Heft 5/2021, afrika süd-dossier: Klimakrise im südlichen Afrika

Fridays for Future Afrika

„What do we want? – Climate Justice! – When do we want it? – Now!", so tönt es in den vergangenen Jahren immer wieder durch deutsche und europäische Städte. Junge Menschen gehen an Freitagen auf die Straßen, um für eine bessere Zukunft und das Einhalten der Klimaziele zu kämpfen. Die Klimastreiks gehen auf die schwedische Schülerin Greta Thunberg zurück. 2018 boykottierte die damals 15-jährige die Schule, um mit einem Sitzstreik vor dem schwedischen Reichstagsgebäude gegen die nationale Klimapolitik zu protestieren. Thunberg traf damit den Nerv der Zeit und schon bald schlossen sich weitere Schüler*innen in Schweden und zunehmend auch im europäischen Ausland der Fridays-for-Future-Bewegung an. Ihre Forderung: Die Regierungen sollen ihre Maßnahmen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene so ausrichten, dass eine Erderwärmung so weit wie möglich minimiert wird. Hierzu sollen sich die Länder an die Grundsätze des Pariser Klimaabkommens halten, welches 2015 von 195 Staaten unterzeichnet wurde.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, blieben Jugendliche und junge Erwachsene immer häufiger an Freitagen dem Schulunterricht fern, um auf der Straße für erneuerbare Energien, Klimagerechtigkeit und vieles mehr zu demonstrieren. Hierbei war die europäische Jugend nicht nur auf den Straßen präsent. Nein, auch in den Medien wurde und wird viel und ausführlich über die streikenden Fridays-for-Future-Aktivist*innen berichtet.

Verfolgt man die Berichterstattung, so beschleicht einen das Gefühl, dass Fridays for Future hauptsächlich in Europa aktiv wäre. Aber das ist ein Irrtum! Jugendliche in Australien, China, den USA oder Brasilien rufen ebenfalls zu Schulstreiks auf, versammeln sich und protestieren lautstark, wenn auch in kleinerem Maße als in Europa. Doch was ist mit den jungen Menschen in Afrika? Der Kontinent, auf dem 14 Prozent der Weltbevölkerung leben. Der Kontinent, der nach Angaben der Vereinten Nationen am härtesten von den Folgen des Klimawandels getroffen wird. Hat die Fridays-for-Future-Bewegung Afrika bislang nicht erreicht?

Die afrikanische Greta
Anders als es in den Medien erscheint, steht auch die afrikanische Jugend nicht still. Auch hier haben sich Schüler*innen und Student*innen vereint und sich der mittlerweile globalen Fridays-for-Future-Bewegung angeschlossen. Zu ihnen zählt unter anderem Vanessa Nakate, die von manchen auch die afrikanische Greta genannt wird. Die mittlerweile 24-jährige Uganderin erkannte während einer Recherche, dass ihr Heimatland von Landwirtschaft abhängig ist und dass die Erderwärmung die arme Bevölkerung am härtesten treffen wird. Zugleich stieß Nakate auch auf Thunbergs Schulstreiks, die sie inspirierten, im Januar 2019 selbst vor dem ugandischen Parlament zu streiken. Auch ihr schlossen sich bald weitere Schüler*innen und Student*innen an. Gemeinsam fordern sie ihre eigene Regierung auf, die Treibhausgasemissionen zu minimieren. Und Nakate hat weitere Visionen. So startete sie unter anderem das Green Schools Project, welches an ugandischen Schulen Solarenergie und umweltfreundliche Öfen implementiert.

Der Aktivistin Fatou Jeng gehen Schulstreiks allein nicht weit genug. Die aus Gambia stammende Studentin ist der Überzeugung, dass streikende Schüler*innen nicht die beste Lösung für das eigene Land seien. In Gambia liegt die Analphabetenrate bei ca. 50 Prozent – Bildung gilt somit als Privileg, was dazu führt, dass nur wenige Verständnis für streikende Schüler*innen zeigen. Jeng fordert die Schüler*innen auf, im Klimaschutz selbst aktiv zu werden. Und so geht sie mit bestem Beispiel voran: Bereits 2017 gründete Jeng „Clean Earth Gambia". Die Organisation hat schon 5000 Kokospalmen gepflanzt und weitere 3000 sollen folgen, um das Abrutschen der Küste vor der Hauptstadt Banjul zu verhindern. Denn bereits jetzt hat die Stadt mit Flut und Starkregen zu kämpfen. Ohne Intervention droht ein Großteil der Stadt bis 2050 im Meer zu versinken. Und mit ihr, so befürchtet Jeng, könnten viele Menschen sterben und so das kulturelle Erbe der Nation für immer zerstört sein. Auch wenn es den Regierungen oftmals an finanziellen Mitteln fehlen würde, so wird Jengs Projekt doch durch Gambias Umweltminister unterstützt.

