Heft 6/2019, afrika süd-Dossier: Tradition im globalen Zeitalter

Jenseits von Wachstum

ZU DEN BEITRÄGEN AUS DEM GLOBALEN SÜDEN FÜR EINE POSTWACHSTUMSÖKONOMIE

Ist Wachstum im globalen Süden (noch) notwendig? Im März gab es zwei Ereignisse, die in direktem Zusammenhang stehen mit der Problematik der Wachstumsideologie: Der Flugzeugabsturz der ET-Maschine 302 von Addis Abeba nach Nairobi am 10. März 2019 und der Zyklon Idai, der zwischen dem 15. und dem 21. März Teile Mosambiks, Malawis und Simbabwes verwüstet hat. Beides Ereignisse, die mit dem Thema Wachstum zu tun haben.

Nach allen heute vorliegenden Informationen sieht es so aus, als hätte Boeing die Erzielung höherer Wachstumsraten mit einem neuen Modell und somit die Konsolidierung der Marktmacht und die Ausschaltung der Konkurrenz auf Kosten der Sicherheit betrieben. Auf jeden Fall hätte ein langsameres Tempo in der Entwicklung der B737-Max 8 geholfen, die Fehler zu vermeiden, welche 342 Menschen das Leben gekostet und zahlreiche Familien in tiefe Trauer versetzt haben. Darüber hinaus ist dieses Flugzeug ein gutes Beispiel für ein zentrales Problem der Wachstumsideologie: Die Produkte werden angeblich effizienter, aber danach muss immer mehr davon produziert und konsumiert werden, um die Konkurrenz abzuhängen.

Das zweite Ereignis ist Teil einer Serie von Extremwettereignissen, die das südliche Afrika in den letzten Jahren erschüttert haben, wobei Idai von der Wucht und den Konsequenzen her mit Abstand als die schlimmste Naturkatastrophe der Region zu betrachten ist. Mit 1300 Toten und mehr als drei Millionen Menschen, die ihre Lebensgrundlagen verloren haben, ist Idai eine Katastrophe extremen Ausmaßes. So ohnmächtig die Menschen dieser Region der Wucht der Natur auch ausgesetzt wurden, die Ursachen sind anders zu bewerten: Es ist unumstritten, dass Wirtschaftswachstum mit einem zunehmendem Verbrauch an natürlichen Ressourcen einhergeht und einen Bedarf an Deponiekapazitäten (z.B. für CO2) verursacht. Weil die Menschheit mehr davon produziert, als Kapazitäten vorhanden sind, haben wir es mit steigenden Umweltbelastungen zu tun. Diese Belastungen haben in manchen Bereichen Dimensionen erreicht, die sowohl lokal als auch global den Wohlstand der heutigen wie zukünftiger Generationen einschränken oder bedrohen. Klimawandel und damit zusammenhängende Wetterereignisse führen diese Dimensionen vor Augen. Genau hier ist Idai zu verorten. Das Perverse an den jetzigen Kräfteverhältnissen ist, dass diejenigen, die unter Extremwetterereignissen wie Idai am meisten leiden, am wenigsten zu deren Ursachen beitragen. Durch ihre Art zu produzieren, zu konsumieren und zu leben haben sie einen sehr geringen ökologischen Fußabdruck. Hätte die gesamte Menschheit den ökologischen Fußabdruck der Menschen im Südwestbecken vom Indischen Ozean, wäre das Erdsystem noch im Gleichgewicht und die Katastrophenszenarien, die uns immer mehr begleiten, nur Gegenstand von fiktiven Abhandlungen von Hollywood. Aber sie sind real.

