Heft 6/2019, afrika süd-Dossier: Tradition im globalen Zeitalter

Jenseits des Entwicklungsdenkens

DISKUSSION ALTERNATIVER GESELLSCHAFTSMODELLE anhand von Beiträgen aus Peripherie und afrika süd.

Sind wir eigentlich noch im Entwicklungszeitalter? Seit einiger Zeit wird „Post-Development" diskutiert. Dem Thema widmete die Zeitschrift Peripherie 2018 eine Doppelausgabe. Schon Ende 2017 hatte afrika süd ein „Dossier Entwicklung" herausgegeben, das sich kritisch mit dem Konzept der Entwicklung auseinandersetzt und das hier vergleichend herangezogen wird.

Das Editorial der Peripherie stellt den Post-Development-Diskurs vor. Den Begriff „Entwicklung" gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts. Um 1950 wurde er bestimmend für das Konzept der „Entwicklungsländer". In ihm enthalten sind Vorstellungen, dass die Industriegesellschaften des Westens an der Spitze der Entwicklung stünden, Gesellschaften sollten „rational" umgestaltet werden und andere Gesellschaften hätten diese Rückstände aufzuholen. Offensichtlich enthält dieses Denken Probleme: Eurozentrisch bedingt es, dass die Experten für die weitere Entwicklung im globalen Westen angesiedelt sind. Eliten des Südens nutzten den Begriff, um autoritäre Entwicklungswege zu rechtfertigen. Seit den 1970er-Jahren wurden bisher unterbelichtete Aspekte in den Blick genommen: Frauen, Umwelt, Partizipation der Betroffenen, Märkte, „gute Regierungsführung". Die Ausrichtung wandelte sich von dem Ziel eines etwa gleichen Entwicklungsstandes zur Armutsbekämpfung. Ende des 20. Jahrhunderts wurde der ganze Entwicklungsweg zunehmend in Frage gestellt, u.a. weil Ungleichheit entpolitisiert und übernationale Zusammenhänge ausgeblendet werden. Viele Menschen im globalen Süden streben weiter Entwicklung an, es ist aber unterschiedlich, was darunter verstanden wird. Und es gibt Vorstellungen von Alternativen zur Entwicklung. Mit diesen Alternativen befassen sich die thematischen Beiträge des Heftes.

Während die Peripherie mit wissenschaftlichem Anspruch einen langen Zeithorizont abdeckt und versucht, Tiefenstrukturen aufzudecken, ist das afrika süd-Dossier Entwicklung in vielen Beiträgen aktueller aufgezogen und will Erkenntnisse in die Breite der Solidaritätsbewegung vermitteln. Da wird der Weg von den MDGs zu den SDGs analysiert, werden neue Afrika-Initiativen kritisiert, die Verschärfung des „Grenzmanagements" in Südafrika beschrieben, die Militarisierung des Entwicklungsdiskurses thematisiert und die „Eroberung" der internationalen Ernährungspolitik durch Konzerne angeprangert, und damit insgesamt ein Eindruck von der Kritikwürdigkeit aktueller Entwicklungsstrategien gegeben. Der wenig erfolgreiche Entwicklungsweg Simbabwes wird beschrieben, doch kaum erklärt, und über die wieder stark angestiegene Staatsverschuldung in Mosambik wird berichtet. Im Dossier gibt es interessante Hinweise auf aktuelle Literatur und Filme. Andere Beiträge, die längere Zeithorizonte abdecken, werden im Folgenden auf Artikel der Peripherie bezogen.

Alternative Konzepte
Im ersten Beitrag der Peripherie geht es um zwei Ansätze, die aus westlicher Sicht sicher negativ zu bewerten sind. Schaffar und Ziai beschreiben Alternativen aus Thailand und dem Iran. In Thailand gab es unter dem Begriff Suffizienz-Wirtschaft und mit starkem buddhistischem Einfluss Vorstellungen von einfachem Leben. In den Militärdiktaturen wurde diese Vorstellung genutzt, um die bäuerliche Mehrheit autoritär einzuschränken und von der politischen Macht fernzuhalten. Im Iran gibt es eine schon lange währende Kritik an der „Krankheit der Verwestlichung", eine Forderung nach der Rückbesinnung auf eigene Werte. Die islamische Republik nutzte diese Tradition ab 1979 für ihr autoritäres Staatsmodell. Mit Ziai stellt damit einer der deutschen Hauptautoren des Post-Development-Diskurses fest, dass Alternativen zum Entwicklungskonzept nicht unbedingt zu besseren Lebensverhältnissen führen müssen.