Sich Gehör verschaffen
Doch nicht immer stoßen die afrikanischen Aktivist*innen auf Unterstützung. Oftmals erleben sie eine innere Zerrissenheit. Sie protestieren für ein und dieselbe Sache Seite an Seite mit anderen Aktivist*innen rund um den Globus. Das erzeugt ein Gefühl von Gemeinschaft, von Zugehörigkeit. Doch zugleich überkommt sie das Gefühl der Einsamkeit, das Gefühl, nicht gehört und gesehen zu werden. So müssen sich die afrikanischen Aktivist*innen zunächst in ihrem eigenen Land Gehör verschaffen. Nicht selten berichten sie darüber, dass die anfänglichen Vorbehalte nicht nur von Fremden, sondern oftmals auch aus der eigenen Familie kamen. Doch sie haben nicht aufgegeben, sind nicht leiser geworden, sondern vielmehr lauter. So laut, dass sie auch international gesehen werden.

So kam es, dass Nakate im Januar 2020 mit zwanzig anderen Klimaaktivist*innen zum Weltwirtschaftsforum in Davos reiste. Doch auch hier zeigte sich, dass die afrikanischen Aktivist*innen weit weniger beachtet werden als ihre europäischen Mitstreiter*innen. Der Bildredakteur der Nachrichtenagentur Associated Press schnitt Nakate nachträglich aus einem Foto mit Fridays-for-Future-Aktivistinnen heraus, sodass schlussendlich ausschließlich weiße Aktivistinnen – darunter Greta Thunberg und Luisa Neubauer – zu sehen waren. Auf Twitter kommentierte Nakate „Ihr habt nicht nur ein Foto gelöscht. Ihr habt einen Kontinent gelöscht." Gerade solch ein Foto wäre eine gute Möglichkeit gewesen, international darüber zu berichten, dass neben europäischen Aktivist*innen auch junge Menschen aus Afrika sich für eine gerechte und nachhaltige Klimapolitik engagieren.

Die afrikanischen Aktivist*innen lassen sich auch durch derlei Außerachtlassung nicht einschüchtern und bleiben hartnäckig. So fordern sie nicht nur die eigenen Regierungen auf zu handeln. Sie erkennen an, dass in den letzten Jahren in vielen Ländern bereits Gesetze, die eine bessere Klimapolitik garantieren sollen, erlassen wurden. Doch oftmals beklagen die afrikanischen Aktivist*innen, dass diese Gesetze zwar auf nationaler Ebene beschlossen werden, jedoch keine Maßnahmen zur Umsetzung auf lokaler Ebene getroffen würden. So fordern sie eine bessere Überwachung der Implementierung und Einhaltung. Zugleich ist den afrikanischen Aktivist*innen auch bewusst, dass es nicht reicht, ihre eigenen Regierungen zur Erlassung und Überprüfung von Gesetzen und Maßnahmen aufzurufen.

Zwar spüren die afrikanischen Länder die Folgen des Klimawandels am meisten, doch sie sind zugleich nur für sieben Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. So fordern die Aktivist*innen, dass insbesondere Staaten mit hohen Treibhausgasemissionen ihre Klimapolitiken zum Schutz des globalen Klimas verändern müssen, um so auch die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent zu schützen. Denn ein Denken rein in nationalen Maßstäben ist im Kampf gegen den Klimawandel nicht zielführend. So ruft u. a. Fridays for Future Südafrika auf, sich am 24. September 2021 beim globalen Klimastreik zu beteiligen und in Kapstadt auf die Straße zu gehen.

Annika Heck