Heft 6/2019, Angola

„Für uns ist das schmerzlich zu sehen“

PATER JACINTO PIO, meist nur „Padre Pio" genannt, ist katholischer Priester und Menschenrechtsaktivist. Selbst gebürtig aus Angola, lebt und arbeitet er seit 23 Jahren in den ländlichen Gemeinden Südangolas. Seine Arbeit, die er als Empowerment beschreibt, ist es, gemeinsam mit der ländlichen Bevölkerung für ihre Rechte zu kämpfen. Dass sich Padre Pio damit in einer Gegend voller Landkonflikte nicht nur Freunde macht, liegt nahe, doch tatsächlich erhält er für sein Engagement regelmäßig Anfeindungen und sogar Morddrohungen. Ans Aufhören denkt er dennoch nicht. Ein Interview mit einem ebenso höflichen wie entschlossenen Kämpfer für die Landbevölkerung der Provinz „Os Gambos".

Können Sie Ihre Arbeit in und jenseits von Angola beschreiben?
Nun, da wir hauptsächlich mit Pastoralisten (Viehzüchtern) zusammenarbeiten, ist ein guter Teil unserer Arbeit, die Leute über ihre Rechte, besonders die Landrechte aufzuklären. Sie brauchen Weideland für ihr Vieh, doch wir haben es mit großen Investoren zu tun, die Landgrabbing betreiben. Wir bieten ihnen juristischen Rat und beraten sie, wie sie sich mithilfe von Petitionen, Interviews und Medien Gehör verschaffen oder auch vor Gericht ziehen können. Außerdem setzen wir sie mit internationalen Partnern in Verbindung.

Wie ist ihre juristische Situation? Besitzen sie Urkunden über den Landbesitz?
In Angola braucht man für Landbesitz normalerweise eine schriftliche Urkunde, doch für die ländliche Bevölkerung ist das sehr schwierig. Das Gesetz ist im Gegensatz zu anderen Ländern wie Südafrika und Namibia nicht in die lokalen Sprachen übersetzt. Unsere Aufgabe ist es, sie mit den wesentlichen Rechten und Artikeln vertraut zu machen, sodass sie reagieren können, falls ein Investor kommt und ihnen ihr Land nehmen will. Die meisten Investoren hier sind Politiker und es gibt keine klare Trennung zwischen der politischen Sphäre, der juristischen Sphäre und dem Privatsektor. Wenn ein Fall vor Gericht kommt, haben sie leider keine allzu großen Chancen, ihn zu gewinnen. Trotzdem ist es den Versuch wert, denn wir geben unser Bestes, den Fall publik zu machen und gewissermaßen anzuprangern. Hierzu arbeiten wir sowohl mit internationalen Organisationen wie Front Line Defenders oder Amnesty International zusammen als auch mit Lokalzeitungen. Das hat sich als ziemlich effektiv herausgestellt und oft geben die Politiker dann auf. Keiner will hinterher seinen Namen im Fernsehen oder in der Zeitung sehen.

Handelt es sich bei den Investoren eher um nationale oder internationale Akteure?
Das sind meist nationale Investoren. Angesichts der Tatsache, dass es hier gewaltige Einkünfte aus dem Ölsektor gibt, suchen die Rentiers nach privaten Investitionsmöglichkeiten für ihr Geld. Manchmal geschieht das dann auch in Zusammenarbeit mit internationalen Investoren, aber im Hinblick auf Investitionen in Grundbesitz und Landwirtschaft gibt es nur sehr wenige internationale Akteure.

Wie gehen diese Enteignungen vonstatten?
Laut Verfassung dürfen Enteignungen lediglich zum Gemeinwohl und nur nach eingehender Konsultierung der lokalen Bevölkerung stattfinden. Sie hat das Recht, „ja" oder auch „nein" zu sagen, abhängig davon, ob es sich um ein wichtiges Stück Land handelt oder nicht. Wenn das Land als Weideland, Anbaufläche, Wasserressource oder als anderweitige Lebensgrundlage benötigt wird, können sie das ablehnen. Soweit die Theorie. In Wirklichkeit läuft es oft so ab, dass ein wohlhabender Investor kommt, mit den traditionellen Autoritäten spricht und sie besticht. Dann kommen sie mit eigenen Arbeitskräften wieder, oft in Begleitung der Polizei oder sogar der Armee, und besetzen das Land. Die Bewohner werden verjagt und oft gewaltsam vertrieben. Das sind sehr schlimme und schmerzliche Geschichten, die dort passieren. Natürlich gehen die Investoren dorthin, wo viele Leute leben, denn die brauchen sie ja als Arbeitskräfte. Dann müssen die Leute kämpfen, nach Partnern suchen, um ihr Land zurückzuerhalten. Das ganze südliche Afrika ist von solchen Landfragen geprägt, ob Südafrika, Simbabwe, Namibia oder jetzt eben auch Angola.

