Heft 5/2021, afrika süd-dossier: Klimakrise im südlichen Afrika

Fracking in Zeiten der Klimakrise?

DIE ÖLBOHRUNGEN IM OKAVANGOBECKEN HABEN BEGONNEN. Wenn die riesigen dort vermuteten Erdölfelder nicht nur konventionell, sondern mit Fracking gefördert werden sollten, ist das weltberühmte Okavango-Ökosystem bedroht (s. afrika süd 2-2021) – und das ausgerechnet zu Zeiten einer sich zuspitzenden Klimakrise.

Größer könnte der Kontrast kaum sein: Auf der einen Seite ist das Okavangodelta eine riesige Oase inmitten der trockenen Kalahari, einer Trockensavanne, die durch ihren Sand sogar von manchen als Wüste bezeichnet wird. Das Okavangodelta hingegen bildet das größte Feuchtgebiet Afrikas.

Der Okavango, auch Kavango oder Kubango genannt, durchfließt auf seiner 1700 km langen Strecke Angola, Namibia und Botswana und durchquert dabei Afrikas größten Verbund von Schutzgebieten: die Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area (KAZA). 2011 wurde die KAZA durch die zugehörigen Länder Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe gegründet. Mit einer Fläche von fast 520.000 km2 ist der Verbund ungefähr so groß wie Spanien und beinhaltet dabei zugleich 36 einzelne Nationalparks und Wildreservate. Dieses einzigartige Gebiet ist Heimat von unfassbarer Flora und Fauna. Dazu zählen Afrikas größte Elefantenpopulation sowie verschiedene Tierarten, die als (stark) gefährdet oder gar als vom Aussterben bedroht gelten, darunter u. a. der Afrikanische Wildhund. 2014 wurde das in Botswana liegende Okavangodelta zum 1000. Unesco-Welterbe ernannt.

ReconAfrica hat mit Bohrungen begonnen
Doch die Schönheit und Einzigartigkeit ist in Gefahr, genau wie die Tier- und Pflanzenwelt sowie die 200.000 Menschen, die inmitten dieser Oase leben. Das kanadische Unternehmen Reconnaissance Energy Africa Ltd. (ReconAfrica) vermutet bereits seit einiger Zeit, dass im Grenzgebiet von Namibia und Botswana 120 Mrd. Barrel Erdöl lagern. Somit würde sich hier im Okavangobecken das größte Erdölfeld der Welt verbergen. Allein die USA würden 16 Jahre benötigen, um das gesamte hier vermutete Erdöl zu verbrauchen.

In der derzeitigen globalen Diskussion, in der die Förderung von Erdöl bzw. Erdgas eher als verschärfendes Element für den Klimawandel angesehen wird, sollte man eigentlich davon ausgehen, dass das Okavangobecken von Erdölinteressen unberührt bleibt. Doch ReconAfrica hat bereits 2015 eine vierjährige Explorationslizenz für stratigraphische Bohrungen in Namibia erhalten. Das genehmigte Explorationsgebiet liegt inmitten der KAZA-Zone und in direkter Nähe zu drei namibischen Schutzgebieten: Khaudum, Mangetti und Bwabwata. Ab Juni 2020 gilt nun auch die vierjährige Explorationslizenz für den Nordwesten Botswanas. Das gesamte nun lizensierte Explorationsgebiet von ReconAfrica umfasst somit ca. 35.000 km2 und liegt inmitten eines ökologisch sensiblen und geschützten Gebietes, welches das Okavangodelta speist.

Noch 2020 gab die namibische Regierung an, ReconAfrica keine Erlaubnis zur Förderung von Erdöl erteilt zu haben. Die Explorationslizenz beliefe sich ausschließlich auf Testbohrungen. Doch warum sollte ein kanadisches Unternehmen Testbohrungen in Afrika durchführen, wenn nicht die Chance bestünde, dort im weiteren Verlauf auch Erdöl zu fördern? Es verwundert also nicht, dass im August 2020 ReconAfrica in einer Pressemitteilung bekannt gab, dass man bei erfolgreicher Exploration sowohl auf namibischer als auch auf botswanischer Seite Erdöl bzw. -gas über einen Zeitraum von 25 Jahren fördern wolle.

