Heft 6/2019, afrika süd-Dossier: Tradition im globalen Zeitalter

Im Zwischenort

ZWISCHEN TRADITION UND MODERNE: AFRIKAS PLATZ IM GLOBALEN KAPITALISTISCHEN SYSTEM

An den afrikanischen Kontinent zu denken impliziert, eine Idee oder ein Bild davon zu haben, was Afrika und „afrikanisch" ist. Für die Afrikanerinnen und Afrikaner selbst ist es das Bild von einem Afrika mit Herausforderungen, die sie in ihrem Alltag spüren. Für den Westen ist es das Bild eines in der Zeit stehengeblieben Afrika, dem Schauplatz von Krisen, Konflikten und Naturkatastrophen, und dass die „Afrikaner" durch die Hand von Völkern, die als fortschrittlicher, also moderner gelten, entwickelt und in die Moderne gebracht werden müssen. Tatsächlich handelt es sich um ein Bild, das in der Geschichte mit Sorgfalt bewahrt wurde. „Der Afrikaner" und Afrika wurden von der Geschichte als imaginäre und erfundene Kategorien erhalten – auf Grundlage mangelnden Verständnisses oder einer verzerrten und verfälschten Darstellung durch den kolonialen Diskurs darüber, was menschlich ist und was es heißt zu leben.

Diese Interpretation basierte auf einer rigorosen, jedoch ausgedachten Unterscheidung zwischen Tradition und Moderne. Es ist daher eine Unterscheidung, die die Selbstzuschreibung einiger (westlicher) Männer impliziert, sie hätten den Status fortgeschrittener (moderner) Wesen und seien dafür verantwortlich, rückständige (traditionelle) Wesen in die Moderne einzugliedern. Moderne und Tradition sind jedoch mehrdeutige Begriffe, so dass jeder Versuch einer starren Unterscheidung das Risiko von Widersprüchlichkeit und Ambivalenz birgt. Es sei denn, man unterscheidet, wie es in der europäischen Renaissance gemacht wurde: Um zu bestimmen, wer die „Rückständigen" und wer die „Fortschrittlichen" sind, schuf man eine Trennlinie, die es beispielsweise erlaubte, den Begriff der „Tradition" nur als Instrument zur Verleugnung und Abwertung bzw. Inferiorisierung des Anderen zu verwenden.

Interdependenz von Tradition und Moderne
Afrikanische Autoren hingegen, wie Achille Mbembe aus Kamerun, Felwine Sarr aus dem Senegal sowie die mosambikanischen Soziologen Elísio Macamo und Carlos Serra, verstehen Tradition und Moderne als wechselseitig verwobene Elemente, die durch Kontinuität oder gegenseitige Abstimmung aufeinander gekennzeichnet sind, und dadurch ein Verständnis der Konzepte ermöglichen, ohne die Auf- oder Abwertung des anderen zu beabsichtigen. In diesem Sinne reklamieren sowohl Elísio Macamo als auch Achille Mbembe die Moderne für die Afrikanerinnen und Afrikaner, gerade weil die Kolonisierung nach Ansicht der Autoren diesen Völkern in Wahrheit die Moderne verweigert hat. Die Moderne wird hier als eine Möglichkeit der Suche nach Selbstbestimmung und Wiedereingliederung des afrikanischen Menschen als historisches Subjekt verstanden. Jedoch unterscheidet sie sich von der Tradition – ohne sich von ihr gänzlich zu lösen – insofern, als sie sich lediglich auf einen als ursprünglich erachteten Brauch bezieht, der allerdings durch jedwede Erfordernis der Gegenwart anzupassen versucht wird – wie zum Beispiel das Bedürfnis nach Selbstbehauptung im Kontext der westlichen und östlichen Herrschaft im globalen kapitalistischen System.

Das Verständnis von Tradition und Moderne in diesem Sinne erlaubt es, diese beiden Begriffe in afrikanischen Gesellschaften zu diskutieren, ohne Gefahr zu laufen, in das noch immer gängige Vorurteil von der Rückständigkeit „Afrikas" und der „Afrikaner" zu geraten; sei es, weil sie traditionell sind, oder was auf das Gleiche hinausläuft, weil sie nicht modern sind. Tatsächlich bringt das Konzept der Tradition eine essenzialistische Auffassung des afrikanischen Menschen mit sich, entweder mit dem Ziel der Kolonisierung und Enteignung (äußere Ebene) oder mit dem Ziel, eine eventuell bedrohte Rechtmäßigkeit zu dominieren oder zurückzuerobern (innere Ebene).

Anknüpfend an Mbembe und Sarr betrachtet der Soziologe Carlos Serra die Tradition, so sie als Gegenpol zur Moderne verstanden wird, als eine Erfindung des Kolonialismus, die von afrikanischen Führern in Form von politisierten Traditionen übernommen wurde. Jedoch ist eine Diskussion über „Tradition" und „Moderne" in afrikanischen Gesellschaften, zumindest um zu verstehen, welchen Platz sie im globalen kapitalistischen System einnehmen, heute nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig. Gerade weil die Rechtfertigungen für die Kolonisierung und Benachteiligung der Afrikanerinnen und Afrikaner und ihres Kontinents von sich gegenseitig ausschließenden Vorstellungen dessen herrühren, was traditionell und was modern ist, wobei die afrikanischen Gesellschaften stets in erstere Schublade gesteckt wurden.

