Heft 6/2019, afrika süd-Dossier: Tradition im globalen Zeitalter

Der spirituelle Baum

EIN GEISTERBAUM BEEINTRÄCHTIGE DEN BAU EINER GRENZSTRASSE IN MALAWI, hieß es am 26. September 2019 in einer Meldung aus Malawi. Der Journalist Watipaso Mzungu hat sich in den Distrikt begeben, aus dem diese Nachricht kam, und mit den Protagonisten gesprochen.

Chigwere Village liegt am Fuße des eindrucksvollen Mulanje-Bergmassivs im Südosten von Malawi, das höchste Massiv im tropischen Teil des südlichen Afrika, der sich von Mosambik am Indischen Ozean bis nach Namibia und Angola am Atlantik zieht. Das Dorf liegt über 480 Kilometer von Malawis Hauptstadt Lilongwe entfernt und beherbergt eine in Armut und mit bescheidenem Bildungsstand lebende Bevölkerung. Zum Überleben sind die Einwohner weitgehend von Subsistenzlandwirtschaft abhängig. In den meisten Familien werden die minderjährigen Mädchen früh verheiratet, um sich wertvolles Eigentum und Wohlstand zu sichern.

Abgesehen davon, dass das Dorf am Fuße Malawis höchsten Berges liegt, gab es an Chigwere Village nichts Besonderes, was die Aufmerksamkeit der Menschen in Afrika und über die Grenzen hinweg auch in Europa auf sich ziehen könnte.

Doch auf einmal ist das Dorf in den Fokus der Aufmerksamkeit von internationalen Historikern und Touristen geraten. Der Grund: Ein natürlicher „Maula-Baum" hat kürzlich die Bauarbeiten an der Muloza-Chiringa-Straße unterbrochen.

Im Auftrag des Straßenbauamts bessert die malawische Regierung eine 45 Kilometer lange Straße aus, um die Orte Mulanje und Phalombe durch den Muloza-Drift in der Traditional Authority Njema in dem Bezirk zu verbinden. Die Straße soll den Güter- und Personenverkehr erleichtern und damit Handel und Tourismus fördern.

Der Baum steht immer wieder auf
Es scheint jedoch, dass das neun Mio. US-Dollar teure Projekt dem Segen der Ahnen-Geister ausgeliefert ist, die Berichten zufolge mit dem natürlichen Maula-Obstbaum, der mitten auf der Straße steht, die Bauarbeiten zum Erliegen gebracht haben. Der „spirituelle Baum" soll wenige Stunden nach dem Fällen wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt sein und die mit dem Bau der Straße beauftragte Firma zum Aufgeben gezwungen haben.

Horden von Geschäftsleuten und Einheimischen im Muloza Border Trading Centre vertrauten mir an, der Baum sei tatsächlich der Geist eines Mannes, der als Magier und Ritualist in der Gegend bekannt war.

Chrissy Nyadani, Inhaberin eines Restaurants im Handelszentrum, glaubt, die Ältesten könnten den Geist dieses gefallenen Magiers hervorgerufen haben, um Chaos zu verursachen, weil die Regierung vor Projektbeginn ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sei.

„In dieser Gegend glauben wir, dass wir die Geister unserer Vorfahren zu Rate ziehen müssen, wenn uns Unrecht widerfahren ist. Es sind die Geister unserer verstorbenen Vorfahren, die für uns kämpfen. Nun, in diesem Fall glauben wir, dass unsere Ältesten, angeführt von traditionellen Führern, die Geister angerufen haben könnten, weil die Regierung uns vor Beginn des Projekts nicht entschädigt hat", meint Nyadani.

Bei den Recherchen, um der Geschichte auf den Grund zu gehen, zeigte sich eine gedrückte Stimmung unter den Dorfbewohnern. Beim Besuch auf der Baustelle am 24. Oktober 2019 inspizierte einer der Bauarbeiter träge eine geparkte Planierraupe, nur wenige Meter vom umstrittenen Baum entfernt. Er weigerte sich, seine Identität preiszugeben, und sagte, er sei nicht befugt, mit den Medien zu sprechen, denn die Angelegenheit berühre kulturelle und traditionelle Überzeugungen. Die Hüter von Kultur und Tradition – die traditionellen Führer – seien daher besser geeignet, sich zu äußern.