Im April 2021 war es dann soweit: ReconAfrica teilte in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit dem namibischen Ministerium für Energie und Bergbau mit, dass man bei ersten Probebohrungen in der Nähe bzw. entlang des Okavangos sowohl auf namibischer als auch auf botswanischer Seite auf Erdöl gestoßen sei. Doch was bedeutet dieser Erdölfund nun für die Region?

Sowohl ReconAfrica als auch Namibias Minister für Bergbau und Energie argumentieren mit der Generierung von Arbeitsplätzen, die für die gesamte Region vorteilhaft sei. Die Kavango-Region im Nordosten Namibias ist die ärmste Region des Landes. Die Arbeitslosenquote liegt bei fast 50 Prozent. Auch wenn mögliche Arbeitsplätze in der Erdölförderung eine positive Aussicht erwecken lassen, so besteht insbesondere bei den Anwohner*innen die Angst, dass, wenn die Förderstellen einmal in vollem Einsatz stehen, die Jobs nur an besser qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland vergeben werden.

Die namibische Regierung verfügt über einen zehnprozentigen Anteil an der Erdölerschließung durch ReconAfrica. Doch wie passt diese Beteiligung damit zusammen, dass die namibische Regierung sagt, ReconAfrica habe keine Erlaubnis zur Förderung von Öl geschweige denn für Fracking? Neben diesen teils fragwürdigen Umständen ist die Förderung fossiler Brennstoffe selbstverständlich auch unter den Vorzeichen einer sich zuspitzenden Klimakrise hochproblematisch. So bezeichnet die Deutsche Umwelthilfe die Erdölförderung als einen rückwärtsgewandten Weg.

Damoklesschwert Fracking
Zudem liegt das Explorationsgebiet und somit auch das mögliche Ölfördergebiet inmitten des geschützten Gebietes der KAZA und dazu noch in direkter Nähe zum Unesco-Welterbe – dem Okavangodelta. Allein die problematische Lage am Oberlauf des Okavangos deutet an, dass die Förderung von Öl gravierende Folgen insbesondere auf ökologischer Ebene mit sich ziehen kann. Dies wird zudem dadurch verstärkt, dass ReconAfrica bereits frühzeitig Aussagen tätigte, die den Einsatz „unkonventioneller Bohrmöglichkeiten" beinhalteten. Es kann davon ausgegangen werden, dass hiermit die höchst umstrittene Erdölförderung durch Fracking gemeint ist. Diese Andeutungen wurden im Juni 2020 zusätzlich durch Scot Evans, Geschäftsführer von ReconAfrica, untermauert. Dieser rühmte sich damit, nun bei ReconAfrica einen hochrangigen Frackingexperten im Team zu haben.

Nach Protesten von SOUL (Save the Okavango's Unique Life) und Fridays For Future Windhoek hat ReconAfrica zwar dementiert, Fracking-Absichten zu hegen, nicht aber die Absicht, Erdöl zu fördern. Die namibische Regierung gibt an, dass die bisherigen Lizenzen von ReconAfrica ausschließlich der Exploration, nicht aber der Förderung von Öl dienten. Bei einer Erdölförderung durch Fracking müssten weiterführende Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) durchgeführt werden. Die bislang durchgeführten UVP zeigen laut namibischem Umweltministerium keine negativen ökologischen Auswirkungen durch die Förderung von Erdöl. Kritiker*innen sehen dies gänzlich anders. Beim Fracking bestehe stets die Gefahr der Oberflächen- und Grundwasserverschmutzung. Bereits ungesicherte Testbohrungen könnten zu eklatanten und irreversiblen Schäden führen. Hinzu kommt, dass Erdölförderung durch Fracking das Risiko für Erdbeben erhöht.

