Heft 6/2017, afrika süd-Dossier: Entwicklung

„Game changers“ mit frischer Denkweise

AFRIKAS MODERNE JUNGE GENERATION

Während Afrika eher noch als der hilfsbedürftige Krisenkontinent wahrgenommen wird, ist auch hier die Moderne längst in vollem Gange. Junge Afrikanerinnen und Afrikaner entwickeln ein neues Selbstvertrauen, finden neue Informations- und Ausdrucksmöglichkeiten und gestalten ihre Zukunft mit eigenen kreativen Lösungsansätzen. Sie möchten nicht als die armen Opfer dastehen und schreiben andere Geschichten. Der ghanaische Akademiker George Ayittey nennt die Generation junger Afrikaner „die Geparden". Er meint damit eine gebildete und dynamische Generation, die die Herausforderungen und Probleme in ihrem Alltag aus einer neuen, frischen Perspektive betrachtet.

Smart Africa
Unter dem Begriff „Smart Africa" florieren bereits seit Jahren digitale Innovationen im Bereich Mobilfunktechnologie. Die kenianische Erfolgsgeschichte „M-Pesa" („mobiles Geld", pesa ist das Kiswahili-Wort für Geld), ein System, mit dem man bargeldlos über auch einfache Mobiltelefone und Smartphones bezahlen kann und für das sich mittlerweile die halbe Welt interessiert, gilt dabei als Auftakt für viele weitere Entwicklungen. Den Weg für die Internettechnologie, die weltweit aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken ist, ebnete übrigens der Nigerianer Dr. Philip Emeagwali 1986. Durch das Hochgeschwindigkeitsinternet haben neue Geschäftsideen seit 2009 zusätzlichen Schwung bekommen, sie konnten noch schneller wachsen und umgesetzt werden. Es scheint fast so, als hätte Afrika jetzt die Technologie, die es für seine Entwicklung braucht.
Es entstehen sehr viele Innovationen wissenschaftlich-technischer Art und für den Einsatz im modernen täglichen Leben, zum Beispiel im i-Hub in Nairobi, ein Gründerzentrum für Unternehmen in der IT-Branche. Der Hub bietet den Jungunternehmer/innen einen kreativen Raum, wo sie ihre Ideen ausprobieren können, ihnen Mentoren zur Seite stehen, und Möglichkeiten zur Vernetzung. Programmierer, Wirtschafts- und Informatikstudenten treffen hier auf Investoren. „Es sind Entwicklungsprojekte, doch ihre Erfinder suchen keine Spender, sondern Investoren", so Jörg Brase, ZDF-Korrespondent in Nairobi. Bis Anfang 2017 wurden hier rund dreißig Start-ups gegründet, hunderte weitere sind in der Entwicklung.
Ob im i-Hub oder Nailab, Nairobi, im Co-Creation Hub, Lagos, im k-Lab, Kigali, im MuzindaHub in Harare oder im The Innovation Hub, Johannesburg, um nur einige zu nennen, ob in Kenia, Nigeria, Ruanda, Simbabwe oder Südafrika – junge Männer wie Frauen werden ermutigt und unterstützt, ihre Ideen zu verwirklichen. Gemeinsam ist ihnen, dass viele, wenn nicht die meisten von ihnen, Unternehmertum mit gesellschaftlichen Themen verbinden und so Lösungen für aktuelle Herausforderungen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, lokal und zunehmend auch über den Kontinent hinaus für internationale Märkte, für Unternehmen, NGOs und staatliche Institutionen bieten.
Für immer mehr Herausforderungen werden Lösungen entwickelt und immer mehr Menschen haben Zugang dazu. Wo immer es an Infrastruktur fehlt, gleichen neue Dienste und Foren den Mangel aus. Technologie wird zu einem „cross cutting enabler". Die Unternehmer/innen und Sozialunternehmer/innen lösen ein Problem und verdienen teilweise damit Ihren Lebensunterhalt, die Dienstleistungsempfänger sind Kunden. Damit haben die Produkte einen Wert und es sind keine Almosen für die Armen. Beide Seiten sind hier vollwertige Akteure. Auch die Ausstellung „Afro-Tech and the Future of Re-Invention" in Dortmund, in Kooperation mit Africa Positive, versucht mit gängigen Klischees zu brechen und andere Seiten zu zeigen. Es wird prognostiziert, dass der Anteil der IT-Industrie am Bruttosozialprodukt Afrikas bis 2025 auf zehn Prozent steigt, mehr als doppelt so viel wie in Europa. Und es entstehen Jobs.

