Heft 5/2021, Namibia

Strukturwandel statt Kaputtsparen

COVID-19 UND DIE WIRTSCHAFTSKRISE IN NAMIBIA. Die Coronavirus-Pandemie hat viele Bruchlinien in den sozialen und wirtschaftlichen Strukturen Namibias offenbart. Das Gesundheitssystem ist am Anschlag (vgl. afrika süd 4-2021), der Wohnraum ist knapp und die Arbeitslosigkeit insbesondere im informellen Sektor gestiegen. Ohne einen wirtschaftlichen Strukturwandel kommt Namibia nicht aus der Krise.

Namibias Gesundheitssystem hat sich durch Haushaltskürzungen und Privatisierungen völlig an den Bedürfnissen der Armen vorbei entwickelt. Und auch im Wohnungsbau hat die Marktorientierung dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen keinen angemessenen Wohnraum leisten können. In städtischen Gebieten lebt heute etwa die Hälfte der Bevölkerung in Hütten.

Langanhaltende Wirtschaftskrise
Die Corona-Pandemie hat die bereits vorhandene wirtschaftliche Krise, die durch hohe Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet ist, nur verschärft. Historisch gesehen war Namibias koloniale Wirtschaft in erster Linie eine rohstoff- und extraktionsbasierte Wirtschaft mit einigen agrarischen Merkmalen. Die Bergbauindustrie war zum größten Teil in den Händen internationaler und v. a. südafrikanischer Bergbauunternehmen. Sie trug zu etwa 60 Prozent der Exporte und zu 40 Prozent der Staatseinnahmen bei. Der Beitrag des Bergbausektors zur Beschäftigung war jedoch weit weniger bedeutend und ging im Laufe der Jahre aufgrund der Kapitalintensität dieses Sektors zurück. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1990 machte der Bergbau etwa fünf Prozent der formellen Beschäftigung aus, heute sind es kaum noch zwei Prozent – ungefähr 10.000 Arbeitsplätze. Die lokale Wertschöpfung beschränkt sich hierbei auf einige Diamantenschleifereien sowie Kupfer- und Zinkhütten in Tsumeb bzw. Rosh Pinah.

Die Fischerei ist ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig, der von südafrikanischen und anderen ausländischen Fischereiflotten rücksichtslos ausgebeutet wurde. Die Nachhaltigkeit des Sektors blieb dabei gänzlich auf der Strecke. Dies hatte zur Folge, dass die namibischen Bestände von Seehecht, Sardinen und Makrelen bereits zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit stark dezimiert waren. 1969 erwirtschaftete die Fischerei noch rund 28 Prozent des namibischen Bruttoinlandsproduktes (BIP). In den späten 1980er-Jahren war dieser Anteil auf gerade einmal vier Prozent gesunken.

Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hat die Landwirtschaft etwa 70 Prozent der Bevölkerung direkt und indirekt ernährt. 18,6 Prozent der formalen Arbeitskräfte des Landes waren in diesem Sektor beschäftigt. In der kommerziellen Landwirtschaft dominierte die extensive Viehzucht, die zugleich 65 Prozent des Bruttoproduktionswerts dieses Sektors ausmachte. Rindfleisch war hierbei das wichtigste Produkt. Die kommunale Subsistenzlandwirtschaft ernährte zwischen 20 und 25 Prozent der Bevölkerung. Ihr Beitrag zum BIP wurde jedoch in offiziellen Statistiken nicht erfasst.

Ansonsten diente das koloniale Namibia im Wesentlichen als Absatzmarkt für südafrikanische Konsumgüter. Das verarbeitende Gewerbe war deshalb zur Zeit der Unabhängigkeit unterentwickelt. Es trug nur vier bis fünf Prozent zum BIP bei und gab nur etwa 9.000 Menschen Arbeit.