Gefährdung des „guten Lebens"
Angesichts der Überschreitung der planetarischen Grenzen in vielen Bereichen und der akuten Gefährdung für das Fortbestehen des Planeten ist ein „Weiter so" mit der Wachstumsideologie keine Lösung. Die Steigerung der Effizienz beim Ressourceneinsatz und die Verwendung nachwachsender Rohstoffe (Konsistenz), die immer wieder ins Spiel gebracht werden, um das „Weiter So" zu legitimieren, reichen nicht, denn trotz aller getroffenen Maßnahmen in diesen beiden Bereichen konnte der Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch bis heute nur relativ entkoppelt werden.

Ernst zu nehmende wissenschaftliche Forschung ist sich darüber einig, dass für einen Rückgang der schädlichen Umweltbelastungen eine absolute Entkopplung notwendig wäre. Deswegen haben sich Auseinandersetzungen darum, das vorherrschende, kapitalistisch geprägte und wachstumsfixierte Wirtschaftssystem zu überwinden, in den letzten Jahren intensiviert. Dazu beigetragen haben sicherlich die Auswirkungen der Überschreitung der planetarischen Grenzen, die in einigen Bereichen Dimensionen erreicht haben, dass jetzt schon die Voraussetzungen für ein gutes Leben in vielen Teilen der Welt gefährdet sind, wie am Beispiel von Idai bereits analysiert. Alles spricht dafür, dass sich dieses Gefährdungspotenzial noch intensiviert.

Ein anderer Faktor, der diese Auseinandersetzung belebt, ist die Existenz von Konzepten im globalen Süden, die für ein gutes Leben Perspektiven jenseits des Wachstumsfetischismus des kapitalistischen Wirtschaftssystems sehen. Konzepte, aber auch Praxen zumindest in dezentralen Mikroräumen des globalen Südens haben bereits die internationale Agenda für eine Nachhaltige Entwicklung erreicht. Nun ist diese Agenda dafür bekannt, widersprüchlich, unambitioniert und dem Willen der einzelnen Regierungen untergeordnet zu sein. Diese Agenda, bekannt als Nachhaltigkeitsziele der UN, hält am Wachstumsmodell fest und übersieht dadurch den Konflikt zwischen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit, der in der heutigen Welt fast immer zugunsten des Wirtschaftswachstums gelöst wird. Ein Beweis ist die den Nachhaltigkeitszielen selbst zugrunde liegende Überzeugung, Entwicklungsländer könnten erst dann alle anderen Ziele erreichen, wenn sie von 2015 bis 2030 mindestens sieben Prozent Wachstum erreichen.

Welches Wachstum für welche Entwicklung?
Laut dem Bundesamt für Statistik ist das „Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum. Es misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (Wertschöpfung), soweit diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden." Als preisbereinigtes Maß für Wirtschaftswachstum ist das BIP „die wichtigste Größe der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und gehört zu den Indikatoren des Verbreitungsstandards des Internationalen Währungsfonds (IWF)."

Was Statistiken nicht aufweisen, sind die Kosten von Wirtschaftswachstum. Darüber hinaus ist das wachstumsbasierte Modell dafür bekannt, die sozialen Ungleichheiten zu vertiefen. Dieser Trend ist, bis auf ein paar Ausnahmen, überall zu beobachten, wo dieses Modell umgesetzt wird, insbesondere in den sogenannten Entwicklungsländern.

Im Fall von Afrika zeigt eine Analyse der Phase des Wirtschaftsbooms mit hohem Wachstum in vielen Ländern, dass dieses Wirtschaftswachstum nicht zur strukturellen Transformation afrikanischer Volkswirtschaften beigetragen hat. Mehr noch: In den afrikanischen Ländern, die ihr hohes Wirtschaftswachstum in der Regel aus ihrem Rohstoffreichtum erzielt haben, ist der Preis dafür viel zu hoch gewesen. Die illegalen Kapitalabflüsse haben besorgniserregende Dimensionen erreicht, genauso wie die Ungleichheiten zwischen Arm und Reich. In den rohstoffreichen Ländern haben die am Rande der Minen und großen Plantagen lebenden Menschen oft die Erfahrung machen müssen, was es heißt, wenn der Reichtum weggeht, seine Schattenseiten in der Verseuchung der Böden und der Luft sowie in der Verschmutzung der Flüsse hinterlässt.