Um das Konzept des Ubuntu, einem Begriff aus dem südlichen Afrika, geht es im Beitrag von Matthews in der Peripherie. Bei Ubuntu, sehr unterschiedlich verstanden, geht es allgemein gesagt um eine humane Umgangsweise mit Menschen. Die gegenseitige Verbundenheit wird betont und Individualismus abgelehnt. Es gebe viele Parallelen mit anderen Formen des afrikanischen Humanismus, von denen sie vier nennt und mit Quellen belegt, darunter Hunhuismus in Simbabwe. Sie sieht Elemente des Entwicklungskonzepts, die durchaus erhaltenswert seien, wie den Aufstieg der Länder des Südens in der weltweiten Hierarchie, kommt aber bei aller Ambivalenz zum Schluss, dass Ubuntu einen Beitrag zu Alternativen zum Entwicklungsdenken leisten kann.

Im afrika süd-Dossier geht Acosta auf Ubuntu und die Idee des „Guten Lebens" (buen vivir) aus Lateinamerika (ausführlicher in der Peripherie 149) ein. Sie seien etwas Anderes als westliche Philosophien. „Es sind keine ausdruckslosen Konzepte, sondern tägliche Lebenserfahrungen", die sich durchaus unterschieden: „Ubuntu, bekannt vor allem in den Bantu sprechenden Völkern, hat sein Leitprinzip in der Bewegung, Buen Vivir in der Harmonie." Sie seien „aus traditionell marginalisierten, sogar kolonisierten und dauerhaft ausgebeuteten Gruppen" entstanden, hätten nicht-kapitalistische Wurzeln und stärkten die Gemeinschaftsrechte. Aus dieser Perspektive kritisiert der Autor auch das Entwicklungskonzept und stellt Ubuntu und buen vivir als Alternativen dar.

Ebenfalls im Dossier befasst sich Suttner mit der Frage, welchen Beitrag Ubuntu, verstanden als die Wiederbelebung kolonialer Werte, in der Dekolonisierung Südafrikas spielen solle. Viele Menschen lebten nicht nach dem Konzept, es sei zudem kommerzialisiert. Es sei nur ein Prinzip in einem komplexen Feld von Prinzipien, die sich in Sprichwörtern spiegeln, die durchaus unterschiedliche Ausrichtungen zeigen, z.B. eine „Balance zwischen individuellen und gemeinschaftsorientierten Aufgaben und Verantwortungsbereichen", in der es auch das Patriarchat, Gewalt und Machtbeziehungen gebe. Er setzt sich damit von einer essenzialistischen Ethnophilosophie ab, wie sie Paulin Hountondji aus Benin vertrete. Er schließt, es sei wichtig, „eine humanistische und emanzipatorische Vorstellung von Ubuntu zu entwickeln, die umstrittene Bedeutungen akzeptiert. Damit Ubuntu weiterhin wichtig ist, muss es als dynamisches Konzept verstanden werden." Acosta und Suttner sind, dem Medium angemessen, konkreter als die Artikel in der Peripherie zu Ubuntu. Sie greifen aber auch wichtige theoretische Aspekte auf, die in der Peripherie nur am Rande oder gar nicht vorkommen.

Praeg vergleicht in seinem Beitrag in der Peripherie Ubuntu mit drei weiteren Theorien des Südens. Der Neo-Konfuzianismus und der afrikanische Sozialismus seien einigermaßen kohärente Ideologien. Auch wenn es viele Ausprägungen dieser Theorien gebe, so hätten sie doch einen Grundstock an Vorstellungen und Literatur, auf den sie sich bezögen. Ubuntu und die Idee des „Guten Lebens" haben eine solche Basis nicht, sondern versuchen, vorkoloniale Praxis in eine Philosophie zu formen. Sie seien „offen für die Wechselfälle von Interpretationen". Praeg fragt nun, ob es sich bei diesen offenen Begriffen um leere Begriffe („leere Signifikanten") handele, die beliebig gefüllt werden könnten. Er zeichnet für Ubuntu nach, wie sich der Begriff unter verschiedenen Bedingungen entwickelt. Begriff und Praxis seien hier untrennbar verbunden. Ubuntu und Gutes Leben seien „ruhelose" Begriffe, die sich der Praxis anpassen und wieder auf sie einwirken.