Was geschieht, nachdem das Land an die Investoren gegangen ist? Wie steht es um die Nutzung dieser enteigneten Flächen? Sind sie produktiv, werden viele Arbeitskräfte benötigt oder liegen sie brach?
Sehen Sie, die meisten dieser Farmen, die durch Enteignung entstanden sind, sind vollkommen unproduktiv. Und das obwohl sie teilweise modernste Maschinen haben. Die meisten der neuen Landbesitzer sind aber Politiker oder hohe Militärs, die keinerlei Erfahrung mit Landwirtschaft haben, geschweige denn Interesse daran. Oft können sie durch diese Farmen Darlehen bei den Banken erhalten, dann investieren sie in ein Projekt, doch nach vier, fünf, zehn Jahren sind sie nicht mehr produktiv. Es kommt eben auf lokale Erfahrung an. Die Politik sollte stattdessen die kleinbäuerliche Landwirtschaft unterstützen und in Familienhöfe investieren. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung im subsaharischen Afrika lebt von Landwirtschaft im kleinen Maßstab. Es ist also viel produktiver, an dieser Stelle anzusetzen und zu investieren, denn diese Leute sind auf das Land angewiesen. Sie besitzen die Erfahrung und die gesamte Expertise, um das Land zu bewirtschaften. Alles, was sie brauchen und sich wünschen, ist finanzielle Unterstützung, um die Produktion zu erhöhen und ihre Lebensgrundlagen zu modernisieren. Wenn man in sie investieren würde, würde sich die Produktivität schnell steigern. Doch indem man nur in diese großen Geschäftsleute investiert, die zumeist keine Erfahrung haben, wirft man leider einfach nur viel Geld aus dem Fenster heraus.

Zum Beispiel besitzen die traditionellen Rinderzüchter 96 Prozent des Viehs, die kommerziellen nur vier Prozent und das, obwohl sie diese riesigen Farmen haben. Du kannst also ohne Weiteres eine Farm mit bis zu 10.000 Hektar finden und es stehen nur 50 Kühe darauf.

Was ist die Motivation der Investoren, das Land zu besitzen, wenn sie es nicht richtig nutzen?
Seit 2014 erlebt Angola eine schwere Wirtschaftskrise aufgrund von massiver Korruption und aufgrund der Entwicklung des Ölpreises auf dem internationalen Markt. Die Motivation kommt also vonseiten der Regierung, die ihre Wirtschaft diversifizieren möchte. Dafür setzt sie auf Landwirtschaft und vor allem auf Nutztiere, die sie als wichtige potenzielle Einnahmequelle sehen. Aber ganz offensichtlich funktioniert das nicht. Wie ich schon gesagt habe, sollte die Politik lieber auf die Kleinbauern setzen. Das hat schon zu Zeiten der Kolonialherrschaft funktioniert. Portugal hat damals Bauernfamilien aus Madeira – das ist eine kleine Insel, die zu Portugal gehört – in Angola angesiedelt und sie gefördert. Sie haben, wie die einheimischen Familien auch, auf kleinen Parzellen verschiedene Sachen angebaut, Mais, Trauben usw. und waren damit sehr erfolgreich. Mit der Zeit wurden diese Farmen modernisiert und höchst produktiv. Wir sollten also die Lehren aus der Geschichte ziehen.

Sprechen wir über Lebensgrundlagen. Wie bestreiten die Leute traditionell ihren Lebensunterhalt?
Nun, in der Gegend, in der ich lebe, ist die wichtigste Lebensgrundlage das Vieh und in geringerem Maße Ackerbau für die eigene Familie. Es gibt auch einige Gemeinden, die zusätzlich verschiedene Ressourcen sammeln. Besonders während der Regenzeit stehen viele natürlich Ressourcen zur Verfügung. Das sind vor allem Pilze, aber auch diverse wilde Beeren, manche essbaren Insekten und natürlich Feuerholz. Saisonal spielt Fischerei für manche eine wichtigere Rolle, wenn in der Regenzeit die Flüsse und Tümpel voller werden.

Wie ist die aktuelle Lage mit Blick auf die Dürre?
Sie ist kritisch. Seit 2012 erleben wir verlängerte Dürreperioden als Folge des Klimawandels. Vereinzelte Dürren hat es nachweislich schon in den 1870er-Jahren gegeben, doch damals folgte auf eine Dürre auch wieder viel Regen. Der Unterschied zu damals ist, dass es eine Folge von Dürren gibt. Auf ein trockenes Jahr folgt noch ein weiteres trockenes Jahr. Es gab eine Dürre von 2012 bis 2016, dann hat es wieder zwei normale Jahre gegeben, doch 2018 kam gleich die nächste Dürre, zuletzt hat es im November 2018 richtig geregnet. Die Leute erleben sehr schwierige Zeiten, besonders im Süden, im Zentrum und im Osten des Landes. 5 von 18 Provinzen sind zurzeit erheblich von der Dürre betroffen. Die Menschen hungern dort. Besonders leiden natürlich Senioren, Kinder, Schwangere und Kranke unter der Mangelernährung. Für uns als Kirchenvertreter ist das sehr schmerzlich zu sehen.

Gibt es zurzeit Hilfe auf nationaler und internationaler Ebene?
Die Regierung tut gar nichts und nur von Zeit zu Zeit können wir mithilfe unserer internationalen Partner kleinere Nahrungsrationen austeilen, die leider überhaupt nicht ausreichen. Misereor und Amnesty International sowie einzelne wohlhabende Leute aus der Gegend bieten den Leuten Hilfe. Wir kämpfen dafür, dass die angolanische Regierung auf die Hungersnot reagiert und einen Notstand ausruft, damit Leute mit Nahrung, Material und Expertise in die Region kommen. Außerdem fordern wir ein elementares Ernährungsprogramm.

Das Interview führte Daniel Düster