Heft 6/2019, Angola

Hunger im Paradies der Rinder

KOMMERZIELLE VIEHZUCHT, KLIMAWANDEL UND DAS RECHT AUF LAND UND NAHRUNG IN GAMBOS, ANGOLA

In Gambos, dem sogenannten „Rinderparadies" im Süden Angolas, lebt eine große Gruppe von traditionellen Viehzüchtern. Seit Jahrhunderten nutzen die Menschen das Weideland gemeinsam, um mit ihrem Vieh Nahrung für sich selbst zu produzieren. Dies gelang über einen langen Zeitraum so gut, dass das Gebiet in der gesamten Region für seinen Nahrungsüberfluss bekannt war. Der Zugang zu Weideflächen von guter Qualität war dabei für die Hirten von wesentlicher Bedeutung, um die Gesundheit ihrer Rinder und eine ausreichende Versorgung mit Milch zu gewährleisten.

Vom Überfluss zu schweren Entbehrungen
Die etwa 4.000 km² Weidefläche in dieser Gegend in Tunda dos Gambos und im Tal von Chimbolele („Wiege des Viehs" und „Tal der Wunder" genannt) gehörten allen, die ihr Vieh dort weiden ließen – bis kommerzielle Viehzuchtunternehmen eintrafen. Seit ungefähr zwei Jahrzehnten haben die angolanischen Behörden zwei Drittel dieses Landes an kommerzielle Viehfarmen vergeben, insbesondere die besten Weideflächen, die die Auswirkungen von Dürren unter den Viehzüchtenden der Region früher abgemildert hatten. Die örtlichen Pastoralisten können nur noch das verbleibende Drittel von Tunda dos Gambos und des Tals von Chimbolele nutzen. Milch, das wichtigste Nahrungsmittel in diesen Gemeinden, ist in der derzeitigen Dürrephase zur Mangelware geworden. Ihre Produktion ist aufgrund des Mangels an ausreichenden und guten Weideflächen stark zurückgegangen. Da sie nicht genug Milch für ihre Ernährung zur Verfügung haben, sind die Menschen Hunger und Unterernährung ausgesetzt.

Somit hat die angolanische Regierung ihre nationalen und internationalen Verpflichtungen zum Schutz des Rechts auf Nahrung der Viehzüchter in Gambos eindeutig verletzt, indem sie Tunda dos Gambos und das Tal von Chimbolele als übertragbare Weideflächen behandelte und gewerblichen Viehzuchttreibenden die Möglichkeit gab, das Land in Besitz zu nehmen. Erschwerend kam hinzu, dass sie keine Regelungen vorgenommen hatte, die die Auswirkungen der kommerziellen Viehzucht auf die Ernährungssicherheit hätten lindern können.

Missachtung der eigenen Gesetze
Durch das angolanische Recht werden Gebiete geschützt, die, wie das Weideland in Gambos, traditionell genutzt werden – sowohl durch die Verfassung als auch durch das Land- und das Umweltrecht. Doch die angolanische Regierung hat ihre eigenen Gesetze nicht befolgt: Nach dem angolanischen Landgesetz sind solche Gebiete nicht übertragbar, d.h. die Regierung darf sie nicht ohne gebührende Sorgfalt zugunsten Dritter enteignen. Die Regierung kann die Enteignung von Grundstücken ausschließlich für öffentliche und nicht für private Zwecke vornehmen und nur, sofern eine gerechte Entschädigung erfolgt. Nach dieser Klassifikation gelten Tunda und Chimbolele als ländliche Gemeindegebiete, die Viehzüchter aus Südangola – aus den Provinzen Cunene, Huíla und Namibe – seit Jahrhunderten als Weideland nutzen. Trotzdem hat die angolanische Regierung den kommerziellen Viehhaltern die Möglichkeit eingeräumt, Tunda und das Chimbolele-Tal ohne jegliche Entschädigung zu großen Teilen in Besitz zu nehmen, was eindeutig gegen das Gesetz verstößt.

Zudem ist es nach der Verfassung und dem Landgesetz verpflichtend, Konsultationen mit den betroffenen Gemeinden durchzuführen, wenn Projekte mit Bezug zu Landressourcen vorgeschlagen werden. Solche Konsultationen sollen die Einhaltung des Grundsatzes der freien, vorherigen und informierten Zustimmung sicherstellen. Die angolanische Regierung erlaubte den kommerziellen Viehzüchtenden hingegen, den traditionellen Züchtern das Weideland ohne vorherige Zustimmung wegzunehmen.

Schließlich schreibt das angolanische Umweltrecht für alle Projekte, die sich auf die Umwelt und das soziale Gleichgewicht auswirken, eine Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung vor, um die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß der Beeinträchtigung der Menschen zu bestimmen. Die angolanische Regierung verstieß jedoch gegen dieses Gesetz und erlaubte den kommerziellen Viehzüchtenden, Tunda und Chimbolele ohne Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung zu besetzen.

Auch das Recht auf Nahrung, wie es sich u.a. in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte findet, hat Angola verletzt. Ferner hat es gegen die Afrikanische Charta über die Rechte und das Wohlergehen des Kindes verstoßen, mit deren Ratifizierung Angola sich verpflichtet hat, für „angemessene Ernährung und sauberes Trinkwasser" von Kindern und ihren Familien zu sorgen.