Beschäftigung und Arbeitslosigkeit
Namibia führte nach der Unabhängigkeit eine Reihe von Wirtschaftsreformen durch, die Investoren anlocken sollten. Dafür wurden etwa das Gesetz über ausländische Investitionen von 1991 und das Gesetz über die Freien Exportzonen von 1995 verabschiedet. Doch wie die meisten seiner afrikanischen Nachbarn hat Namibia keine bedeutenden strukturellen wirtschaftlichen Veränderungen erreicht. Dies zeigt sich in einer sehr kleinen Produktionsbasis und der daraus resultierenden hohen Arbeitslosigkeit von 33,4 Prozent (2018).

Insgesamt gibt es in Namibia 1.090.153 Erwerbstätige, von denen 725.742 vor der Covid-19-Pandemie als angestellt galten. Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen sind Angestellte (55,4 Prozent), während 13,9 Prozent selbstständig arbeiten und 13 Prozent in der Subsistenzlandwirtschaft tätig sind.

Prekäre Arbeit
Aus der Arbeitskräfteerhebung 2018 geht hervor, dass 31,6 Prozent aller Erwerbstätigen unter prekären Bedingungen bzw. Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Dazu gehören Subsistenzlandwirt:innen, Selbstständige sowie mithelfende Familienangehörige. Die Gefährdung betrifft jedoch auch einen erheblichen Teil der als Arbeitnehmer:innen eingestuften Personen. Zwar hat etwa die Hälfte von ihnen einen unbefristeten Arbeitsvertrag (53,8 Prozent), jedoch verfügen 32,7 Prozent über einen vagen Arbeitsvertrag mit unbestimmter Vertragslaufzeit und weitere 13,5 Prozent sind mit einem befristeten Arbeitsvertrag beschäftigt. Hinzu kommt, dass nur 39,3 Prozent der Beschäftigten bezahlten Jahresurlaub und nur 36,9 Prozent bezahlten Krankenurlaub erhalten.

In Namibia sind 57,7 Prozent der Erwerbstätigen nicht durch einen Sozialschutz, wie er in der formellen Beschäftigung üblich ist, abgedeckt, sie gehen somit einer informellen Beschäftigung nach. Die höchsten Anteile informeller Beschäftigungen finden sich in privaten Haushalten (91 Prozent), in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei (87,6 Prozent), im Hotel- und Gastgewerbe (68,6 Prozent) und im Baugewerbe (65,3 Prozent). Diese Sektoren gehören zugleich auch zu den Bereichen, die am stärksten von der Covid-19-Pandemie betroffenen sind.

Das hohe Maß an Prekarität auf dem namibischen Arbeitsmarkt wird durch eine genauere Analyse der Beschäftigungssektoren und der durchschnittlichen Monatseinkommen bestätigt. In den Sektoren Landwirtschaft, Forstwirtschaft & Fischerei, Beherbergungs- und Gastronomiedienstleistungen, Groß- und Einzelhandel, private Haushalte und Baugewerbe ist eine Mehrheit von 61,8 Prozent der Beschäftigten tätig. Sie verdienen weit unter dem nationalen Durchschnitt von 7.935 N$ pro Monat (ca. 450 Euro). Arbeitnehmer:innen in der Land-, Forstwirtschaft und Fischerei verdienen mit 3.393 N$ (ca. 200 Euro) noch am meisten, wohingegen in privaten Haushalten gerade einmal ein Gehalt von 1.387 N$ (ca. 82 Euro) erreicht wird.

Sektorale Mindestlöhne werden zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften für Landarbeiter:innen, Sicherheitspersonal und Arbeiter:innen im Baugewerbe ausgehandelt. Der niedrigste dieser Mindestlöhne gilt für Landarbeiter:innen (4,62 N$/ 0,27 € pro Stunde), während der höchste Mindestlohn im Baugewerbe zu finden ist (16,04 N$/ 0,95 € pro Stunde). Auf Empfehlung einer Lohnkommission trat der erste Mindestlohn für Hausangestellte im April 2015 in Kraft und wurde auf 7,80 N$ (0,46 €) pro Stunde festgelegt. Im September 2017 und Oktober 2018 erfolgten leichte Erhöhungen, sodass der Stundenlohn nun bei 8,67 N$ (0,51 €) liegt.