Einen Einblick in solch alternatives Denken geben im Dossier das Interview mit Felwine Sarr aus dem Senegal, Autor von „Afrotopia", die Rezension von drei Büchern von Achille Mbembe, derzeit Südafrika, auf den sich auch einige Artikel in der Peripherie beziehen, und die Reportage über „Afrikas moderne junge Generation". Hier zeigt sich der Vorzug des Dossiers für ein breiteres Publikum: Es ist durchweg leicht lesbar geschrieben, und auch wenn die meisten Artikel der Peripherie gut lesbar sind, so haben sie doch einen durchaus angemessenen akademischen Charakter.

Marx und Buddha
Sachs vergleicht in der Peripherie zwei 2015 veröffentlichte Texte: die Agenda 2030, die die Ziele für nachhaltige Entwicklung enthält, und Papst Franziskus Enzyklika Laudato Si. Bei der Agenda 2030 gehe es nicht mehr um nachholende Entwicklung, sondern nur noch um das Überleben. Die SDGs stünden dennoch in der alten Tradition, weil es weiterhin darum gehe, Defizite abzubauen, weil sie technokratisch vorgehen und Machtfragen ignorieren, und weil sie in sich widersprüchlich seien. Laudato Si dagegen wende sich vom Entwicklungsdiskurs ab. Der Zeitpfeil werde vom Raumbewusstsein abgelöst. Der Mensch sei nicht Krone der Schöpfung und er fordert Umkehr der Reichen, die von ihrem Reichtum abgeben müssten. Es gehe um Heilung, nicht um Management, und statt auf Effizienz (womit die Agenda 2030 hinter Rio 1992 zurückfalle) setze der Papst auf Suffizienz.

Pillay führt in der Peripherie Marx und Buddha zusammen. Er argumentiert, dass die Neue Linke sich auf Philosophen wie Buddha beziehen müsse, der zur „Achsenzeit" gehöre (800 bis 200 v. Chr.), in der sich Philosophen mit der zunehmenden Ungleichheit auseinandersetzten. In Abgrenzung zum orthodoxen Marxismus gibt er einige Beispiele solcher Ansätze, die Marx mit anderen Philosophien verbinden. Dabei bezieht er sich auch auf Rick Turner, der in den 1970er-Jahren eine wichtige Rolle für die entstehende Gewerkschaftsbewegung in Südafrika gespielt hat und heute noch gut bekannt ist.

Das Konzept des Vida Tranquila nutzt De Eguia Huerta in der Peripherie für eine Kritik am Gender Mainstreaming. Bei der Vida Tranquila, einer Vorstellung von „ruhigem Leben", geht es um das ganzheitliche Wohlbefinden der Menschen. In diesen Kontext wurde in einem Entwicklungsprojekt Gender Mainstreaming eingeführt. De Eguia Huerta zeigt, wie das Mainstreaming Standards von Entwicklung, die im Norden definiert wurden, durchzusetzen versucht, und wie in den indigenen Gemeinden dieses Konzept so transformiert wird, dass es den eigenen Vorstellungen entspricht.

Dass es alternative Ansätze zur Entwicklung auch schon vor dem 20. Jahrhundert gegeben hat, zeigt Reinhard Kößler in der Peripherie in seiner Darstellung der russischen Dorfgemeinden. Er legt dar, dass Solidarität nicht unbedingt eine freiwillige und freundliche Haltung ist, sondern unter Zwangsbedingungen entstehen kann.

