Heft 6/2019, afrika süd-Dossier: Tradition im globalen Zeitalter

Mündliche Tradition und Schriften in Afrika

Ein wichtiges Vehikel der Informationsübermittlung in Afrika ist die mündliche Tradition. Um afrikanische Menschen und ihre Geschichte zu verstehen, ist der Beitrag der mündlichen Tradition unverzichtbar. Forscher der letzten Jahrhunderte, die wenig von der mündlichen Tradition gehalten haben, habe diese lange ignoriert. Die von der Unesco in Auftrag gegebene General History of Africa zeigt auf:

„Die mündliche Überlieferung, die sich nach langer Verachtung als ein unschätzbares Instrument zur Entdeckung der Geschichte Afrikas herausgebildet hat, ermöglicht es, die Bewegungen der verschiedenen Völker räumlich und zeitlich zu verfolgen und die afrikanische Vision der Welt von innen sowie die ursprünglichen Merkmale der Werte, auf denen die Kulturen und Institutionen des Kontinents basieren, zu erfassen." „In Gesellschaften, in denen alles vom übertragenen Wort abhängt, ist das Gedächtnis eine hochentwickelte Fähigkeit [...]."

Momentan werden in Afrika ca. 2.110 Sprachen gesprochen. Auf der Rangliste folgt Afrika also auf Asien, wo ca. 2.322 Sprachen gesprochen werden. In Europa sind lediglich 234 Sprachen in Gebrauch. Die Fülle an Sprachen in Afrika suggeriert, dass es als Pendant dazu auch viele Schriften gibt. In Verbindung mit Afrika wird allerdings immer noch überwiegend an mündliche Überlieferungen gedacht. Afrika hat aber sowohl eine reiche Tradition der mündlichen Überlieferung als auch der Verschriftlichung. Erst in den letzten Jahren wurde immer deutlicher, wie viele Schriftstücke in Afrika noch zu finden sind, von denen bisher kaum etwas bekannt ist. Cheikh Anta Diop führt hierzu das Beispiel des Songhaireichs im 15. – 16. Jahrhundert an. Damals wurden Vereinbarungen in Schriftform festgehalten. Das geschah sowohl im privaten Bereich als auch auf administrativer Ebene. Es wird geschätzt, dass allein in Äthiopien über 250.000 alte Manuskripte vorhanden sind. Eines der Manuskripte wurde sogar dem 6. Jh. zugeordnet. Älter als die Manuskripte aus Äthiopien sind jene aus dem Sudan.

Ägyptischen Schriften und die sumerischen Keilschriften um 3300 vor v. Chr. waren die ersten, die entwickelt wurden. Aus dem Ägyptischen wurden die meroitischen Schriften aus dem nubischen Reich von Napata (Meroe) um 300 v. Chr. entwickelt. Obwohl diese Schriften einen ägyptischen Ursprung haben, wurden sie zu eigenständigen Schriften entwickelt, die heute auch mithilfe der ägyptischen Schriften noch nicht entziffert werden können. Die meroitischen Schriften haben sogar die ägyptischen Texte überdauert, da diese bis 600 n. Chr. in Verwendung waren und die ägyptischen Texte lediglich bis 394 n. Chr. Die meroitischen Schriften können als Beispiel für die Entwicklung anderer afrikanischer Schriften dienen. Einige Schriften wurden von bereits vorhandenen Schriften abgeleitet, andere sind jedoch unabhängig von diesen entstanden oder weisen nur vereinzelt Ähnlichkeiten auf.

Ein Blick auf die einzelnen Schriften zeigt, dass sowohl Zeichen als auch Bilder bei der Entwicklung afrikanischer Schriften verwendet wurden. In dem Unesco-Bericht General History of Africa I – Methodology and African Prehistory wird von Gavazzi de Montecudolo berichtet, der schon im 17. Jh. darüber schrieb, dass die Menschen im Kongo und in Angola eine Schrift verwendeten, die Ähnlichkeiten mit den ägyptischen Hieroglyphen aufweist. Das gilt auch für viele andere Schriftarten in Afrika, die zwar hieroglyphisch sind, aber eigene Besonderheiten aufweisen. Durch die Analyse einiger afrikanischer Schriften wird deutlich, wie innovativ und originär die Schriften entwickelt wurden.

Nach einer Darstellung von scriptum.bplaced.net hat Afrika eine beträchtliche Anzahl von Schriften vorzuweisen. Danach hat der Kontinent mindestens 37 eigenständige Schriften hervorgebracht. Es gibt in allen Teilen Afrikas Beispiele von Schriften, die – einige erst in der Neuzeit – entwickelt worden sind, um die Sprachkulturen der jeweiligen Regionen und Volksgruppen mit Schrift zum Ausdruck zu bringen.

Aus: Hamaimbo, Keith. Errungenschaften Afrikas – die andere Seite einer Realität, Bielefeld 2019.