Heft 5/2024, Kolonialismus

Kolonialismus Made in Germany

Von Henning Melber

Die Beantwortung einer Kleinen Anfrage vom 25. September 2024 der Abgeordneten Sevim Dagdelen und der Fraktion Gruppe BSW im Deutschen Bundestag nutzte das Auswärtige Amt Anfang November 2024 zu einer selbstkritischen Vorbemerkung. Darin heißt es:

„In Deutschland war die Kolonialvergangenheit über Jahrzehnte ein ‚Nichtthema' in Politik und Gesellschaft. Wenn überhaupt, dann wurde ein falsches Bild von Deutschland als vergleichsweise harmloser, weil nur kurzer, Kolonialmacht gezeichnet. Die Tatsache, dass sich diese Wahrnehmung in den letzten Jahren geändert hat, ist insbesondere der Verdienst zivilgesellschaftlicher Initiativen." Doch leider stimmt auch weiterhin der Schlusssatz dieser Vorbemerkung: „Die Aufarbeitung der deutschen kolonialen Vergangenheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die noch am Anfang steht."

Dass es auch bei diesen Anfängen weiterhin zu erheblichen Fehltritten kommt, macht eine andere Einlassung deutlich, die eigentlich im Kern Richtiges sagt: „Da die kolonialen Erfahrungen in den verschiedenen Gesellschaften und Bevölkerungsgruppen höchst unterschiedlich sind, ist ein kontextspezifischer Dialog notwendig, der jeweils unterschiedlich viel Raum und Zeit benötigt. Er schließt neben staatlichen Gesprächspartnerinnen und -partnern betroffene Gesellschaften in den ehemaligen Kolonien und Vertreterinnen und Vertreter aus Diaspora und Wissenschaft ein."

Wie die deutsch-namibischen bilateralen Gespräche seit 2015 zum Völkermord in Südwestafrika dokumentieren, wird diese Handlungsmaxime von der Bundesregierung keineswegs respektiert. Die heutigen Nachfahren der Ovaherero, Nama, Damara und San in Namibia können ein Lied davon singen. Die Zerstörung ihrer Lebensweisen und die Enteignung von Land und Vieh hatten nachhaltige demographische und wirtschaftlich Folgen. Koloniale Strukturen gehören keinesfalls der Vergangenheit an. Sie sind Gegenwart. Doch über eine auch nur symbolische Kompensationsleistung, die weiterhin den Begriff Reparationen meidet, wird ohne die maßgeblichen Vertretungen der davon als Nachfahren betroffene verhandelt. Für diese gilt deshalb „ohne uns ist gegen uns".

Wie sehr die eingeräumte Aufarbeitung der deutschen kolonialen Vergangenheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe noch am Anfang steht, verdeutlicht ein weiteres aktuelles Beispiel. Der Auswärtige Ausschuss des deutschen Bundestags befasste sich am 14. Oktober 2024 in einer öffentlichen Anhörung mit dem Thema „Auswirkungen des Kolonialismus und der deutschen kolonialen Vergangenheit auf die internationalen Beziehungen und die aktuelle deutsche Außenpolitik". Dazu durften die Fraktionen je eine von diesen benannte Sachverständige/einen Sachverständigen zu Wort kommen lassen.

Ausgerechnet die auf deutsche Identität (im Singular) besonders bedachte AfD bestellte mit Bruce Gilley einen nordamerikanischen notorische Kolonialapologeten. Auf deren Einladung durfte er schon einmal vorher bei einer eigens für ihn arrangierten AfD-Veranstaltung im Bundestag seine Thesen präsentieren. Diese finden auch in einem rechtsextremen Verlag in deutscher Übersetzung Verbreitung. Wie ein vom Bundestag am gleichen Tag ins Netz gestellter Kurzbericht resümierte, verwies Gilley auf die Berliner Afrika-Konferenz von 1884, „auf der die europäischen Mächte sich auf die höchsten Ideale der Kolonialmission einigten". Deutschland habe die Prinzipien dieser Konferenz nicht nur etabliert, sondern in einer Weise in die Tat umgesetzt, die in der kurzen Dauer seiner kolonialen Geschichte von etwa 1885 bis 1919 von keiner anderen Kolonialmacht übertroffen worden sei. Er beklagte die Tendenz, „das deutsche Volk für die Blutschuld des Kolonialismus vor Gericht zu bringen". Statt sich selbstbewusst und ehrlich mit Afrika auseinanderzusetzen, so Gilley weiter, sei Deutschland „in einer Kultur der Schuld gefangen, die Reparationsgeschäfte und ineffektive Entwicklungshilfe hervorbringt". Gilley lobte die europäischen Mächte insbesondere ob ihres heiligen Auftrags zur Verbesserung des Lebens und des Wohlergehens der kolonialen Völker als oberste Rechtfertigung kolonialer Herrschaft. Entgegen des von der Bundesregierung seit 2015 eingeräumten Schuldeingeständnisses, in Deutsch-Südwestafrika einen Völkermord begangen zu haben, lobt Gilley die dortige Herrschaft als vielleicht die größte Errungenschaft des deutschen Kolonialismus.

