Heft 5/2021, afrika süd-dossier: Klimakrise im südlichen Afrika

Kann das im Boden bleiben?

ENERGIE- UND ROHSTOFFWENDE WERDEN OFT GEGENEINANDER AUSGESPIELT. Für die Energiewende, so heißt es, brauche man große Mengen an metallischen Rohstoffen. Ein Beispiel dafür ist die DR Kongo, in der Kobalt meist unter menschenunwürdigen und umweltschädlichen Bedingungen gefördert wird. Hier birgt der Abbau von Kobalt ein hohes Risiko vor allem für die Schürfer*innen im Kleinbergbau und die Bevölkerung in den Abbaugebieten. Doch kann ein Umlenken der unfairen Abbaubedingungen von mineralischen Rohstoffen sowie die Abkehr von fossilen Rohstoffen gelingen, ohne einen neuen fatalen Rohstoffhunger zu befeuern? Die Autorinnen plädieren für eine globalgerechte Transformation.

Metallische Rohstoffe sind die materielle Basis einer Energie- und Mobilitätswende. Das macht sie zu einer wichtigen Zutat im Kampf gegen die Klimakrise und für den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern, die sowohl ökologisch als auch menschenrechtlich höchst problematisch sind. Technologie und Infrastruktur für erneuerbare Energien, aber auch Digitalisierung und wachsende Mobilitätsbedürfnisse tragen zu einer wachsenden Primärförderung von Technologiemetallen, etwa Lithium, Kobalt, Nickel und Seltene Erden, aber auch sogenannte Massenmetalle wie Kupfer und Aluminium, bei. Global wird sich die Inanspruchnahme metallischer Primärrohstoffe daher auf absehbare Zeit deutlich erhöhen. Zugleich sind die ökologischen und menschenrechtlichen Auswirkungen des Rohstoffabbaus schon heute Treiber für soziale Missstände und Konflikte sowie für Umweltzerstörung in den Produktionsländern, wie anhand des Kobaltabbaus in der DR Kongo aufgezeigt wird.

Kobaltabbau in der DR Kongo
Die DR Kongo verfügt mit rund 64 Prozent (rund 76.000 Tonnen) über den Hauptanteil des weltweiten Kobaltvorkommens. Kobalt wird vor allem für die leistungsstarken Batterien in der E-Mobilität benötigt. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Kobalt wird sich der Gesamtbedarf an Kobalt bis zum Jahr 2026 mehr als verdoppeln. Allerdings zählt dieser mineralische Rohstoff zu den sogenannten kritischen Rohstoffen. Kritisch sind diese Rohstoffe aus verschiedenen Gründen: Aus Sicht der Industrieverbände vereinen sich bei Kobalt eine hohe Angebotskonzentration in wenigen Ländern mit dem hohen Risiko bzgl. der dort herrschenden politischen Stabilität, insbesondere in der DR Kongo. Aus der Perspektive der Menschenrechts- und Umweltorganisationen sind die Rohstoffe vor allem kritisch mit Blick auf Menschenrechtsverletzungen beim Abbau, die Zerstörung von Ökosystemen und damit der Lebensgrundlage der Bevölkerung in den Abbaugebieten.

Die Kobaltförderung in der DR Kongo konzentriert sich auf die beiden Provinzen Haut-Katanga und Lualaba. In den nächsten Jahren wird der Anteil der Kobaltförderung in der DR Kongo weiter zunehmen, sowohl im industriellen wie auch im Kleinbergbau. An dieser Stelle soll es nur um den Kleinbergbau gehen. Rund 20 Prozent des Kobalts wird artisanal, d. h. nicht industriell, abgebaut. Diese Zahl steigt, da der meist ungeregelte Kleinbergbau ein wichtiger Einkommenssektor für die Bevölkerung in den rohstoffreichen Regionen ist. Allerdings sind viele Risiken damit verbunden, da der Kleinbergbau häufig ohne staatliche Kontrollen und rechtliche Absicherungen stattfindet. Die Arbeiter*innen arbeiten meist unter prekären Bedingungen. Es fehlt an ausreichender Schutzbekleidung und Sicherheit. So setzen sie sich nicht nur in selbstgebauten Tunneln und ungesicherten Gruben Gefahren aus – allein im Zeitraum von Oktober 2014 bis Oktober 2015 wurden 72 Todesfälle bei einstürzenden Tunneln oder anderen Vorfällen in diesem Sektor gezählt. Auch die gesundheitsschädlichen Risiken sind hoch. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann Kobaltstaub langfristige Atemwegserkrankungen verursachen.

