Heft 5/2021, afrika süd-dossier: Klimakrise im südlichen Afrika

Europa darf Afrika im Klimaschutz nicht im Stich lassen

„Wir sind Lichtjahre von unseren Zielen entfernt", warnte UN-Generalsekretär António Guterres zum Auftakt des Welternährungsgipfels am 23. September in New York. Das Zeitfenster schließe sich, um die Klimakrise noch einzudämmen. China und die USA haben vor dem im November anstehenden Klimagipfel in Glasgow zwar nicht ausreichende, zumindest aber doch ein wenig ermutigende Zusagen gemacht. Die USA wollen ihre Klimahilfen an ärmere Länder verdoppeln, China will die Entwicklung von grünen Energien verstärken und keine neuen Kohlekraftwerke im Ausland mehr bauen.

Für die Länder des Globalen Südens, die am meisten unter der Klimakrise leiden, sind das nur vage Hoffnungen. Große Teile des südlichen Afrika leiden unter seit Jahren anhaltender Dürre und immer häufigeren Zyklonen und Überschwemmungen. Der Süden Madagaskars ist ebenso von einer verheerenden Hungersnot betroffen wie die südlichen Provinzen Angolas, wo die pastorale Bevölkerung über die Grenze nach Namibia flieht.

Die Rahmenbedingungen für den Klimaschutz sind in Ländern Afrikas und des Globalen Südens allerdings noch schwach ausgebildet. Dies liegt nicht nur an organisatorischen sowie verwaltungstechnischen Gegebenheiten und Mängeln, sondern auch an entwicklungsbezogenen Prozessen, die dem vielerorts unreflektierten Wunsch folgen, Afrika zu industrialisieren wie das „Vorbild Europa". Eine Kette von Reaktionen wird zum Beispiel durch den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft sowie Müll aus Fabriken ausgelöst. All das gelangt in die Flüsse und fließt schließlich ins Meer. Hierdurch werden ganze Mangrovenwälder zerstört und die darin lebenden Organismen und Fische vernichtet. Der gesamte biologische Kreislauf geht verloren, was einen Teufelskreislauf mit sich zieht: die Verschmutzung der Gewässer führt zum Rückgang des Fischfangs, hieraus folgen Nahrungsknappheit und im schlimmsten Fall Hungersnot, was wiederum dazu führt, dass immer mehr Menschen auswandern.

Den Europäern nachzueifern und die Länder Afrikas zu industrialisieren, mag zwar gut gemeint sein, jedoch haben die unangepassten und energieintensiven Technologien negative Auswirkungen auf das Klima auf dem afrikanischen Kontinent. Doch Afrika hat auch die Chance, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Denn die afrikanischen Länder haben größtenteils die klimaschädlichen Entwicklungsschritte der Industrialisierungszeit ausgelassen.

Bereits jetzt steht der Kampf gegen Extremwetter und Wassermangel auf dem Plan. Armut, soziales Gesellschaftsgefälle und Bevölkerungswachstum beeinträchtigen das Ganze noch zusätzlich. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind in vielen afrikanischen Staaten gefährdet oder noch im Werden begriffen. Doch genau das wäre für die Schaffung von Klimaschutz eine essenzielle Rahmenbedingung.

Seit über 30 Jahren ist in Europa das Bemühen für einen besseren Umweltschutz im Gange. Die Gesellschaft hat es sich zum Ziel gesetzt, für einen besseren Klimaschutz in der Gegenwart und Zukunft zu kämpfen. Auf der Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro unterzeichneten 154 Staaten die ausgehandelte Klimakonvention der Vereinten Nationen, die zwei Jahre später, also 1994, in Kraft trat. Aufgrund mehrerer Umweltkatastrophen erkannte die Staatengemeinschaft die globale Erderwärmung als Problem an und verpflichtete sich zugleich zum Handeln. Wenige Jahre später, 1997, folgte das Kyoto-Protokoll. Es wurde bereits auf der dritten Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention verabschiedet. Diese enthielt erstmals rechtsverbindliche Verpflichtungen zum Klimaschutz für die Industrieländer. Das Ziel: die Treibhausgasemissionen zu verringern.

In Europa und Deutschland ist der Druck durch Gesellschaft und Umweltverbände auf Politik und Industrie mittlerweile so stark, dass die Gesellschaft sowie die Industrie Veränderungen im Bereich Klimaschutz vollziehen. Das Bundesverfassungsgericht hat die Bundesregierung darauf verpflichtet, das Klimaschutzgesetz im Sinne künftiger Generationen nachzubessern und an die Vorgaben des Grundgesetzes anzupassen. Das hat zur Folge, dass die Industrie verpflichtet ist, neue Technologien zu entwickeln und Produktionsverfahren gemäß eines nachhaltigen Klimaschutzes anzupassen.

Obwohl es seitens der Afrikanischen Union und SADC verschiedene Richtlinien zum Klimaschutz gibt, sieht die Umsetzung in Afrika anders aus. Auch das Pariser Klimaschutzübereinkommen von 2015 hat nicht gereicht, die komplexeren Herausforderungen des Klimaschutzes in Afrika anzugehen. Die Industrieländer müssen der rechtsverbindlichen Verpflichtung zu Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung auf globaler Ebene wie auch im südlichen Afrika nachgehen. Der alte afrikanische Nachbarkontinent Europa soll weiter mithelfen. Gemeinsame Verpflichtungen zum Umweltschutz zwischen Europa und Afrika sind mehrfach verabschiedet worden. Nun muss die angepasste Implementierung folgen, gesellschaftlich und naturnah.

Sultan Mussa

Der Autor war früher Projektbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Mosambik.