Apps für alle Bereiche
Besonders verbreitet sind inzwischen die zahlreichen Handy-Apps in den verschiedensten Bereichen wie Geldtransfer, Vertrieb, interaktive Landkarten, Kommunalentwicklung oder Wissens-, Lern- und Beratungsplattformen, aber auch andere technische Innovationen, die teilweise parallel genutzt werden.
Zum Beispiel vertreibt die kenianische Firma M-Kopa in Kooperation mit M-Pesa dezentrale Heim-Solarstromanlagen auf Mobilfunkleasingbasis. In Kinshasa regeln solarbetriebene Verkehrs-Roboter den Verkehr (s. afrika süd 2-2014), auf den Straßen von Lagos fährt ein solar- und windbetriebener VW-Käfer und ein Teenager aus Nord-Namibia hat ein SIM-Karten- und guthabenfreies Handy erfunden, das mit Radiofrequenzen funktioniert.
Im Gesundheitsbereich bietet Daktari 247 mit einer Plattform für Patienten und Ärzte Online-Beratung. Mit dem „CardioPad" können Herzkrankheiten ferndiagnostiziert werden. Leap bietet freiwilligen Gesundheitshelfer/innen durch eine Lernplattform eine Grundausbildung als Krankenpfleger/innen sowie Beratung und Betreuung durch medizinisches Fachpersonal. Im Bereich Landwirtschaft und Agrobusiness entstehen immer neue Innovationen, von Beratungsapps wie Mfarm oder dem Mobile Cow Project. Per Cow-Funding können Kühe gekauft werden, die Käufer sind Städter, gepflegt werden sie von Bauern auf dem Land.
Zur Förderung von Engagement bietet Afroes edu-tainment apps, mobile spielbasierte experimentelle und interaktive Lernplattformen, um die Potenziale junger Afrikanerinnen und Afrikaner auf dem ganzen Kontinent zu entfalten. Ziel ist es, zu Bewegungen von Menschen mit neuen Vorstellungen, einer Kultur der Problemlösung und einer unternehmerischen Denkweise beizutragen, die die Herausforderungen ihrer Länder angehen und einen Unterschied machen.
Ushahidi ist ein gemeinnütziges Technologieunternehmen, das eine gleichnamige App entwickelt hat, die es Menschen ermöglicht, ihre Stimme zu erheben. Die Organisation nutzt das Konzept des Crowdsourcing für sozialen Aktivismus und öffentliche Rechenschaftspflicht und dient als ein erstes Modell für das, was als „Aktivistenkartierung" bezeichnet wird, eine Kombination von sozialem Aktivismus, Bürgerjournalismus und Geoinformation.

Politik, Satire, Comedy
Genau hier setzen ebenso Initiativen und Bewegungen an. Die neuen Technologien dienen der besseren Verbreitung von sozialen und politischen Themen und werden damit, wie schon das Radio, zum Instrument von Aktivismus, der das Politische auch mit Kultur, Kunst und Kreativität verknüpft. Menschenrechts- und Protestbewegungen, Musiker und Rapper, Satiriker und Karikaturisten erreichen durch die sozialen Medien vor allem junge Bürgerinnen und Bürger. „Satire und Comedy sind ein großartiger Weg, Menschen gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken zu bewegen", meint Samm Farai Monroe alias Comrade Fatso, u.a. Künstler, kreativer Aktivist und Produktionsleiter der erfolgreichen Stand-Up-Satire-Show Zambezi News, die das strenge Regime und den Machtmissbrauch in Simbabwe parodiert und seit 2012 über DVD, Mobil-Telefon, Whatsapp, YouTube und auch Satelliten-TV (DSTV) verbreitet wird und unter #GetInvolved oder #OurZimbabweDream zur Beteiligung aufruft (s. afrika süd 4-2016, 3-2017).
Der Südafrikaner Pieter-Dirk Uys, sozusagen „Mutter aller afrikanischen Stand-up-Comedians", meinte bereits 1988 in einem Interview: „Die meisten Dinge, die ich sage, sind keine Witze. Sie sind die Wahrheit. Aber die Wahrheit kann sehr lustig sein." Solche Formate unterhalten, informieren und kritisieren zugleich. Sie können dazu beitragen, die Dinge anders zu sehen und Auswege zu erkennen. So werden die Leute motiviert, sich mit möglichen Problemlösungen auseinanderzusetzen.