So gesehen war die Wachstumsphase, die das Narrativ des „Rising Africa" und „Afrika als Kontinent der Zukunft" erzählt hat, nichts anderes als ein Zugriff auf ein paar produktive Sektoren nationaler Ökonomien durch ausländische Unternehmen und deren inländische Partner mittels ausländischer Direktinvestitionen. Diese haben sich zu Instrumenten der Ausplünderung von Ressourcen des Kontinents gemacht, während das von ihnen erzeugte Wachstum kosmetisch zur Verbesserung makroökonomischer Daten nationaler Regierungen beitrug. In eine reale Verbesserung der Lebensbedingungen für die Mehrheit der Menschen hat sich dieses Wirtschaftswachstum nur unterproportional übersetzen lassen.

Ein anderes Wachstum ist möglich
Ausgehend von der letzten Erkenntnis gibt es ohne Frage Platz für eine andere Art von Wachstum. Felwine Sarr definiert als Imperativ für Afrika, „das richtige Wachstumsmodell und die richtige Art von Wachstum zu wählen". Bei ihm geht es darum, „Zweck, Struktur und Tempo des Wirtschaftswachstums zu ändern, und zwar durch die Anwendung von Modellen der Wachstumsproduktion und -Umverteilung, die auf den Bedürfnissen der Bevölkerung beruhen und nicht auf Zwängen des Marktes." Durch die Konzentration auf die Bedürfnisse der Bevölkerung und der Notwendigkeit, Antworten darauf zu formulieren, kann Wirtschaftswachstum erzeugt werden. Wirtschaftswachstum ist bei Felwine Sarr kein Ziel an sich, sondern eins, das nur angestrebt wird, wenn es ermöglicht, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung angemessen zu reagieren. Worum es ihm geht, ist die „qualitative Verbesserung des Gesellschaftskörpers".

Das westlich dominierte Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell hat sich vermeintlich als alternativlos etabliert. Selbst die aktuellen Krisen reichen nicht, um es grundlegend in Frage zu stellen, denn dann wird danach gefragt, was denn die Alternativen seien. Dass sich Alternativen aufgrund des imperialen und repressiven Charakters des herrschenden Systems nicht entwickeln konnten, wird dabei nicht gebührend berücksichtigt. Es wird nicht mehr berücksichtigt, dass die Dominanz bestimmter Stimmen, die den Anspruch erheben zu wissen, was für die gesamte Menschheit gut ist, andere Stimmen zum Schweigen gebracht hat. Diese Stimmen, die lange schweigen mussten, besitzen ein großes Potenzial, das es abzurufen gilt, um Auswege aus der Krise zu entwerfen. Dass sie schweigen mussten, bedeutet nicht, dass ihre moralischen, intellektuellen und spirituellen Ressourcen gänzlich verschwunden sind. Einige dieser Ressourcen haben überlebt und sie kommen in kleinen Räumen in Ansätzen zum Vorschein.

Erfindungsreichtum ist gefragt
Der französische Postwachstumsökonom Serge Latouche spricht davon, dass bei der Suche nach Alternativen die wichtigste Ressource der gesellschaftliche Erfindungsreichtum ist, „der sich von allein einstellen wird, sobald wir die Zwangsjacke unserer ökonomistischen Fixierung auf ‚Entwicklung' abgelegt haben." „Nach der Entwicklung", fährt er fort, „das ist zwangsläufig vielgestaltig und erzwingt, nach kollektiven Entfaltungsmöglichkeiten zu suchen, die andere Ziele begünstigen als den materiellen Wohlstand auf Kosten der Umwelt und der sozialen Beziehungen."