Deutsche koloniale Gewaltherrschaft

Mit der euphemistischen Proklamierung von Südwestafrika, Kamerun und Togo zu „Schutzgebieten" beteiligte sich ab 1884 das Kaiserreich an kolonialer Weltpolitik. Die Ausrichtung der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 festigte den Status einer imperialistischen Macht. 1886 folgte die koloniale Aneignung von Ostafrika und in den 1890er-Jahren ergänzte eine Reihe von Südseeinseln das Imperium. Komplettiert wurde das Sammelsurium mit dem Pachtgebiet von Kiautschou. Zur Jahrhundertwende gehörte das deutsche Kaiserreich zum Club der großen Kolonialmächte.

Der „Platz an der Sonne", den Außenminister Bernhard von Bülow 1897 im Reichstag forderte, hatte entgegen anderslautenden Behauptungen nie das Wohlergehen der „kolonialen Mündel" zum Ziel. Die brutale Niederschlagung jeglichen Widerstands lokaler Gemeinschaften war keinesfalls Exzess Einzelner, sondern entsprach offizieller Handlungsmaxime. Kaiser Wilhelm II ließ mit seiner „Hunnenrede" keinen Zweifel daran. Den Soldaten, die zur Niederschlagung des sogenannten Boxer-Aufstands nach China entsandt wurden, gab er im Juli 1900 in Bremerhaven mit auf den Weg: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht." Dies bekräftigte die gängige Praxis. Kriegsschauplätze waren dabei insbesondere Ostafrika und Südwestafrika.

Schon 1890 bis 1898 wurden die Hehe in Ostafrika erbarmungslos dezimiert. Dabei führte wie im Maji-Maji Krieg (1905-1908) eine Politik der verbrannten Erde zu katastrophalen Hungersnöten. Ergänzt wurde der Wille zur Vernichtung in Ostafrika um die Weigerung von General Lettow-Vorbeck, nach Ausbruch des ersten Weltkriegs zu kapitulieren. Auf der Flucht führte er von 1914 bis Kriegsende Raubzüge mit ähnlich gezieltem Verwüstungscharakter. Insgesamt wird die Zahl der Opfer der deutschen Kolonialherrschaft alleine in dieser Kolonie auf mindestens 700.000 Menschen geschätzt.

In Südwestafrika gab das Hornkranz-Massaker von 1893 einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. In diese Siedlung hatten sich die Frauen und Kinder der Khowesin-Nama unter Kaptein Hendrik Witbooi zurückgezogen, nachdem dieser den Abschluss eines „Schutzvertrags" verweigerte. Bei dem Überfall wurden fast 80 Frauen und Kinder mit dem erklärten Ziel ermordet, den Witbooi-Stamm auszurotten. Dessen gewahr, entschloss sich Witbooi zur Kapitulation.

Mit dem Widerstand der Ovaherero ab 1904, dem sich angesichts der erbarmungslosen Kriegsführung Hendrik Witbooi und zahlreiche weitere Nama-Verbände anschlossen, wurde diese Vernichtungsstrategie nachgeholt. Sie gipfelte im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Überlebende wurden in Konzentrationslager gepfercht und mussten Zwangsarbeit verrichten. Die Bedingungen sorgten für exorbitante Todesraten. Es wird geschätzt, dass zwei Drittel bis drei Viertel der Ovaherero und ein Drittel der Nama die deutsche Kriegsführung nicht überlebten. Auf den Ruinen ihrer Gesellschaften wurde die Apartheid begründet. Sie war ein deutsches Modell, das erst später in Südafrika übernommen wurde.

