Heft 6/2019, afrika süd-Dossier: Tradition im globalen Zeitalter

Die Spinne mit dem dicken Bauch

EINE DEUTUNG DER GLOBALEN UNORDNUNG ÜBER AFRIKANISCHE TIERFABELN AM BEISPIEL DER GESCHICHTEN VON ÈKÈNDÈBA

Klimawandel, Vergiftung von Luft, Böden und Gewässern, massives Artensterben, Kriege, Hunger und Elend für die einen, unbegrenzter Luxus für die anderen. Das sind aktuelle globale Erscheinungen, die in einer demokratisch verfassten Welt unterschiedlich interpretiert werden. In der traditionellen afrikanischen Kultur mit ihren tradierten Märchen und Fabeln finden sich Anhaltspunkte für eine erfrischende Deutung.

In afrikanischen Ländern wie der Elfenbeinküste, Ghana, Togo erzählt man sich seit jeher Geschichten über Èkèndèba, auch Kacou Ananse oder Yévi genannt, die Spinne mit dem dicken Bauch – ein schillerndes anthropomorphes Wesen, ein unverzichtbarer Gast an einem Erzählabend. Wir beginnen mit einer kurzen Geschichte und gehen danach zur Deutung der globalen Verhältnisse über.

Èkèndèba hatte gehört, dass Gott eine große Feier gab, zu der alle Lebewesen eingeladen waren. Er war relativ mittellos, nahm sich aber vor, dort in den schönsten Kleidern zu erscheinen, die jemals gesehen wurden.
Dafür besuchte Èkèndèba zuerst den Pfau und erzählte ihm, sein lieber Sohn Eban läge im Sterben und die Ärzte verlangten eine der schönsten Federn des Pfaus, um ihn zu heilen. Der Pfau wollte sich nicht von seinen prächtigen Federn trennen, aber aus Mitleid mit Èkèndèba gab er seine schönste Feder her.

Danach eilte Èkèndèba zur Sonne und bat sie um einen Strahl ihrer Krone, um seine Frau Côlu, die angeblich gerade verstorben war, wieder zum Leben zu erwecken. Die Sonne war nicht begeistert, aber die Frau ihres Freundes einfach tot zu wissen, das war ihr unerträglich. Und so übergab sie Èkèndèba einen der schönsten Strahle ihrer Krone.

Èkèndèba besuchte dann den Mond und erzählte ihm, dass Eban als sein einziger Sohn gerade von einer gefährlichen Schlange gebissen worden sei und ohne die Hilfe des Mondes dessen Seele in der nächsten Stunde bestimmt ins Jenseits wandern würde. So ergatterte er ein Stück von der weißen Farbe der Haare und der Klarheit des Blickes des Mondes.

Èkèndèba beließ es aber nicht dabei. Er ging zum Wasser, zur Flamme, zum Kind, zum Feuer, zur Liebe, zum Diamanten, zum Gold, zum Silber, zur Blume. Er besuchte alle Lebewesen, die in der Luft, auf der Erde, im Wasser wohnen, und schaffte es so, von jedem ein Stück von dem, was jedes Lebewesen einzigartig macht, zu ergattern.

Und so kam es, dass Èkèndèba am großen Tag des göttlichen Festes im schönsten Mantel erscheinen konnte, der jemals gesehen wurde. Voller Begeisterung für diese großartige und einzigartige Leistung fragte Gott Èkèndèba, was er für ihn tun könnte, und versprach, ihm jeden Wunsch zu erfüllen.

Das einzige, was Èkèndèba sich wünschte, war die Weisheit. Und so geschah es, dass er in Begleitung seines Sohnes das Fest mit einem Krug verließ, in dem die gesamte Weisheit der Welt enthalten war.

Leider verlor Èkèndèba aus Dummheit, Egoismus und Misstrauen gegen seinen eigenen Sohn den Schatz. Der Krug zerschellte an einem Baum, und so konnte sich die Weisheit in der ganzen Welt verbreiten. Èkèndèba gab aber nicht auf und nahm sich vor, nicht eher zu ruhen, bevor er nicht die ganze Weisheit wieder für sich, nur für sich und seine Nachkommen, und für immer gesichert hat.