Klimawandel verstärkt Ernährungskrise
Das Klima im Süden Angolas ist semi-arid bis arid, d.h. es weist teils sehr geringe Niederschlagsmengen auf. An der Küste liegen die nördlichen Ausläufer der Wüste Namib, an die sich weiter landeinwärts eine Dornstrauchsavanne anschließt. Zyklisch wiederkehrende Dürrezeiten sind in dieser Region durchaus typisch. Die derzeitige Dürre dauert allerdings länger an als normal. Seit mindestens vier Jahren beeinträchtigt sie das Leben der traditionellen Viehzüchter. Laut den örtlichen Gemeinden hat die Dürre von Jahr zu Jahr zugenommen – eine Katastrophe für ihren Lebensunterhalt und eine Auswirkung des weltweiten Klimawandels. Einem Bericht des Internationalen Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) vom Mai 2019 zufolge sind etwa 2,3 Millionen Menschen von der Dürre im Süden Angolas (Provinzen Huíla, Cunene und Namibe) betroffen und leiden unter Ernährungsunsicherheit.

Während also in Gambos und im Süden Angolas viele Menschen unter der Dürre und der Nahrungsmittelkrise leiden, erklärte Angolas Präsident João Lourenço dem portugiesischen Rundfunk in einem Interview, dass es in Angola keinen Hunger gebe. Diese Aussage des Präsidenten entspricht nicht der Realität vor Ort. Sowohl die Menschen als auch ihr Vieh müssen mit sehr wenig Nahrung und Wasser auskommen. Unter den 2,3 Millionen Menschen, die im Süden Angolas unter Nahrungsmangel leiden, sind fast 500.000 Kinder unter fünf Jahren. Die Menschen greifen in ihrer Not zu verzweifelten Mitteln, um sich am Leben zu erhalten. Oft nehmen sie nur eine Mahlzeit pro Tag zu sich oder essen wilde Blätter und Früchte, die bei Kindern Durchfall verursachen.

Ein Viehzüchter berichtet: „Es gibt nicht mehr genug Milch. Also haben wir Erwachsenen das Trinken von Milch aufgegeben, damit die Kinder noch welche haben können. Wie Sie sehen, sehen wir nicht mehr so gesund und stark aus wie früher. Wir sind dünn und schwach. Wir essen die ganze Zeit Lombi (wilde Blätter). Was die Kinder betrifft, können Sie ja selbst sehen, dass sie auch dünn und schwach aussehen. Sie sind krank, weil ihnen nicht genug Milch zur Verfügung steht, obwohl wir Erwachsenen keine mehr trinken. Unsere Kinder essen heutzutage mehr Lombi als alles andere, was zu gesundheitlichen Problemen geführt hat. Wenn Kinder Lombi ohne Milch essen, bekommen sie Durchfall. Unsere Kinder haben immer Durchfall."
Die UNO schätzt, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Bevölkerung in den Provinzen Huíla und Cunene unterernährt sind.

Die Dürre hat sich auch auf andere Lebensbereiche ausgewirkt. In den Provinzen Cunene, Huíla und Namibe gibt es verbreitet Schulschließungen. Laut Unicef hat die Dürre allein in der Provinz Cunene 614 von 887 Grundschulen – fast 70 Prozent – dazu gezwungen, den Unterricht vorübergehend auszusetzen, sodass rund 150.000 Kinder keinen Zugang zu Bildung haben.

Die Reaktion der Regierung
Die Situation der Gemeinden in diesen Provinzen, insbesondere in den ländlichen Gebieten, ist kritisch, verschlechtert sich und zeigt keine Anzeichen für eine Verbesserung. Im Mai 2019 veröffentlichte Unicef einen Bericht, in dem es die alarmierende Zahl der Menschen nannte, die in Südangola von Ernährungsunsicherheit betroffen sind. Erst nach dieser Veröffentlichung erklärte die angolanische Regierung, dringende Maßnahmen ergreifen zu wollen, um den Gemeinden bei der Bewältigung der Lebensmittel- und Wasserkrise zu helfen. Die Regierung erklärte auch die Umsetzung langfristiger Maßnahmen als vorrangig, die die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung gegen die Dürre erhöhen sollen. Bisher sind diese Maßnahmen in den betroffenen Gebieten aber noch nicht angekommen.

Das Klima Südangolas und die zyklischen Dürren in dieser Region sind bekannt. Das lässt den Mangel an Planung und Handeln der Behörden nur umso weniger begreiflich erscheinen. Sofern keine kurzfristigen und durchgreifenden Maßnahmen ergriffen werden, wird sich die Lage weiter verschlechtern. Auch auf internationaler Ebene gibt es Bedarf: Im Mai 2019 schätzten die Vereinten Nationen, dass etwa 14,25 Mio. US-Dollar benötigt werden, um die Notsituation im Süden Angolas zu bewältigen. Die Vereinten Nationen verfügen derzeit nur über 6,4 Mio. Dollar – rund 45 Prozent des geschätzten Bedarfs.

Die Regierung Angolas und die internationale Gemeinschaft müssen sicherstellen, dass das Leben der Menschen im Süden Angolas gerettet wird. Die betroffenen Gemeinden müssen mit Nahrung und Wasser versorgt werden. Außerdem müssen für die Zukunft Strategien entwickelt werden, um die Rechte der Menschen auf Nahrung, Wasser und Leben zu schützen. Nur durch eine wirksame langfristige Unterstützung kann die Anfälligkeit für Hungersnöte bei künftigen Dürren verringert werden.

Ulrich Fehling

Der Autor ist für die Kogruppe für die portugiesisch- und spanischsprachigen Länder Afrikas bei Amnesty International zuständig.
Download der Studie von Amnesty International:  "The End of Cattle's Paradise".