Die Auswirkungen von Covid-19
Der wegen des Coronavirus verhängte Lockdown betraf fast alle Wirtschaftssektoren, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Am wenigsten betroffen von den Einkommens- und Beschäftigungseinbußen waren der öffentliche Sektor, der Finanzsektor, die Landwirtschaft und größere Lebensmittelgeschäfte. Die Regierung garantierte die Lohnfortzahlung für Beschäftigte des öffentlichen Sektors. Dies könnte sich in den kommenden Jahren aufgrund der zunehmenden Verschuldung und der mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) getroffenen Vereinbarung zur Eindämmung der Lohnkosten im öffentlichen Sektor jedoch noch ändern. Banken und Versicherungen verfügten über ausreichende Reserven und dürften auch während der Covid-19-Pandemie rentabel bleiben. Zudem blieben Lebensmittelläden geöffnet und die landwirtschaftlichen Tätigkeiten durften fortgesetzt werden.

In anderen Sektoren wie Gastgewerbe, Fremdenverkehr, Baugewerbe, Haushaltshilfe und dem informellem Handel sieht es hingegen ganz anders aus. Hier sind die Auswirkungen des Lockdowns deutlich zu spüren. 72.000 Personen sind in Namibia als Hausangestellte in Privathaushalten beschäftigt. Auch ohne genaue Daten ist davon auszugehen, dass die erste Phase des Lockdowns für viele der Hausangestellten zu einem teilweisen oder vollständigen Einkommensverlust geführt hat, da sie ihren Arbeitsweg nicht zurücklegen konnten.

Auch die Sektoren Luftverkehr, Gastgewerbe und Tourismus waren stark von der Pandemie betroffen. Hotels, Restaurants, Reiseveranstalter und Fluggesellschaften mussten ihre Tätigkeit entweder teilweise oder ganz einstellen. Zusammengenommen sind etwa 100.000 Arbeitsplätze in diesen Sektoren angesiedelt. Durch die Coronakrise ist bereits eine beträchtliche Anzahl dieser Jobs verloren gegangen. Ein weiterer nicht unerheblicher Teil droht in den kommenden Monaten verloren zu gehen.

Auch das Baugewerbe, in dem 2018 rund 45.000 Menschen beschäftigt waren, war vom Lockdown stark betroffen. Bauprojekte kamen zum Stillstand und finanzielle Schwierigkeiten des Staates haben dazu geführt, dass weniger neue Infrastrukturprojekte gestartet bzw. durchgeführt wurden.

Ebenso schwerwiegend waren die Folgen für (in)formelle Alkoholhändler:innen. In der ersten Phase des Lockdowns durften weder Angestellte in Shebeens (informellen Kneipen) noch im Alkoholeinzelhandel arbeiten, und auch danach blieb der Verkauf von Alkohol stark reglementiert, was zu erheblichen Einkommenseinbußen und Entlassungen geführt hat. Informelle Händler:innen waren unmittelbar in ihrer Existenz bedroht, da sie oftmals kaum auf Ersparnisse zurückgreifen konnten, um die enormen Einkommensverluste auszugleichen. Als informelle Händler:innen von der Polizei aus dem Stadtzentrum von Windhoek verbannt wurden, erklärten einige, dass sie nicht an Covid-19, sondern an Hunger sterben würden. Schließlich hinge ihr Überleben von ihren Einnahmen aus dem Straßenhandel ab.

Eine vorläufige Berechnung der Arbeitsplatzverluste und der Arbeitslosigkeit zeigt, dass Tausende von Arbeitsplätzen im Verkehrswesen, im Gastgewerbe, in der Luftfahrt und im Baugewerbe bereits verloren gegangen sind und auch im Groß- und Einzelhandel ein Rückgang der Beschäftigung zu verzeichnen ist. Auch im Mediensektor wurden Arbeitszeiten verkürzt, Löhne und Sozialleistungen gestrichen und Stellen abgebaut.

