Heft 6/2019, afrika süd-Dossier: Tradition im globalen Zeitalter

Präkoloniale Kultur und Geschlechterverhältnisse in Simbabwe

WAS WIR FÜR HEUTIGE KÄMPFE LERNEN KÖNNEN. Die afrikanische Lebensweise wird allgemein gerne als von westlichen Lebensweisen unterschieden gesehen. Die „afrikanische Kultur" oder „Traditionen" werden häufig verwendet, um die untergeordnete Position von Frauen zu rechtfertigen. Wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter im Westen geht, wird unterstellt, die afrikanische Kultur gehe mit einer Ungleichstellung der Geschlechter einher. Die Realität ist komplexer.

Der Versuch, sich an vorkoloniale Kulturen zu erinnern, birgt die Gefahr, in Fallen der Erinnerung, der mündlichen Überlieferung, der Zuverlässigkeit der Quellen und wahrscheinlicher Spekulationsvorwürfe zu tappen.

Die präkolonialen Gesellschaften Simbabwes waren größtenteils schriftlos, daher blieben ihre Lebensweisen undokumentiert. Was über diese Gesellschaften bekannt ist, basiert auf mündlichen Überlieferungen, Aufzeichnungen persönlicher Erinnerungen sowie Analysen von Sozialhistorikern und Anthropologen, ebenso wie auf Archivalien über die Aktivitäten früher Missionare, Abenteurer und anderer, die diesen Gesellschaften begegnet sind. Darüber hinaus lassen sich einige Erkenntnisse aus Studien gewinnen, die den sozialen Wandel analysieren, der vor der Kolonisation stattfand. Die hierzu herangezogenen Studien zeigen, dass sich kulturelle Praktiken als Reaktion auf Veränderungen im wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Umfeld verändert haben.

Vielfalt simbabwischer Kulturen
Simbabwe hat mehrere Sprach- und Kulturgruppen, darunter u.a. Shona, Ndebele, Venda, Sotho, Tonga und Shangani (auch bekannt als Tsonga). Diese Gruppen finden sich auch in den Nachbarländern. Es gibt zahlreiche Debatten darüber, ob diese Gruppen diese Namen im präkolonialen Umfeld hatten oder nicht, angesichts der Tatsache, dass ethnische Unterschiede erst in der Kolonialzeit aufkamen. Innerhalb Simbabwes befinden sich diese sprachlich-kulturellen Gruppen in Regionen, die – vereinfachend als Matabeleland und Mashonaland bezeichnet – sich an plumpen kolonialen, ethnobasierten Kartenzeichnungen orientieren, um administrative Zuständigkeiten zuzuteilen. Das Vermächtnis der kolonialen Ethnokartographie, dessen Erbe in weiten Teilen Afrikas bis zum heutigen Tag fortlebt, führte dazu, falsche Kennzeichnungen und starre Unterscheidungen von Ethnizität zu erschaffen, während die Volkszugehörigkeit in Wirklichkeit aufgrund der Vermischung durch Migration, Heirat und Handel usw. höchst flexibel war. Durch die festen Grenzen bzw. Gebiete, die den Eindruck erwecken, der Aufenthalt in einer Region würde automatisch eine kulturelle Identität kennzeichnen, wird die Fluidität der Identität, die diese Prozesse aufweisen, verschleiert.

Innerhalb der breiten Sprachgruppen der Ndebele und Shona gibt es verschiedene Dialekte, Weltanschauungen und kulturelle Praktiken sowie Unterschiede in den wirtschaftlichen Aktivitäten, die mit den agro-ökologischen Potenzialen der Umwelt zusammenhängen.

Die meisten ethnischen Gruppen in Simbabwe sind patrilinear. Das heißt, die Gruppenzugehörigkeit und der Zugang zu Ressourcen wie Land, Arbeit oder Ersparnissen wurden durch die Mitgliedschaft in einer Gruppe mit einem gemeinsamen männlichen Vorfahren bestimmt. Die Ehe war geprägt durch den Austausch von damals wertvollen Gütern (Hacken, Perlen, Rinder und später industriell gefertigte Güter sowie Geld) gegen Frauen, die in die Familien ihrer Männer zogen. Dies strukturierte die Rolle und den Status der Frauen ebenso wie ihren Zugang zu Eigentum.

Diese Gesellschaften waren männlich dominiert (patriarchalisch). Heute sind die Rollen und der Status von Frauen in neo-patrilinearen Milieus immer noch in patrilinearen Praktiken verstrickt, die jedoch durch das Streben nach Geschlechtergerechtigkeit abnehmen. Die Tonga aus dem nördlichen Simbabwe bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Sie sind matrilinear, obwohl auch sie Ehen mit Brautgeld angenommen haben, bei denen der eheliche Wohnsitz durch den Bräutigam bestimmt wurde, der seinerseits bei seinen matrilinearen Verwandten wohnte.