Die beauftragte Firma M.A. Kharafi and Sons hatte jedoch in einem früheren Interview mit einem Reporterkollegen mitgeteilt, sie habe mehrmals versucht, den spirituellen Baum zu fällen. Aber jedes Mal, wenn sie am nächsten Tag zur Arbeit wiedergekommen seien, hätten sie einen Baum vorgefunden, genau so, wie er gefällt worden sei. Zudem erzählten die lokalen Bewohner den Journalisten, dass der Baum mächtige Geister beherberge und als Zentrum für Hexerei aus allen Regionen Malawis diene.

Das Haus von Andrew Ngongondole, der auch Dorfvorsteher von Chigwere ist, steht keine 10 Meter vom Baum entfernt. Die Gemeinde glaubt, dass er hinter den Geistern stecke, die die Bauarbeiten an dem Projekt unterbrochen haben. In einem Interview bestätigte Ngongondole, er habe von der beauftragten Firma eine Beschwerde erhalten, weil sie Probleme hätte, den Baum aus der Mitte der Straße zu entfernen. Zudem habe der Anführer der zu den Lhomwe gehörenden Bevölkerungsgruppe, der Mulhakho wa Alhomwe, ihn angewiesen, unmittelbar dafür zu sorgen, dass der Straßenbau voranginge. Dieser Leston Mulli hatte zwei Männer geschickt, um Ngongondole zu warnen, dass die Gruppierung Maßnahmen gegen ihn ergreifen würde, sollte er das Projekt durch den Baum behindern.

„Ich versicherte sowohl dem Bauunternehmer als auch Herrn Mulli, dass ich meine Ältesten und Onkel konsultieren würde, damit wir eine Lösung für das Problem finden. Während ich mit Ihnen spreche, sind die Bauunternehmer nun in der Lage, den Baum zu fällen, angefangen bei den Ästen", sagt der Dorfchef.

Einige Gemeindemitglieder behaupten, Ngongondole habe womöglich die Geister gerufen, um das Projekt zu vereiteln, weil ihm die Regierung keine Entschädigung für die Bäume und anderes Eigentum gezahlt habe, das er im Zuge des Bauprojekts verloren hat.

Ngongondole gibt zwar zu, der Gebrauch von Magie sei Teil der dort herrschenden Kultur, er weigert sich jedoch, die Verantwortung für das Chaos zu übernehmen, das der Baum für das Projekt angerichtet hat. „Ich wünschte, die Regierung könnte jetzt anerkennen, dass sie in der Lage ist, den Baum auf der Straße und andere Bäume auf unserem Gelände zu fällen. Aber das heißt nicht, dass ich hinter dem stehe, was die Leute gegen mich vorgebracht haben", sagt er.

Solche Geschichten sind in den vier Distrikten Blantyre, Chiradzulu, Mulanje und Thyolo, die vorwiegend von den Lhomwe bewohnt werden, nicht ungewöhnlich. Im Thyolo-Distrikt, 44 Kilometer von Blantyre entfernt, verläuft die Verbindungsstraße von Blantyre nach Thyolo, auch bekannt als M2.

Der Fels mit dem Menschenantlitz
Der Felsen hat ein menschliches Antlitz. Dorfbewohner wie Sosten Damiano aus Mpiyama Village in der Traditional Authority Nchilamwela behaupten, dass die Straßenbauer ihn während der Kolonialzeit nicht wegbewegen konnten, da er immer wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückkehrte. Also bauten sie um ihn herum. Der Felsen wurde schließlich Mwala wa Mthunzi genannt, was „Fels des Schattens" bedeutet.