Im Dossier kritisiert Vince Musewe aus Simbabwe, Entwicklungshilfe sei „zum mächtigsten Werkzeug geworden, mit dem gewisse westliche Regierungen Afrika weiterhin als Kontinent der Bittsteller erhalten". Um diese These zu belegen, referiert er bekannte Literatur, die im Wesentlichen im Globalen Norden entstanden ist: Angus Deaton, William Easterly, Dambisa Moyo. Mal abgesehen von den inneren Widersprüchen dieser Literatur (sie macht die Entwicklungshilfe z.B. für die Korrumpierung von Regierungen des Südens mitverantwortlich, als ob es keine Wirtschaftsbeziehungen und keine Ressourcenextraktion gebe, und kritisiert, dass es weiterhin Armut gebe, setzt sich aber nicht mit den immensen Fortschritten bei vielen Indikatoren menschlicher Entwicklung auseinander): Dass ein Teil der Mittelschicht des Südens solche Konzepte übernimmt, statt eigene Theorien zu entwickeln oder sich mit Autoren wie Sarr und Mbembe auseinanderzusetzen, erweckt den Eindruck, dass sie von ihrem Versagen ablenken will: Sie wäre es, die eine „Gute Regierungsführung" in ihren Ländern durchsetzen könnte. Gerade in Simbabwe, wo erneut eine Befreiungsbewegung versagt hat, könnte ein Bezug auf Frantz Fanon hilfreich sein. Doch das Problem, dass keine angemessene eigene Theorie entwickelt wird, hat nicht nur der Globale Süden. Jill Philine Blau stellt in der Peripherie in ihrem Artikel über Wanderwirtschaft im Oberallgäu fest, dass die Gemeinwirtschaft, die einen wesentlichen Teil des europäischen Wirtschaftsmodells ausmacht, kaum untersucht und auch theoretisch zu wenig reflektiert ist.

Frantz Fanon reflektieren
Was in den beiden besprochenen und in anderen Publikationen durch Abwesenheit auffällt, sind die Arbeiten von Theoretikern der Befreiungsbewegungen, für die hier Fanons Hauptwerk „Die Verdammten dieser Erde" (rororo, Reinbek 1961) stehen soll. Geschrieben während des algerischen Befreiungskrieges, befasst sich der erste Teil damit, wie die Kolonisierten sich auch mental von den Kolonisatoren, den Weißen, befreien können. Nur durch gewaltsamen Kampf sei die mentale Befreiung möglich. Viele in der Peripherie genannte Ideen der Alternativen tauchen hier schon auf, so die bäuerliche Gemeinschaft und die Überwindung des Individualismus. Das wirft die Frage auf: Ist Entwicklung ein neokoloniales Projekt und Fanons Ansatz eine Alternative zur Entwicklung, oder sind beide Entwicklungskonzepte?

In weiteren Teilen des Buches analysiert Fanon, wie Dekolonisierung verläuft, wenn keine Befreiung durch gewaltsamen Kampf stattfindet. Er beschreibt schon 1961, wie sich kleine Cliquen die Reichtümer des Landes aneignen, indem sie die Rolle der Kolonisatoren übernehmen, wie sie nur Handel treiben und Werte herausziehen, und nicht Wertschöpfung schaffen, wie keine Kapitalistenklasse entsteht, die die Wirtschaft entwickelt und neue Werte schaffen lässt. Er beschreibt die Rolle des „Lumpenproletariats" und die Rolle der Mittelschicht, die eben auch nur Anteil an den Reichtümern haben will, statt sich für eine gerechte Verteilung einzusetzen. Die Konzentration auf die Städte und die Vernachlässigung des Landes ist im Buch ein wichtiges Thema.

Bezeichnend in diesem Kontext ist nun, dass sich dieses Buch liest wie eine Beschreibung Simbabwes mindestens ab den 1990er Jahren, und das obwohl Simbabwe einen Befreiungskrieg geführt hat, der weite Teile des Landes und der Bevölkerung umfasste. Aber vieles, was Fanon als Bedingungen echter Befreiung vom Kolonialismus beschreibt, war von Anfang an nicht gegeben. Die großen Hoffnungen, die Fanon in den Befreiungskampf gesetzt hatte, sind nicht nur in Simbabwe enttäuscht worden. Trotz des Versuchs, eine Alternative zu schaffen, ist in Simbabwe letztlich ein neokoloniales Entwicklungskonzept gefahren worden.

War Fanon nun ein Autor des Entwicklungskonzepts, steht er für eine Alternative, oder für etwas ganz Anderes? Für den Diskurs um Alternativen zur Entwicklung sollte es interessant sein, die Literatur der Befreiungsbewegungen auf solche Fragen zu untersuchen, und ihr Scheitern sollte daraufhin untersucht werden, was für die Chancen der Alternativen zu lernen ist.

Bernward Causemann

Quellen:
Peripherie 150/151: Jenseits des Entwicklungsdenkens, 2018, www.zeitschrift-peripherie.de

Dossier Entwicklung, afrika süd, Dezember 2017