Den offiziellen Zahlen des Arbeitsministeriums zufolge sind seit Beginn der Corona-Pandemie etwa 12.000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Diese Zahl beruht auf den Entlassungen, die dem Amt des Arbeitskommissars gemeldet wurden. Die tatsächliche Zahl wird weit darüber liegen, denn nur ein Teil der Arbeitgeber meldet Entlassungen. Entlassungen im informellen Sektor oder in kleinen Unternehmen (einschließlich privater Haushalte) bleiben weitgehend ungemeldet. Hinzu kommt, dass es allgemein in Namibia keine Arbeitslosenversicherung gibt. Wer entlassen wurde, spürte daher sofort einen starken Einkommensrückgang.

Wirtschaftlicher Strukturwandel erforderlich
Auch wenn bislang keine genauen Zahlen zur Beschäftigungssituation vorliegen, ist gewiss, dass die Gesamtarbeitslosenquote in Namibia steigen wird. Dazu tragen auch die jährlich etwa 40.000 bis 50.000 Absolvent:innen von Schulen, Universitäten und anderen Berufsbildungszentren bei, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Derweil könnte die Arbeitslosenquote in Namibia bereits bei 45-50 Prozent oder sogar noch höher liegen. Dies wirft eine dringende Überlebensfrage auf: Wie werden die Namibier:innen in der Post-Covid-19-Ära überleben, wenn fast die Hälfte von ihnen ohne Arbeit ist und viele in äußerst prekären Beschäftigungsverhältnissen leben?

Klar ist, dass das Festhalten an der makroökonomischen Orthodoxie, die seit der Unabhängigkeit verfolgt wird, die Krise nicht lösen wird. Namibia hat seit der Unabhängigkeit ein moderates Wirtschaftswachstum und relativ niedrige Inflationsraten erzielt, aber die investorenfreundliche Wirtschaftspolitik wurde mit nur geringen Verbesserungen des Gesamtindexes für menschliche Entwicklung und mit der Beibehaltung eines sehr hohen Niveaus sozioökonomischer Ungleichheit bezahlt. Trotz der erklärten Verpflichtung der namibischen Regierung, eine sozioökonomische Entwicklung zu erreichen, waren die ergriffenen Maßnahmen widersprüchlich und oft erfolglos.
Zumindest müsste die Regierung ein Grundeinkommen einführen, wie es von Organisationen der Zivilgesellschaft seit vielen Jahren vorgeschlagen wird. Dies würde nicht nur die Haushalte entlasten und die Menschen in die Lage versetzen, die lähmenden Fesseln der Armut bis zu einem gewissen Grad zu durchbrechen, sondern es wäre auch ein Konjunkturprogramm für die schwächelnde Wirtschaft.

Darüber hinaus ist ein wirtschaftlicher Strukturwandel auf Grundlage der Verarbeitung lokaler Ressourcen und der Schaffung von Wertschöpfungsketten – z. B. bei der Belieferung der Bauindustrie – dringend erforderlich. Bislang wurde lediglich versucht, Vorteile aus nationalen Ressourcen zu erzielen. Hierfür wurde u. a. Fisch durch Fangquoten für einige wenige Auserwählte privatisiert. Dies hatte jedoch zur Folge, dass ein Reichtum für eine kleine Elite geschaffen und der potenzielle Nutzen für die Allgemeinheit untergraben wurde. All dies wird sich in der Post-Covid-19-Ära ändern müssen.

Mit der rasant steigenden Verschuldung Namibias und der Annahme eines Sonderkredits des IWF in Höhe von 270 Millionen US-Dollar im März 2021 zur Bewältigung der Folgen der Covid-19-Pandemie sind die Hindernisse jedoch noch größer geworden. Die IWF-Vereinbarung sieht eine Kürzung der operativen Ausgaben vor, einschließlich eines Lohnstopps im öffentlichen Sektor. Zudem hat die Regierung der Privatisierung einiger staatlicher Unternehmen zugestimmt. Namibia scheint auf dem Weg zu weiteren Sparmaßnahmen zu sein. Dies steht in völligem Gegensatz zu den Maßnahmen, die zur Bewältigung der verheerenden Folgen der Covid-19-Pandemie erforderlich sind.

Herbert Jauch

Der Autor arbeitet seit 1988 in verschiedenen Funktionen mit den Gewerkschaften Namibias zusammen und ist derzeit Vorsitzender des Economic and Social Justice Trust (ESJT) in Windhoek.