Damiano wirft der Regierung vor, es versäumt zu haben, diese geisterbehafteten natürlichen Ressourcen zu nutzen, um den Tourismus in Malawi zu fördern und anzukurbeln. „Ich bin der festen Überzeugung, dass Malawi riesige Einnahmen erzielen könnte, wenn die Regierung Dinge wie spirituelle Bäume und spirituelle Felsen vermarktet hätte", meint er.
Die Kulturdirektorin im Ministerium für Handel, Tourismus und Kultur, Dr. Elizabeth Gomani Chindebvu, sagt, die Regierung könne eine solche Entscheidung nicht treffen, schließlich gebe es keine Beweise dafür, dass die Bäume und Felsen Geister beherbergen könnten.

Watipaso Mzungu

Der Autor ist freiberuflicher Journalist und Fotograf aus Lilongwe, Malawi


DIE WURZELN VON GEISTERGLAUBEN UND MAGIE
Es gibt drei ethnische Gruppen in Malawi, die mit dem Geisterglauben, der Magie sowie der Beschwörung von Toten und Geistern in Verbindung gebracht werden: Die Lhomwe, die Yao, die mit den Lhomwe in direkter Verwandtschaft stehen sowie die Ngonde, die weiter im Norden Malawis, in Karonga, leben.

Die Anthropologen Anthony Mtuta und Sangwani Tembo bestätigten, dass Geschichten von Fremden, die durch Dörfer streifen und Blut saugen, in Malawi nicht ungewöhnlich sind. Mtuta und Tembo sagen, 1948 bis 1949 habe das Land eine schlimme Hungersnot erlebt und die Menschen glaubten, dass nachts Blutsauger in Autos und Lieferwagen unterwegs waren. Die Angriffe hätten erst aufgehört, nachdem die Autos verbrannt und von den Dorfvorstehern eine Ausgangssperre verhängt worden war.

Ähnliche Gerüchte tauchten 2002 wieder auf, einem Jahr, in dem Malawi von unregelmäßigen Regenfällen betroffen war und Hunger herrschte. In einigen südlichen Distrikten hatten die Dorfbewohner solche Angst vor mysteriösen Blutsaugern, dass sie ihre Felder unbeaufsichtigt ließen und vermeintliche Vampire gewaltsam angegriffen wurden. „Das führte zu einer Lynch-Justiz von Dorfbewohnern gegenüber verdächtigen Fremden. Einer wurde getötet, drei weitere wurden schwer verletzt", sagen die Forscher.

2009 kehrte die Hysterie zurück. Diesmal wurde ein junger Mann namens Jack Bandawe (alias Nachipanti), der angeblich Teil eines „blutsaugenden Syndikats" war, wegen mehrerer Mord- und Gewalttaten in Blantyre verhaftet.
In einer Studie mit dem Titel „Deconstructing mediocrity; Vampires, victims and national hysteria" schlägt John Lwanda vor, dass wir, um die Wurzeln dieses Aberglaubens zu verstehen, über den Glauben hinaus auf die dahinter liegenden strukturellen Bedingungen der Gegenden schauen müssen, in denen solcher Glauben entsteht. „Die Wurzeln der gegenwärtigen Vampir-Hysterie liegen auch im aktuellen Zustand von 'Recht und Ordnung', der 'moralischen Ordnung' und der sozioökonomischen Bedingungen in Malawi – und nicht nur, wie tief verwurzelt oder stark er auch sei, im bloßen Glauben an Ufiti [Hexerei]", schreibt er.

Der klinische Psychologe Chiwoza Bandawe von der Universität Malawi bestätigt dies. In einem Land mit hoher Armut, Unterentwicklung und Arbeitslosigkeit spiegele die Angst vor Blutsaugern die Erfahrungen der Menschen mit anderen Problemen wider. „Es ist fast eine symbolische Darstellung des Lebens, ihres Blutes, ihrer Hoffnung, die aus ihnen herausgesogen wird", sagt er.