Treffpunk für kreative Ideen
Ein anderer Raum, um sich zu treffen, Ideen auszutauschen, zu träumen, gemeinsam kreativ zu sein und an Lösungen zu arbeiten, ist Moto Republik, Simbabwes erstes Kreativzentrum und einer der ersten erfolgreichen künstlerischen Hubs im südlichen Afrika. Die selbst kreativ gestalteten Räumlichkeiten in Harares Ortsteil Belgravia, unweit der Filmhochschule und des ehemaligen Book Cafés, sind ein Ort, an dem Blogger mit Grafikdesignern brainstormen, Aktivisten sich mit Rappern verbinden können, wo ideenreiche Leute zusammenarbeiten können, auch in Kooperation mit lokalen und internationalen NGOs, um ihr Handwerk zu verfeinern und alternative Ideen zu entwickeln. Es ist ein Ort, an dem sich junge Menschen, mit meist guter Ausbildung, aber ohne feste Arbeit, Computer-affin, weltoffen und beengt durch das Regime, inspirieren lassen können, Teil zu sein, ihr Land voranzubringen. So gelingt es den Aktivisten, die sich gegen die Unterdrückung durch die „Befreier" wehren, trotz Einschüchterungen und Drohungen die Grenzen Stück für Stück zu ihren Gunsten zu verändern und ihren Spielraum zu vergrößern.
Das Harare Shoko Festival ist zum Beispiel eine der Aktivitäten, die von Moto Republik und Initiator Comrade Fatso organisiert wird. Konzerte, Hip-Hop, Poetry-Slam, Comedy und inhaltliche Diskussionen sind wichtige Grundpfeiler des Festival-Programms. Es richtet sich an die neue „urbane Jugend" Simbabwes und ist eine Ergänzung zum eher auf das bürgerliche Publikum ausgerichtete Harare International Festival of Arts (HAIFA).
Hip-Hop ist eine der Ausdrucksformen des simbabwischen Widerstandes, die Lobbys formen und zu politischen Handlungen motivieren kann: „Some say silence is golden/ But silence is shit/ Cause words can hit/ But they can heal/ They can liberate us from what we feel/ Cause mazwi acho akasimba/ Anogona kutibatsira kwatirikuenda/ Cause words are warriors/ And their great gifts are glorious", aus Fatsos „Words are like birds". Der Rapper folgt damit der Tradition der Musikaktivisten Simbabwes und den Spuren eines Thomas Mapfumo, dessen Musik des Widerstandes mit E-Gitarren-Sounds und Mbira-Begleitung als „Chimurenga Music" bekannt geworden ist.