Der hier erwähnte Erfindungsgeist ist gefragt, um aus Lebensphilosophien aus dem globalen Süden wie Ubuntu und Buen Vivir die notwendigen Lektionen für die Menschheit heute zu ziehen. Beide Konzepte stellen die Solidarität und somit die Bedeutung der Gemeinschaft in den Vordergrund. Zu den Grundwerten von Buen Vivir gehören Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit. Das Streben nach sozialem Gleichgewicht wird hoch gehalten und zu dessen Erreichung ist eine Umverteilung notwendig, die jedem mit dem Notwendigen versorgt, um ein Leben in Würde führen zu können.

Die gleiche Idee befindet sich im Zentrum von Ubuntu, die sich als Ausdruck von Gemeinschaftsverantwortung, als Verantwortung für die Harmonie der Gemeinschaft versteht. Mit Buen Vivir zusammenhängend sind die Rechte der Natur, der Mutter Erde (Pachamama), ohne die ein Leben in Harmonie nicht möglich ist. Auch in der Ubuntu-Philosohie ist Leben in Harmonie nur möglich, wenn es nicht nur als gemeinschaftlich, sondern auch als kosmisch vermittelt verstanden wird.

Wie der kongolesische Theologe Matondo Tusisila schreibt, „besagt Lebensförderung die Steigerung der Lebenskraft, d.h. die Stärkung der Teilhabe an der Einheit der Wirklichkeit, welche nur in der ‚Verwiesenheit von allem auf alles' Bestand hat. Eine Steigerung der Lebenskraft, die nicht als Stärkung dieser streng gemeinschaftlich und kosmisch vermittelten Teilhabe intendiert wird, stellt extrem Bedrohliches für die Gesellschaft dar, weil sie nur unter gleichzeitiger Beeinträchtigung der Lebensfähigkeit anderer und auf Kosten des kosmischen Gleichgewichtes zu bewerkstelligen ist." Für Afrika soll es darum gehen, die Fehler der anderen zu vermeiden: „Es gilt, die Lektionen zu lernen, die uns das industrielle Abenteuer der vergangenen Jahrhunderte erteilt hat. Die Tatsache, dass Afrika der Kontinent ist, dessen Bewohner am wenigsten in das Ökosystem eingreifen, bietet die Chance, aus den Fehlern der anderen zu lernen und neue Entwicklungspfade einzuschlagen, denn diese existieren ja." (Afrotopia, 155).

Afrika hat Potenzial für alternative Gesellschaftsmodelle, die sich in einer Art Paradox gestalten müssen, wie Serge Latouche es formuliert: „Für die Ausgegrenzten und Gestrandeten der Entwicklung geht es nur um eine Art Synthese aus der verloren gegangenen Tradition und einer unerreichbaren Modernität." Aus dieser Synthese, wenn sie denn Einzug in die Gestaltung der Makro-Ebenen auf dem Kontinent findet, wird Afrika mit seinen intellektuellen, spirituellen und moralischen Ressourcen seinen Beitrag leisten können. Aber Afrika kann die Welt nicht allein retten. Dies bedeutet, dass die anderen, allen voran die größten CO2- und Umweltsünder der Welt, keine andere Wahl haben, als am Umbau der eigenen ökonomischen, politischen und sozio-kulturellen Strukturen im Sinn einer Postwachstumsgesellschaft zu arbeiten. Dies bedeutet, dass Wachstumseinbußen und Schrumpfungen dringend notwendig sind, will man in der Zukunft Mindestvoraussetzungen für Wohlstand für alle Menschen garantieren. Dass so ein Umbau von Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen mit einer kulturellen Revolution beginnen muss, versteht sich von allein. Dafür ist auch eine Pluralisierung der Welt-Sichten gefragt. Damit aber besonders der Globale Norden beginnt, von den für den Menschen befreienden Traditionen aus dem Globalen Süden zu lernen, ist eine Heilung der Selbst- und Fremdwahrnehmungen vorausgesetzt.

Boniface Mabanza Bambu

Der Autor ist für die Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA tätig.