Watipaso Mzungu


TÖDLICHER ABERGLAUBE
Malawi war schon immer ein abergläubisches Land. Das gilt vor allem für die Politik. Während des Einparteienregimes der Malawi Congress Party (MCP) wurden Menschen mit Albinismus aufgrund übernatürlicher Überzeugungen Opfer mehrerer Angriffe. Es herrschte der Mythos vor, wonach Menschen mit Albinismus nicht sterben, sondern mit ihren Überresten verschwinden, wobei deren Verbleib unbekannt sei. Später stellte sich jedoch heraus, dass diese Menschen für Rituale getötet wurden.

Die Malawier erlebten zwischen 1994 und 2004 eine Welle von Serien- und Ritualmorden, als die Vereinigte Demokratische Front (UDF) unter dem ehemaligen Präsidenten Bakili Muluzi an der Macht war. Es gab grausame Morde an Frauen in Distrikten wie Chiradzulu, in dem überwiegend Lhomwe leben, und Machinga, einem Yao-dominierten Distrikt, aus dem Muluzi stammt.

Auch der verstorbene Präsident Bingu wa Mutharika hatte seinen eigenen Anteil an den rituellen Aktivitäten während seiner Herrschaft, als etliche Menschen von Bürgerwehren getötet wurden, denen vorgeworfen wurde, Menschenblut zu trinken.

In Blantyres dicht besiedelten Stadtteilen Ndirande und Chiradzulu vermuteten die Bewohner, sogenannte Blutsauger würden moderne Technologie und Magie einsetzen, um ihre Opfer bewegungsunfähig zu machen und ihr Blut für magische Zwecke zu stehlen, bevor sie wieder verschwinden. In anderen Distrikten haben die Einheimischen Straßensperren errichtet und Gruppen gebildet, um nachts auf den Straßen zu patrouillieren, während viele aus Angst vor Angriffen draußen schlafen.

Der Konflikt ums „Blutsaugen" tauchte 2017 wieder auf – ungefähr drei Jahre nach dem Regierungsantritt von Präsident Peter Mutharika. Tatsächlich gingen damit Serienmorde an Menschen mit Albinismus einher.

Der jüngste Fall von Gerüchten über Vampirismus mit den darauffolgenden Morden an Menschen mit Albinismus, der seinen Ursprung in Mosambik haben soll, trat Mitte September 2017 in Teilen des südlichen Malawi auf. Die tödliche Mob-Gewalt, die auf das vermeintliche Ritual folgte, war so beunruhigend, dass UN-Agenturen ihre Mitarbeiter im Oktober 2017 aus den südlichen Distrikten verlegten. Auch die US-Botschaft hat ihre Peace Corps-Freiwilligen abgezogen und ihr Personal aufgefordert, nur mit „ausdrücklicher Erlaubnis" in die betroffenen Gebiete zu fahren.

Nach Angriffen auf Krankenwagen, in denen Vampire vermutet wurden, stellten Krankenhäuser in einigen Gebieten diese Dienste ein. Daraufhin besuchte Präsident Peter Mutharika drei betroffene Regionen, in denen er mutmaßliche Opfer von Blutsaugern traf. In Mulanje, dem Bezirk mit den meisten Vorfällen, verurteilte er die Lynchmorde, aber auch die vermeintlichen Vampire. „Wenn die Menschen Hexerei benutzen, um Menschenblut zu saugen, werde ich mich mit ihnen befassen und verlangen, mit sofortiger Wirkung damit aufzuhören", sagte er.

Doch einige Menschen, ironischerweise besonders die Glaubensgemeinschaft, äußerten den Verdacht, dass ausgerechnet die Politiker diese Serienmorde unterstützen, um an der Macht zu bleiben. So glauben viele, einige Politiker würden meinen, eine Wahl nur dann gewinnen zu können, wenn sie den Göttern ein Menschenopfer darbringen. Es beruht wahrscheinlich auf diesem Glauben, dass jede politische Verwaltung in Malawi mit mysteriösen und rituellen Aktivitäten in Verbindung gebracht wurde.

Watipaso Mzungu