In Kamerun und Togo waren sogenannte Strafexpeditionen alltägliche Praxis. Weiße Gewalt manifestierte sich in sexuellem Missbrauch der Frauen, Zwangsarbeit, Auspeitschungen und Hinrichtungen. Durch die häufige Anwendung der Nilpferdpeitsche wurden die westafrikanischen Kolonien zum „Land der 25". Dies bezifferte die Peitschenhiebe, oft ergänzt um einen weiteren Hieb mit dem Ausruf „und einer für den Kaiser". Noch nach Ausbruch des ersten Weltkriegs wurden in einem beispiellosen Justizskandal Manga Duala Bell und Ngoso Din innerhalb eines Tages wegen erfundener Anschuldigungen des Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihren deutschen Anwälten wurde die Teilnahme an dem Pseudo-Prozess verwehrt.

Kolonialismus ohne Kolonien

Der Vertrag von Versailles sprach 1919 Deutschland die Fähigkeit zur Kolonisierung ab. Ungeachtet ihrer eigenen Gewaltgeschichten bedienten sich die Alliierten des deutschen Kolonialbesitzes, der unter diesen aufgeteilt wurde. Dass deren Kolonialpraktiken denen der Deutschen wenig nachstanden, war im Zeitalter des Imperialismus kein Thema. Deutschland fühlte sich gedemütigt. Die Kolonialromantik und das Schlagwort der „Kolonialschuldlüge" waren Bestandteil der Weimarer Republik. Die Parole „Heim ins Reich" fand große öffentliche Resonanz.

Koloniale Eroberung wurde vom NS-Regime mit einer regionalen Neuausrichtung auf Osteuropa instrumentalisiert. Das von Hans Grimm als Romantitel geprägte Schlagwort vom „Volk ohne Raum" war ein handlungsanleitendes Motto der Nazis. Deren Kultivierung des arischen Rassenwahns speiste sich neben dem Antisemitismus auch aus pseudowissenschaftlichen Schädelvermessungen am „kolonialen Objekt". Unlängst bemühte sich der Kinofilm „Der vermessene Mensch" diese vom Rassenwahn getriebene Obsession am Beispiel des Völkermords in Südwestafrika zu thematisieren. Zu den Opfern des von einem arischen Herrenmenschentum geprägten Vernichtungswillens, der im Holocaust kulminierte, zählten außer den Millionen jüdischer Menschen auch Sinti und Roma, Afrikaner in Deutschland, Osteuropäer, aber auch aufgrund ihrer politischen oder sexuellen Orientierung Verfolgte.

Das Trauma dieser organisierten, beispiellosen Massenvernichtung wurde zur Zäsur. Sie verstellte den Blick auf die Folgen der mentalitätsgeschichtlichen Prozesse und kolonialen Herrschaftspraktiken. Die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus verkümmerte trotz seiner entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung bestenfalls zu einer Fußnote der Geschichte. Dabei hatte schon Raphael Lemkin, der den Begriff des Genozids prägte, Deutsch-Südwestafrika als Beispiel eines Völkermords genannt. In „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" wies Hannah Arendt 1951 darauf hin, dass die deutsche Kolonialherrschaft als Vorstufe der Nazi-Diktatur zu verstehen ist.

Koloniale Verdrängung

Die kolonialhistorische Forschung, die solche Zusammenhänge ergründet und offen benennt, wird bis heute tendenziell als antisemitisch diffamiert. Gleiches gilt für die vielfältigen postkolonialen Theorien, die in einen Topf geworfen und in Bausch und Bogen als antisemitisch klassifiziert werden. Mit dem Verweis auf die Singularität des Holocaust wird jegliche Erinnerungsarbeit, die mehr zu dessen Verständnis beitragen könnte, abgewertet und eliminiert. Dies dient auch der Diffamierung einer vergleichenden Genozidforschung. Das Nazi-Regime und der Holocaust wurden zum zentralen Ausgangs- und Bezugspunkt deutscher demokratischer Identitätsbildung. Doch mit Kollateralschaden. Denn die Reduzierung von Gewaltgeschichte auf die NS-Monstrosität führte im Alltagsbewusstsein, der Politik und dem öffentlichen Diskurs jahrzehntelang zu weit verbreiteter kolonialer Amnesie.