Die Deutung von Èkèndèba
Èkèndèba verkörpert von seinem Charakter her nicht das Modell, das man Kindern zu Nachahmen empfiehlt. Er ist absolut egoistisch, konzentriert seine ganze Kraft darauf, andere zu täuschen, zu belügen, zu betrügen, um am Ende seine eigenen Vorteile zu sichern. Seine Ideen haben etwas Geniales, denn er ist gerissen, kann das scheinbar Undenkbare denken, das scheinbar Unmögliche ermöglichen. Verschlagenheit, Kühnheit, Fleiß und Hartnäckigkeit sind seine Stärken. Doch davon profitiert nie die Allgemeinheit, sondern nur er und eventuell seine kleine Familie. Deshalb ist Èkèndèba im Dorf nicht beliebt, sondern nur geduldet. Sein größtes Problem und gleichzeitig die günstigste Chance für das Dorf: Immer wieder übersieht er die Fallen, die er anderen stellt, und tappt selbst hinein. Wenn er sich aber aus der Falle befreit, macht er da weiter, wo er aufgehört hat. Weisheit, soziale Kompetenz, Empathie, Ehrlichkeit und Nettigkeit sind ihm fremd, aber er kann sie perfekt vortäuschen.

In afrikanischen Kulturen ist Intelligenz ein Kompositum aus Weisheit, Empathie, Gerechtigkeit, dem Sinn für sozialen Ausgleich, Wissen und funktioneller Intelligenz (Fachkompetenz), wobei für die Besetzung einer Führungsposition die zuerst genannten Eigenschaften wesentlich mehr wiegen. Dementsprechend ist es unvorstellbar, Èkèndèba eine Aufgabe von öffentlichem Interesse oder im Dienst des Gemeinwohls anzuvertrauen. Es herrscht die Auffassung, dass sonst der Gemeinschaft Chaos und Selbstauflösung drohen. Über das Leben des Dorfes schwebt dennoch wie ein Damoklesschwert die reale Gefahr, dass ein Teil des Dorfes die Genialität von Èkèndèba mit Intelligenz verwechseln könnte, was ihm doch zu einer verantwortungsvollen Position im Dorf verhelfen würde, ein Dilemma, mit dem die Dorfgemeinschaft permanent lebt. Èkèndèba aus dem Dorf zu vertreiben, geht auch nicht, denn er ist ein Bewohner des Dorfes, den man deshalb ertragen muss.

In der Fülle der Märchen über Èkèndèba ist mir keines bekannt, in dem er Dorfchef wäre. Weiterhin betrachten afrikanische Kulturen das Universum als ein Haus in unterschiedlichen Dimensionen, das von einer höheren Intelligenz regiert wird. Das private Haus, das Viertel, das Dorf, die Stadt, die Region, das Land, der Kontinent sind nichts anderes als einzelne Dimensionen desselben Hauses. Dementsprechend hat in all diesen Settings in Ausübung der organisatorischen Aufgaben in Politik, Wirtschaft und Verwaltung dasselbe ethische Urprinzip zu gelten: Es braucht Menschen, die die höhere Intelligenz des Universums verkörpern. Also: „Bloß kein Èkèndèba an der Spitze". Die Spannung zwischen dem Charakter von Èkèndèba und den Anforderungen an eine Führungsaufgabe im Dienst des Gemeinwohls ist nach afrikanischer Lesart eine der Grundfragen der menschlichen Existenz.