Im Dialog miteinander
Aber in diesen Gesellschaften sind Moderne und die Tradition eben durch Kontinuitäten und Diskontinuitäten gekennzeichnet, mithin also durch Eigenschaften, die keine strenge Unterscheidung, wie es in der Voreingenommenheit des kolonialen Diskurses geschieht, sondern einen ständigen Dialog zwischen beiden erlauben. Wenn wir vielmehr von der Perspektive ausgehen, dass es keinen natürlichen Unterschied zwischen dem Traditionellen und Modernen gibt, dann sind afrikanische Gesellschaften aufgrund der ihnen eigenen historischen Bestimmungen weder traditionell noch modern, sondern sowohl Produkte als auch Produzenten einer wechselseitigen Beziehung. Diese ist ein auf ewigem Widerstreit begründeter Kontakt, einerseits untereinander auf dem Kontinent und andererseits zwischen diesen Gesellschaften und dem Rest der Welt.

Ein Beispiel für die Beziehung zwischen Moderne und Tradition ist die Alltagspraxis einiger Menschen in Mosambik, wenn sie krank sind. In dieser Situation gehen die Menschen auf der Suche nach Behandlung ins Krankenhaus, um einen Arzt aufzusuchen, aber sie gehen ebenso zum „traditionellen Heiler" oder den evangelikalen Kirchen. So stimmen sie Tradition und Moderne auf die praktischen Problemen des Alltags ab. Dieses Beispiel, obwohl es banal ist, offenbart eine Abstimmung und Verhandlung zwischen dem, was man gewöhnlich Tradition und Moderne nennt. Übrigens wird diese Aushandlung bereits durch die im mosambikanischen Alltag übliche Bezeichnung „Traditioneller Arzt" („médico tradicional") sichtbar.

All dies ist so intensiv, dass Autoren wie Felwine Sarr zur Wiederentdeckung afrikanischer Wurzeln und Traditionen aufrufen. Sie beanstanden, dass sich die Afrikaner heute in einer Situation befinden, in der sie hin- und hergerissen sind zwischen einer Tradition, die sie nicht mehr kennen, und einer Moderne, die als eine zerstörerische und entmenschlichende Kraft über sie kam. Doch ganz im Gegenteil – was wir aus der Geschichte lernen können, ist, dass afrikanische Gesellschaften heute nicht mehr als traditionell und auch nicht als modern angesehen werden können, sondern als Gesellschaften, die beide Konzepte in Einklang bringen. So kann man sagen, dass sie und ihre Staaten sich durch den Kontakt mit dem Rest der Welt in einer ständigen Verhandlung zwischen den beiden Polen Modernität und Tradition befinden. In einer Verhandlung, die die Suche nach einem dritten Ort ermöglicht, d.h. einem Ort, der weder traditionell noch modern ist. Tatsächlich befinden sich die „Afrikaner" und „Afrika" in einer Art „Zwischenort". Dieser Zwischenort ist ein „dritter Ort", der die Möglichkeit des Daseins gerade im Dialog, in der Verhandlung und in der Versöhnung zwischen Tradition und Moderne findet und aufgrund seiner Geschichte und seines Platzes in der Welt mit dem Rest der Welt so zu einem eigenen Ort der Afrikanerinnen und Afrikaner wird.

Wenn also die Abstimmung zwischen Tradition und Moderne, wenn dieser „Zwischenort" Afrika entspricht und wir diese Möglichkeit als real betrachten, dann können die Afrikanerinnen und Afrikaner zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte als „traditionell" betrachtet werden, also als „rückständig", außer aus einer voreingenommenen Perspektive, die dem kolonialen Diskurs entspringt. Die gesamte Geschichte Afrikas ist eine Geschichte der Kontakte zu anderen Völkern, manchmal auf friedliche und oft auf gewalttätige Weise. So verlangt die Geschichte selbst von Afrika und seinen Menschen eine ständige Suche nach einem dritten Weg, einer dritten Möglichkeit oder letztlich einem „dritten Ort". Ein dritter Ort, der zugleich „afrikanisch" ist und zugleich auf dem Kontakt mit der Kolonisierung, aber auch mit der „ganzen Welt" aufbaut. Ein dritter Ort ist möglich aus dem historischen Bewusstsein der Afrikanerinnen und Afrikaner und der Wiederherstellung ihres Platzes als Akteure ihrer eigenen Geschichte. Aber ein Akteur, der in der Lage ist, mit anderen Völkern in diesem globalen kapitalistischen System zu verhandeln, das von Natur aus auf Wettbewerb beruht. Wenn im 15. Jahrhundert die Begegnung zwischen Afrika und der Welt zu Imperialismus, Kolonialismus und Sklaverei geführt hat, wird oder sollte der Kontakt heute, Mitten im 21. Jahrhundert, zu Zusammenarbeit, zu Verhandlungen und nicht mehr zu Zwang und Enteignung führen. Tradition und Moderne offenbaren also nicht mehr ein Rückständiges (Traditionelles) und ein Fortgeschrittenes (Modernes), sondern nur noch Abstimmung und Verhandlung und zudem auf der Grenze ein „Afrika" und einen „afrikanischen" Menschen mit ihrem gleichrangigen Platz im globalen kapitalistischen System.

Alcides André de Amaral

Der Autor ist Teilnehmer des Interdisziplinären Postgraduiertenprogramms in Geisteswissenschaften an der Universität für Internationale Integration der afro-brasilianischen Lusophonie (Universidade da Integração Internacional da Lusofonia Afro-Brasileira), Brasilien