Kinshasa-Filmfestival
Eine weitere wichtige Ausdrucksform ist das Kino. Neben dem großen, international bekannten panafrikanischen Filmfestival in Ouagadougou, Burkina Faso, und anderen Filmfestivals auf dem Kontinent kommen seit 2014 Publikum, Kulturschaffende, Filmemacher, Produzenten und Schauspieler auch zum Internationalen Filmfestival von Kinshasa (Fickin) zusammen, das für fast zwei Wochen in den Räumen der Halle de la Gombe stattfindet.
Gegründet von Tshoper Kabambi, dem kongolesischen Regisseur und Produzenten, ist das Ziel von Fickin, die Menschen zu begeistern und die Öffentlichkeit zu ermutigen, sich für endogene Produktionen zu interessieren. Es will ein hochwertiger cineastischer Treffpunkt sein, der insbesondere jungen Städtern aus Kinshasa und anderen Landesteilen Kongos ermöglicht, Filme von hoher Qualität zu sehen, die von afrikanischen Autoren und der Diaspora produziert und verwirklicht werden.
Der senegalesische Philosoph und Autor Felwine Sarr fordert die Rekonstruktion des Imaginären. Diese durchläuft zwangsläufig auch das Bild. Hier greift das Kino ein und spielt eine Katalysatorrolle. Denn in der DR Kongo, wie in der überwiegenden Mehrheit der afrikanischen Länder, sind die meisten TV-Bildschirme durch Bilder von anderswo „kolonisiert". Die audiovisuelle Landschaft wird vollständig von US-amerikanischen Blockbustern, südamerikanischen Telenovelas und neuerdings türkischen Fernsehshows und Serien dominiert. In all den verschiedenen Realitäten, die ihnen vorgesetzt werden, kann sich die Öffentlichkeit nicht wiederfinden und nur schwerlich damit identifizieren.
Ein Festival wie dieses erlaubt es, eine andere Art von Bildern einzuführen, endogener und der Kultur der Person angemessen, die diese Bilder konsumieren wird. „Filme in der DR Kongo zu drehen, ist keine leichte Aufgabe, aber wir sind von dem Wunsch beseelt, etwas anderes anzubieten. Durch diese Art von Initiativen hoffen wir, auf die eine oder andere Weise zur Veränderung beizutragen und gleichzeitig neue Vorbilder anzubieten", erklärt Tshoper Kabambi.

Change Makers
Der afrikanische Kontinent ist in Bewegung, auf vielfältige und kreative Weise gewinnt eine neue Generation mit einer frischen Denkweise einen immer größeren Einfluss. Sie werden zu proaktiven Bürgerinnen und Bürgern – „change makers" oder „game changers", die ihre Potenziale ausschöpfen, sich engagieren und die Spielregeln neu erfinden. Afrikanerinnen und Afrikaner erobern ihr Selbstwertgefühl zurück, mit einer Energie, etwas zu bewegen, denken dabei auch in andere Richtungen und knüpfen ebenso an vorkoloniale Traditionen an, die sie reaktivieren und miteinander verbinden.
Traditionelle und dem Umfeld angepasste Bauweisen bieten bis heute in der modernen afrikanischen Architektur Anknüpfungspunkte wie zum Beispiel bei dem Gebäude der westafrikanischen Zentralbank in Bamako, Mali. Viele Traditionen bewahren uralte Erfahrungen und Wissensschätze der Menschheit, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben und Lösungsansätze für Probleme in modernen Gesellschaften aufzeigen können.
Die Denkwerkstätten, „Les Ateliers de la pénsee", im Senegal bieten Denker/innen, Schriftsteller/innen und Akademiker/innen aus Afrika und der Diaspora eine Plattform des kritischen Denkens, um gegenwärtige Konzepte in Frage zu stellen, die Dynamiken besser zu beleuchten und einen Weg in die Zukunft zu eröffnen. Neben etablierten Universitäten von internationalem Renommee in Forschung und Lehre versteht sich die „African Leadership University" auf Mauritius mit 25 geplanten weiteren Ablegern in ganz Afrika als Ausbildungsort und Netzwerk für eine neue Generation Akademiker und Führungselite, die differenzierte afrikanische Lösungen für unterschiedliche afrikanische Herausforderungen entwickelt.
Die neuen technischen Möglichkeiten, wie Mobilfunk und Internet und interaktive Räume, haben eine dynamische Entwicklung ausgelöst, so Jörg Brase: „In den letzten sieben Jahren hat sich Afrika wohl mehr verändert als in fünfzig Jahren Entwicklungshilfe, durch eigene Kraft, durch eine Ideen. Es brauchte offensichtlich nur das richtige Werkzeug." Es gibt noch viele Herausforderungen, aber die Neu- und Wiedererfindung des Kontinents ist im Gange. Und es ist zu hoffen, dass die Spielräume weiter geöffnet werden können. Die bessere Vernetzung kann dies ermöglichen.

Anna Balkenhol, Wendy Bashi

Anna Balkenhol ist issa-Geschäftsführerin.
Wendy Bashi ist freie Journalistin aus der DR Kongo.