Prinzipien. Sie sind dafür verantwortlich, ihr Wissen und ihre Traditionen an jüngere Generationen weiterzugeben, einschließlich der Frage, wie man unter den örtlichen klimatischen und geografischen Bedingungen überleben kann. Lokale NRO berichten, dass die Abwanderung von Jugendlichen und Familien in städtische Gebiete und nach Namibia zu einer „menschlichen Verödung" der ländlichen Gebiete im Süden Angolas führt. Ältere Menschen und ihr altes Wissen werden zurückgelassen. Da sie oft nicht mehr in der Lage sind, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen, um nach Wasser oder Nahrung zu suchen, sind sie von Unterernährung bedroht.

Ohne ältere Menschen haben die Hirten nicht nur weniger Ressourcen, aus denen sie schöpfen können, sondern die gesamte Kultur der Hirten ist vom Aussterben bedroht. Das anhaltende Versäumnis der angolanischen Regierung, diese traditionellen Gemeinschaften zu schützen, hat zu diesem stillen Prozess des kulturellen Aussterbens und der „menschlichen Wüstenbildung" beigetragen.


„Die Besetzung von Gemeindeland hat das soziale Gefüge der ländlichen Gebiete in unserer Region zersplittert, den Familienzusammenhalt stark geschwächt und die Familien entzweit. Die stärksten Leute, die tatsächlich Lebensmittel anbauen konnten, sind gegangen."
Viehhirte in der Provinz Huíla, November 2020


Versagen der Regierung
Obwohl die angolanischen Gesetze – einschließlich der Verfassung, des Bodenrechts und des Umweltrechts – ländliches Gemeindeland als nicht verleihbares Land schützen, versagt die Regierung bei der Erfüllung ihrer Pflicht. Die Regierung hat es versäumt, Gewohnheitsland wie Tunda dos Gambos und Vale de Chimbolela als nicht verleihbares kommunales Weideland zu behandeln. Mit der Umwidmung von kommunalem Weideland für die kommerzielle Viehzucht, die Landbesetzungen ermöglicht, verletzt die Regierung ihre eigenen Gesetze und internationale Menschenrechtsverpflichtungen. Sie hat auch keine Regelungen vorgesehen, um die Auswirkungen der kommerziellen Landwirtschaft auf das Recht auf Nahrung abzumildern.

Amnesty International erkennt zwar an, dass Angola sich verpflichtet hat, den Klimawandel zu bekämpfen und seine Gemeinschaften vor seinen Auswirkungen zu schützen, insbesondere durch die Ratifizierung des Pariser Abkommens im Jahr 2020, die Einreichung seines national festgelegten Beitrags (NDC) im Mai 2021 und den Besuch des Präsidenten in der Provinz Cunene im Juli 2021, aber Angola muss dringend wirksame Klimaanpassungsmaßnahmen ergreifen, um die Widerstandsfähigkeit der traditionellen Gemeinschaften im Süden Angolas zu verbessern, die unter den negativen Auswirkungen der schweren Dürre leiden.

Amnesty International

Der Beitrag ist eine leicht gekürzte Übersetzung von „The End of Cattle's Paradise", Amnesty International, Juli 2021
https://www.amnesty.org/en/latest/campaigns/2021/07/the-end-of-cattles-paradise/