Bis vor wenigen Jahren fand sich nur wenig zum deutschen Kolonialismus in Schulbüchern. Es hatte den Eindruck, dass der europäische Kolonialismus und die Vernichtung autochthoner Gesellschaften in Übersee weitgehend ohne deutsche Beteiligung stattfanden. Insbesondere dank neuerer kolonialkritischer Forschungen gibt es diese Wissenslücke nicht mehr, wie ja auch die eingangs zitierte Vorbemerkung der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage anerkennt. Doch sind die zahlreichen Erkenntnisse bislang nur unzureichend in das öffentliche Bewusstsein gelangt. Der Vorwurf, dass angesichts der Materialfülle – einschließlich des freien Zugangs zu den Kolonialarchiven – koloniale Amnesie eine Fehldiagnose sei, trifft jedoch nicht zu. Denn vorhandenes Wissen schützt nicht vor Gedächtnis- oder Erinnerungsschwund. Wer von den Kolonialverbrechen nichts wissen will, wird auch nichts darüber erfahren. – Bruce Gilley und die AfD lassen grüßen.

Besser spät als gar nicht

Mittlerweile reagiert die offizielle Politik aktiver, obgleich weiterhin halbherzig auf das Kolonialthema. Ob dies so bleibt, wird sich nach den nächsten Wahlen zeigen. Skepsis ist angebracht. Sich den Konsequenzen des damals begangenen Unrechts für die davon betroffenen Gesellschaften mit der nötigen Aufrichtigkeit zu stellen, bleibt weiterhin in weiter Ferne. Der unlängst von Claudia Roth unternommene Versuch, die tragenden Säulen der offiziellen deutschen Erinnerungskultur des Holocaust und des DDR-Regimes um den Kolonialismus zu ergänzen, scheiterte vorerst kläglich.

Noch immer gibt es jenseits lokaler Initiativen keine zentrale Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer der deutschen kolonialen Gewaltherrschaft. Immerhin zeigen postkoloniale zivilgesellschaftliche Initiativen, aber auch die zunehmende Präsenz afrodeutscher Stimmen im öffentlichen Raum, Wirkung. Zahlreiche zivilgesellschaftliche Versuche zur Sensibilisierung und Aufklärung – nicht zuletzt durch die Umbenennung von Gebäuden, Straßen und Plätzen – sind erfolgreich. Doch die offizielle Politik hinkt weiterhin hinterher.

Bis heute gibt es keine Bundestagsentschließung, die sich ausdrücklich zum begangenen Völkermord in Südwestafrika bekennt, geschweige denn eine offizielle Entschuldigung. Über diese wird seit 2015 mit der namibischen Regierung bilateral verhandelt, statt sie als Voraussetzung für solche Verhandlungen über den weiteren gemeinsamen Umgang mit der Geschichte zu machen. Geleitet wird dieses Versäumnis von der Sorge, mit der vorbehaltlosen Schuldanerkennung einen weitreichenden Präzedenzfall mit enormen Folgekosten zu schaffen. Weiterhin gilt die von Außenminister Joschka Fischer schon vor über 20 Jahren geprägte Maxime „keine entschädigungsrelevante Entschuldigung". Aber auch wenn es im materiellen Sinne „nichts kostet", bleibt die Bundesregierung verhalten. Der Justizmord an Manga Bell und Ngoso Din wurde zwar eingestanden, führte aber bislang nicht – wie schon von Hans-Christian Ströbele vor zehn Jahren im Bundestag gefordert – zu einer offiziellen Rehabilitierung.

Viel grundsätzlicher noch: Ein allgemeines Bewusstsein, dass auch wir als Generationen im Schatten einer verdrängten deutschen Kolonialgeschichte in kolonialer Mentalität sozialisiert wurden, gibt es nicht. Dabei ist Dekolonisierung auch eine persönliche Herausforderung zur Erforschung kolonialer Spuren in unserer Wahrnehmung und Verortung. Was William Faulkner einst auf den Punkt brachte, gilt nicht nur für die Nachfahren der Kolonisierten, sondern auch für uns als jene der Kolonisatoren: Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.

In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass wir uns dieser Geschichte in der Gegenwart bewusst werden und diese Wahrnehmung uns dafür sensibilisiert, sich der Herausforderung einer Auseinandersetzung damit zu stellen.

Henning Melber

Leicht revidierter Vortrag, der am 13. November 2024 bei der Veranstaltung „Im Schatten kolonialer Gewaltgeschichte(n)" in der Bischöflichen Akademie Aachen gehalten wurde.