Kapitalistische Weltordnung
Betrachtet man von dieser Perspektive aus die globalen Verhältnisse in der heutigen Welt, so lässt sich erkennen, dass die demokratisch und kapitalistisch verfasste Weltordnung aus dem Denken von Èkèndèba entsprungen sein könnte. Im globalen Dorf scheinen derzeit diejenigen Menschen mit sozialer und emotionaler Kompetenz, die an der Spitze des nachhaltig zu führenden Dorfes stehen müssten, die Führungspositionen geräumt zu haben. Es hat den Anschein, als wäre Èkèndèba selbst überall der Chef geworden, oder dass er zumindest die Fäden im Hintergrund ziehen, alle Führungseliten dirigieren und manipulieren würde, damit sie seinen Willen umsetzen. Mit dem gegenwärtigen Prinzip „Alles für mich und nichts für die anderen" herrscht eine Unordnung in der Welt, die uns signalisiert, dass nicht die Menschen mit den Eigenschaften der höheren Intelligenz im Dienst des Gemeinwohls in Entscheidungs- und Führungspositionen stehen. Die Gerissenheit von Èkèndèba scheint sich in Politik, Wirtschaft und Verwaltung durchgesetzt zu haben.

Èkèndèba scheint es zu schaffen, die Demokratie mühelos für seine Pläne zu nutzen. Die Urdiskrepanz zwischen seinem Charakter und den Anforderungen an „Leadership" scheint nicht im Geringsten im Bewusstsein der herrschenden Eliten zu existieren. Das politische System der Demokratie dient dem Schein, dass das Leben im globalen Dorf nach freiheitlich-demokratischen Prinzipien regiert wird, während die wesentlichsten Akteure höchstens das kleine Mandat ihres eigenen Hauses besitzen. Die mächtigsten Entscheidungsträger besitzen jedoch kein allgemeines demokratisches Mandat und werden mit genialen Strategien ausgewählt und in Position gebracht. Die freiheitlich-demokratisch verfasste Gesellschaft beschäftigt sich nicht mit der Frage, ob sie sich an den Anforderungen an eine höhere Intelligenz orientiert. Im Gegenteil: Èkèndèbas Methoden werden ohne schlechtes Gewissen mit den verharmlosenden Begriffen „Strategie" und „Lobbying" verpackt und an Hochschulen gelehrt. So reproduziert sich selbst systematisch eine Kultur im Geist von Èkèndèba, die ihrem Wesen nach der Selbstzerstörung geweiht ist. Die ständigen Krisen im globalen Dorf sind ein Indiz dafür, dass die Weisheit gegenwärtig die Macht verloren hat, der Geist von Èkèndèba sattelfest in die entscheidenden Positionen gerückt ist und dass er sich nicht so leicht jemals wird wieder vertreiben lassen. Wie gelingt es uns, die Position des Dorfchefs für Persönlichkeiten mit Weisheit, Empathie, Gerechtigkeit und dem Sinn für sozialen Ausgleich frei zu machen? Das ist nach dieser afrikanischen Lesart die größte Aufgabe der heutigen Zeit.

Dass es selbst im privaten Haus Èkèndèbas, des Organisators der Unordnung kriselt, entspricht der Gesetzmäßigkeit, dass er immer wieder in die Falle hineintappt, die er für andere vorbereitet hatte. Während er konzentriert seine Strategien und Lobbying-Pläne ersinnt, um den grenzenlosen Luxus für sich und seine Familie herauszuholen, merkt er nicht, wie sehr er sich selbst zerstört und das ganze Dorf gleich mit. Klimawandel, Vergiftung von Luft, Böden und Gewässern, massives Artensterben, rechtsextremistische Kriminalität, Kriege, Terrorismus, Hunger mitten in Glitzer und Glamour im eigenen Haus: Das sind einige der Erscheinungen, die uns oft davon träumen lassen, man könnte einen guten Heiler finden, der Èkèndèba so wirksam therapiert, dass er endlich auch ein gemeinschaftlich denkender Bewohner unseres Dorfes wird.

Dr. Urbain N'Dakon

Der Autor ist promovierter Germanist und Qualitätsmanager. Im Hauptberuf arbeitet er als Geschäftsführer des Migrant*innen-Selbstorganisationen-Netzwerks „Miso" in Hannover. Außerdem ist er Songpoet und Geschichtenerzähler im Rahmen seiner eigenen Konzertreihe „Melodien der afrikanischen Seele".