Oft arbeiten auch Kinder und Jugendliche im Kleinbergbau. Sie sortieren und waschen die Mineralien aus und betätigen sich als Träger*innen. Die grassierende wirtschaftliche Armut ist eine der Hauptursachen für die Arbeit von Minderjährigen. Kongolesische Nichtregierungsorganisationen (NRO) und kirchliche Verbände nennen zudem die ökologischen Probleme beim Kleinbergbau, aber vor allem beim industriellen Bergbau. So fehlen Sensibilisierungsmaßnahmen für den Umweltschutz, stillgelegte Gruben werden nicht rehabilitiert und bleiben oftmals bestehen, Gewässer und Trinkwasserzufuhren werden durch Auswaschungen der Mineralien verschmutzt.

Konflikte zwischen Groß- und Kleinbergbau
Ein weiteres Problem ist der zunehmende Konflikt zwischen dem industriellen Bergbau und den Kleinschürfer*innen. Im Gegensatz zum Großbergbau sind die meist in (wenig funktionierenden) Kooperativen arbeitenden Kleinschürfer*innen von einer fehlenden Rechtslage, fehlenden wirtschaftlichen Zugang zu lukrativen Konzessionen und fehlender Gleichbehandlung durch Zwischenhändler*innen und Abnehmer*innen betroffen. Die Konflikte nehmen parallel zur erhöhten Nachfrage nach Kobalt zu. Es kommt zu Streitigkeiten um Abbaurechte und fehlende Konzessionen für die Kleinschürfer*innen. Diese dringen auf Konzessionsgebiete der Bergbauunternehmen ein, um zu schürfen und dadurch ihre Lebensgrundlage sichern zu können. In diesem Zusammenhang kommt es häufig auch zu Gewalt zwischen dem Sicherheitspersonal von Bergbauunternehmen und Kleinschürfer*innen. Die Opfer sind zumeist Letztere. Des Weiteren stehen die Kleinschürfer*innen am Ende der Profitkette und bekommen den geringsten finanziellen Anteil ab. Zwar birgt der Kleinbergbau einen größeren Gewinn als die landwirtschaftliche Produktion, ist aber von vielen Variablen abhängig und birgt etliche Gefahren.

Angesichts dieser prekären Lage in der Rohstoffförderung stellt sich die Frage, wie man sie gerecht und ökologisch gestaltet, damit die lokale Bevölkerung auch tatsächlich davon profitieren kann: Zum einen müssen menschenrechtliche und ökologische Sorgfaltspflichten in der gesamten Lieferkette verbindlich verankert werden und die Bedürfnisse der Kleinschürfer*innen viel stärker in den Fokus genommen werden. Das bedeutet vor allem eine formelle Verankerung des Kleinbergbaus in die Kobalt-Lieferkette sowie die Stärkung von Kooperativen. Es gilt aber auch, die Diversifizierung der Wirtschaft in den Abbauländern zu unterstützen und alternative Einkommensquellen für die lokale Bevölkerung in den Abbaugebieten zu erschließen.

Kreislaufwirtschaft: Wie man den Rohstoffverbrauch absolut senken kann
Doch eines sollte nicht vergessen werden: Umweltauswirkungen und Menschenrechtsrisiken des Bergbausektors werden am besten angegangen, wenn möglichst viele Rohstoffe im Boden bleiben. Daher liegen die zentralen Stellschrauben zur rohstoffschonenden Energiewende im Globalen Norden. Um einen schnellen Ausbau des erneuerbaren Energiesystems zu gewährleisten und zugleich den Nachfragedruck auf die primäre Rohstoffförderung so gering wie möglich zu halten, ist es zwingend notwendig, den Rohstoffverbrauch zu reduzieren. Dazu braucht es Strategien zur Reduktion, zum Ersatz und Recycling im Rahmen einer echten Kreislaufwirtschaft, insbesondere in jenen Sektoren, die heute in hohem Maße von der Zufuhr primärer metallischer Rohstoffe abhängen. Hierunter fallen insbesondere der Verkehrs-, der Bau- und Wohn- sowie der Elektroniksektor. Reduktionsstrategien müssen daher u. a. Mobilitätskonzepte beinhalten, die weniger rohstoffintensive Mobilitätsformen fördern und das vorherrschende Paradigma des privaten Autobesitzes ablösen. Auch die Förderung weniger flächenintensiver Wohnformen, die Umsetzung des Rechts auf Reparatur sowie die Schaffung eines Ordnungsrahmens für nachhaltige Produkte sind wichtige Werkzeuge. Wie hoch unser Ressourcen- und Rohstoffverbrauch künftig sein wird, hängt auch maßgeblich davon ab, inwieweit politische Rahmensetzungen digitale Entwicklungen zugunsten des Ressourcenschutzes steuern.