Rollen und Status der Frauen
Aufgrund patriarchalischer Verhältnisse hatten Frauen den Männern gegenüber einen niedrigen Status. So wurden sie etwa als Tribute eingesetzt, um sich bei mächtigen Familien anzubiedern – durch arrangierte und teils erzwungene Ehen –, sie wurden „verpfändet" als Entschädigung für Morde, falls es keine anderen wertvollen Kompensationsgüter gab, oder als Ersatzfrauen nach dem Tod oder der „Arbeitsunfähigkeit" älterer weiblicher Verwandter. Von zurückgewiesenen Bewerbern wurden sie teils entführt und vergewaltigt, um eine Ehe zu erzwingen. Untersuchungen zeigen, dass erzwungene und arrangierte Ehen in der Vorkolonialzeit weit verbreitet waren. In bedeutendem Maße wurden Frauen zur Begleichung von Schulden einer Erblinie und zur Festigung der Klientel-Beziehungen zwischen Männern und ihrer Verwandtschaftslinien eingesetzt.

Allerdings hing der Status der Frauen auch von ihrem Familienstatus und ihrer Position ab, sodass Frauen, die in mächtigen Familien geboren wurden, vor diesen patriarchalischen Exzessen verschont blieben. Außerdem konnten manche Frauen, die zum Christentum konvertierten oder die das Glück hatten, durch den Schulbesuch in die Lohnarbeit einzusteigen, den schlimmsten Aspekten der Tradition entkommen. Im Allgemeinen verlangte die Christianisierung die Übernahme neuer Weiblichkeiten, die von Häuslichkeit geprägt sind.

Mit der Kolonisation wurden diese Bräuche erstmalig verboten, sodass Frauen und Mädchen vor durch Missbrauch geprägten Beziehungen sowie von arrangierten und erzwungenen Ehen davonlaufen konnten. Viele Frauen liefen zu Missionszentren, Städten und Bergbaugebieten, was zu erheblichen Unruhen in ländlichen Gebieten führte und sogar zu Prozessen vor traditionellen Gerichten. Spätere koloniale Verwalter räumten ein, dass es für die koloniale Unternehmung besser sei, Männern die Kontrolle über Frauen zu gewähren, und sei es nur, um die aufflammenden Unruhen durch das vorherrschende Patriarchat auszumerzen, das die Autoritätsstrukturen untergraben sah.

Infolgedessen leisteten die Turbulenzen in den sozialen Beziehungen der männlichen Dominanz Vorschub, die bis heute anhält. Die Kolonialverwalter entschieden sich, mit der Tradition zu koexistieren, wenn diese sie nicht in Frage stellte oder wenn sie ihren Interessen diente, was damals bedeutete, kräftige Männer zur Lohnarbeit zu bewegen mit der Gewissheit, dass ihre Frauen die patriarchalischen Interessen nicht untergraben würden. In populären Debatten zur Herausforderung des Kolonialismus wird dieser Aspekt der Geschlechterspannungen nicht herangezogen, um damit den Tenor der vorherrschenden patriarchalischen und misogynistischen kulturellen Praktiken zu kritisieren. Dieser blinde Fleck zeigt sich unter anderem darin, dass die Abschiebung von Frauen aus den Städten in der Zeit nach der Unabhängigkeit regelmäßig als Mittel zur Durchsetzung der „afrikanischen Kultur" genutzt wurde.

Christianisierung und Patriarchat
Mit der Christianisierung wurden Frauen zur Häuslichkeit erzogen, die aus afrikanischen Frauen „gute Ehefrauen und Mütter" machen sollte, die sexuell zurückhaltend, aber fleißig waren. Die Erziehung zur Häuslichkeit war geprägt durch den Unterricht in den Bereichen Hauswirtschaft, Stricken, Häkeln, Ernährung und Kochen, Hauswirtschaft und Kinderbetreuung, der über Radiosender, kirchliche und Nachbarschaftsgruppen angeboten wurde. Während harte Arbeit gefördert wurde, konnten Frauen auf dem Weg in die Zivilisation das Einkommen ihrer Männer nicht mehr durch das Brauen von Bier steigern, wie es in der frühen Kolonialzeit üblich war. Die Erziehung zur Häuslichkeit brachte neue Werte der Abhängigkeit von Männern in der Lohnarbeit, Unterwürfigkeit und sexuelle Zurückhaltung als neue Merkmale der Weiblichkeit mit sich, eröffnete den Frauen aber auch neue Möglichkeiten, durch Handwerk Geld zu verdienen.