Diese allgemeinen Probleme werden im möglichen Fördergebiet durch lokale Gegebenheiten verstärkt. Das Okavangobecken ist bereits ohne Fracking seismisch aktiv. Fracking würde die bereits bestehende Erdbebengefahr somit deutlich erhöhen. Hinzu kommt, dass im Okavangobecken ein semi-arides Klima herrscht. Die Erdölförderung durch Fracking benötigt jedoch einen enormen Wasserverbrauch. Pro Bohrung werden durchschnittlich 19 Mio. Liter Süßwasser benötigt. Bereits die Testbohrungen benötigen Unmengen an Wasser. Woher das Wasser stammen wird, das für die Bohrungen benötigt wird, ist umstritten. Die National Geographic gibt an, dass das Wasser aus dem namibischen Omatako, der später in den Okavango fließt, entnommen werden soll. Das Onlinemagazin „Yale Environment 360" weist hingegen darauf hin, dass der Okavango die einzig nutzbare Wasserquelle sei und dieser direkt im Lizenzgebiet von ReconAfrica fließen würde.

Die enormen Wassermengen, die zur Ölförderung benötigt werden, sind in der durchgeführten UVP jedoch vernachlässigt worden. Doch gerade diese haben zur Folge, dass die in der Region ohnehin schon knappe Ressource Wasser weiter minimiert wird, was wiederum direkte Auswirkungen auf Flora, Fauna und Menschen hat. Das derzeit intakte Ökosystem rund um das Okavangodelta könnte zerstört werden und dies könnte dazu führen, dass der Status als Unesco-Welterbe aberkannt würde.

Die Förderung von Erdöl, gleich ob mit konventionellen Methoden oder per Fracking, benötigt zudem eine funktionierende Infrastruktur. Hierfür müssten u. a. weitere Straßen, die auch für Schwerlasttransporte geeignet sind, erbaut werden. Das würde die Lebensräume von Tieren verkleinern und fragmentieren. Zugleich ist die Sorge groß, dass durch den Zustrom an Ölarbeiter*innen die Nachfrage nach Wildfleisch steigen könnte. Zumal der Abtransport gewilderter Tiere durch neu erbaute Straßen vereinfacht wird.

Für die lokale Bevölkerung stellt die Förderung von Erdöl eine existenzielle Bedrohung dar. Die damit verbundene Senkung des Grundwasserspiegels ist gerade für die lokale Bevölkerung eine enorme Gefahr, da diese sich meist durch handbetriebene Brunnen und Pumpen mit Wasser versorgen. Bei einer Absenkung des Grundwasserspiegels ist dies jedoch nicht oder nur noch erschwert möglich.

In der Region wird der Lebensunterhalt meist durch Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus erwirtschaftet – all dies wäre bei der Förderung von Erdöl in Gefahr. Bisher kann sich Namibia zu 70 Prozent selbst ernähren. Doch Erdölförderung, insbesondere Fracking, bedroht die Farmen im Explorationsgebiet, was zu einer Verschärfung der Nahrungsmittelunsicherheit im gesamten Land führen könnte. Auch die Einnahmen aus dem Tourismus, die bislang 13 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) in Botswana ausmachen, könnten drastisch abnehmen. Grund hierfür ist, dass die vorhandene Flora durch Ölförderung zerstört wird, was wiederum zur Verdrängung von Wildtieren führt.

Hinzu kommt, dass die traditionelle Lebensweise der indigenen Gemeinschaft der San, die seit über 40.000 Jahren in diesem Gebiet lebt, gefährdet ist. Der San-Aktivist Q7 Beckett befürchtet, dass manche San erst von der Erdölförderung erfahren könnten, wenn es bereits zu spät ist und die Förderung schon begonnen hat.

Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass die lokale Bevölkerung an den Gewinnen beteiligt werden soll. Vielmehr besteht der Vorwurf, dass ReconAfricas Erdölförderung eine aggressive und neokoloniale Ressourcenextraktion sei. Die lokale Bevölkerung zahlt also einen hohen Preis für die Erdölförderung. Denn insbesondere Fracking steht in der Kritik, schwerwiegende Gesundheitsschäden mit sich zu bringen. Die toxischen Gase sollen Krebs, Geburtsfehlbildungen und andere schwerwiegende Langzeitgesundheitsschäden auslösen.

Petition gegen das Vorhaben
Auch die Aktivistin und Künstlerin Ina-Maria Shikongo sieht die negativen Folgen von Fracking als weitaus gravierender als die potenziellen positiven Gewinne durch die Förderung von Erdöl im Okavangobecken. Gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe hat Shikongo eine Petition gestartet. Darin fordern sie die deutsche Bundesregierung auf, sich für den Erhalt der Lebensgrundlage von Mensch und Tier in der KAZA, dem Okavangodelta sowie den umliegenden Gebieten einzusetzen. Dafür soll eine erneute UVP durchgeführt werden, da die vorliegende UVP weder neutral noch länderübergreifend gewesen sei. Betroffene Gemeinschaften wie die San seien am stärksten von Erdölförderungen durch ReconAfrica betroffen. Jedoch sei die im Gebiet wohnende Bevölkerung nicht über die Pläne der Erdölförderung informiert oder in den Planungsprozess sowie die UVP miteinbezogen worden. Zudem beklagen sich Anwohner*innen, dass die Testbohrungen, die seit Januar 2021 laufen, bereits jetzt zu unfassbarem und durchgängigem Lärm führten.

Eine Ölförderung ist aus Petitionssicht zudem nicht vereinbar mit den Förderzielen der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Die KfW unterstützt seit 2012 mit 35,5 Mio. Euro Steuergeldern das grenzüberschreitende Friedensprojekt der KAZA. Hierbei liegt ihr Fokus insbesondere auf dem Naturschutz, standortgerechtem Landbau sowie der Förderung von (Öko)-Tourismus. Die Gefahren der Ölsuche spielt die KfW bislang herunter und das, obwohl sie im Gegensatz zu ihren Förderzielen stehen. Zudem fordert die Petition, dass das Gebiet des Unesco-Welterbes ausgeweitet wird und somit auch angolanische Flächen miteinbezogen werden, denn genau hier entspringt der Okavango. Angola hat zudem das bislang bestehende Ölförderverbot aufgehoben.

Die Petition wurde am 2. Juni 2021 mit 126.635 Unterschriften an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Berlin übergeben. Hierfür wurde vorab ein Termin mit Günter Nooke, dem persönlichen Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin, vereinbart. Doch am Tag der Petitionsübergabe wurde dem namibischen Aktivisten, der an der Petition mitgearbeitet hat, Israel Kaunatjike, der Zutritt auf das BMZ-Gelände verwehrt. Daraufhin entschloss sich das Petitionsteam, den Termin mit Nooke abzusagen und die Unterschriften zusammen mit Kaunatjike sowie Andy Gheorghiu, der für die Initiative SOUL tätig ist, außerhalb des BMZ an eine Vertreterin des Ministeriums zu übergeben. Die Petition läuft weiter und das Team hofft auf tatkräftige Unterstützer*innen. Denn nur durch Petitionsunterschriften sowie Spenden u. a. zur Finanzierung der Beantragung des Welterbes sieht das Team eine Chance darin, die Ölförderabsichten im Okavangobecken aufhalten zu können.

Annika Heck

Die Autorin ist Masterstudentin im Fach Geographie mit Schwerpunkt Entwicklungsgeographie und Geographische Gesundheitsforschung. Derzeit ist sie als Praktikantin bei der issa tätig.