Unter Berücksichtigung der zuvor skizzierten Aspekte und mit einem Umbau hin zu einer konsequenten Kreislaufwirtschaft kann somit in Industrieländern – trotz eines sehr schnellen Ausbaus der erneuerbaren Energieinfrastruktur – eine absolute Reduktion des metallischen und primären Rohstoffverbrauchs gelingen. Denn im Gegensatz zu Ländern des Globalen Südens verfügen Industrieländer aufgrund historischer Akkumulationsprozesse bereits über hohe Metallbestände (z. B. in Form von Infrastruktur und Schrotten), insbesondere bei den Massenmetallen Kupfer, Eisen und Aluminium. Laut Szenarien der RESCUE-Studie des Umweltbundesamtes könnte Deutschland seine Rohstoffinanspruchnahme bis 2050 um bis zu 74 Prozent bei den Massenrohstoffen Aluminium, Kupfer und Eisen im Vergleich zu 2010 senken. Bereits bis 2030 könnte demnach der Primärverbrauch metallischer Rohstoffe um 29 Prozent reduziert werden.1

Rohstoff- und Energiewende – geht das auch zusammen?
Um die sozial-ökologische Transformation global gerecht zu gestalten und die menschenrechtlichen Herausforderungen des fossilen Rohstoffsektors nicht in den metallischen zu verlagern, ist es daher wichtig, Belange der Klima- und Ressourcengerechtigkeit auf politischer Ebene kohärent miteinander zu verzahnen und gemeinsam zu adressieren.2 D. h., neben dem schnellen Ausbau eines erneuerbaren Energiesystems bedarf es einer strukturellen und tiefgreifenden Transformation der rohstoffintensiven Sektoren mit absoluten Reduktionszielen für ihre Inanspruchnahme von Rohstoffen – insbesondere in Industrieländern.

Um die Situation in den Produktionsländern – wie anhand des Beispiels Kobaltabbau in der DR Kongo aufgezeigt – zu verbessern, ist es notwendig, die unterschiedlichen Bedingungen für die Bevölkerung und die Kleinschürfer*innen in den Abbaugebieten genau zu analysieren und sowohl menschenrechtliche als auch ökologische Sorgfaltspflichten in der gesamten Wertschöpfungskette zu verankern. Doch neben den Ansätzen eines verantwortungsvollen Rohstoffabbaus und -bezugs müssen Deutschland und die EU auch Strategien entwickeln und Maßnahmen umsetzen, um ihre primäre Rohstoffinanspruchnahme zugunsten einer Kreislaufwirtschaft absolut zu senken. Nur so kann auch eine konsequente Rohstoffwende vor dem Hintergrund der Energiewende gelingen – mit demokratischen, sozialen und umweltpolitischen Rahmenbedingungen für den globalen Rohstoffabbau.3 Als erste umfassende Analyse ihrer Art verdeutlicht die RESCUE-Studie des Umweltbundesamtes: Deutschland kann eine progressive Energiewende und eine anspruchsvolle Rohstoffwende zugleich umsetzen, wenn heute die richtigen Weichen seitens der Politik gestellt werden.

Rebecca Heinz und Gesine Ames

Rebecca Heinz arbeitet seit 2020 im Team Unternehmensverantwortung bei Germanwatch u. a. zu ressourcenpolitischen Fragestellungen.

Gesine Ames ist seit 2014 Koordinatorin des Ökumenischen Netz Zentralafrika. Das ÖNZ ist ein Zusammenschluss von kirchlichen Werken, der sich für Menschenrechte und Rohstoffgerechtigkeit in der Großen Seen Region einsetzt

1. Purr, K., Günther, J., Lehmann, H. und Nuss, P. et al. (2019): Wege in eine ressourcenschonende Treibhausgasneutralität – RESCUE: Langfassung. In: Climate Change. Vol. 36/2019. Abrufbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/rescue

2. Heinz, R. und Sydow, J. (2019): Metallische Rohstoffe: Der blinde Fleck. In: Politische Ökologie. Morgenland. Denkpfade in eine lebenswerte Zukunft. Vol. 37, S. 138-143. Abrufbar unter: https://germanwatch.org/de/18611

3. AK-Rohstoffe (Hrsg.): 12 Argumente für eine Rohstoffwende. Abrufbar unter: https://germanwatch.org/de/18589