In der landwirtschaftlich geprägten Wirtschaft drehten sich die Rollen der Frauen um Nahrungsmittelproduktion, Hausarbeit und Kinderbetreuung. Das Essen wurde hauptsächlich von den eigenen Kindern der Frauen und den entfernteren Verwandten in Abstammungslinie des Ehemannes eingenommen.

Als Ehefrauen erhielten Frauen Land, auf dem sie selbstständig Getreide produzieren konnten, um einerseits auf diese Weise ihre Kinder ernähren zu können, andererseits aufgrund von Vielehe. Die Frauen, die in der Lage waren, Überschüsse zu produzieren und einen Teil ihrer Produkte zu verkaufen, kontrollierten die Erträge aus diesen Verkäufen. In der Shona-Gesellschaft konnten die Frauen nach dem Tod selbst produzierten Besitz an ihre Töchter und Verwandten vererben.

Im heutigen Simbabwe bleibt der Zugang zu Land männlich geprägt, während der Einfluss der Frauen auf die Landwirtschaft und die ländliche Wirtschaft weiterhin besteht. Wenn es um Erbschaft geht, hat es viele Reformen gegeben. Doch die Verwirklichung gender-gerechter Maßnahmen hängt von Kenntnis und Zugang zu Gerichten oder von Institutionen wie den formellen Arbeitgebern ab, die Ländereien abwickeln. Obwohl Frauen in der Landwirtschaft und im informellen Sektor arbeiten, werden ihre Ersparnisse, gleich ob dürftig oder bedeutend, auf eine Weise verbraucht, die noch zu dokumentieren ist.

Frauen waren auch als Handwerkerinnen tätig, sie gingen der Goldwäsche im Fluss nach und stellten eine Reihe von Handwerksgütern her, die sie mit Europäern handelten. Darüber hinaus waren sie anerkannte Kräuterkundige und fungierten als spirituelle Medien und Wahrsagerinnen. Als Kräuterkundige und Hebammen genossen Frauen auch Autonomie, ausschließlich sie beschäftigten sich mit der reproduktiven Gesundheit von Frauen und den Gesundheitsproblemen von Kindern. Ferner gingen Frauen mit Männern zusammen zur Jagd. Missionare versuchten jedoch, den Heilpflanzenkenntnissen der Frauen entgegenzuwirken, die sie dem Aberglauben zurechneten und als dem Christentum und der Zivilisation widersprechend einordneten.

Heute dominieren Männer im Bereich Pflanzenheilkunde, einschließlich der Spezialisierung auf die Frauengesundheit. Kenntnisse im Gebrauch von Heilkräutern lassen Frauen als abergläubisch und subversiv erscheinen, insbesondere gegenüber männlicher Autorität. Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen auf Kräuter (Liebestränke) zurückgreifen, um untreue Ehemänner und Liebhaber zu kontrollieren. Schon damals wurde die Kompetenz der Frauen in der Pflanzenheilkunde marginalisiert und als subversiv angesehen. Während traditionelle Religionen die Führung durch Frauen erlaubten, haben Frauen in christlichen Kirchen keine leitende Funktion inne, außer als Ehefrauen von Kirchengründern oder Priestern. Vergleichsweise wenige Frauen haben eigene Kirchen gegründet.

Der Brautpreis und seine Verpflichtungen
Die Ehe war eine verwandtschaftlich motivierte und männliche dominierte soziale, wirtschaftliche und politische Allianz zwischen bzw. innerhalb von Verwandtschaftsgruppen in sowohl patrilinearen als auch matrilinearen Umfeldern. Das Alter war ebenfalls ein Faktor, da die Familien-Ältesten bei der Gründung und Auflösung der Ehe dominierten, indem sie den Vorsitz über Hochzeitsrituale führten. Sie kontrollierten und erhielten die ausgetauschten Waren und kontrollierten ebenso heiratsfähige Frauen.

Im vorkolonialen Rahmen wurde die Ehe durch die Notwendigkeit geprägt, die Verwandtschaftsgruppe zu erweitern und so das Überleben zu sichern, nicht nur durch die Erhöhung der Anzahl der Familienmitglieder in der Verwandtschaftslinie des Bräutigams, sondern auch durch die Sicherstellung einer kontinuierlichen Versorgung mit Werktätigen – mit Kindern und deren Müttern.

In Simbabwe wie auch in weiten Teilen des südlichen Afrika basierte die Ehe auf Brautpreis-Zahlungen (Wertgüter, die von der Familie des Bräutigams an die Brautfamilie gegeben wurden). In der Vorkolonialzeit wurden diese Zahlungen von einer Vielzahl von Verwandten geleistet, die die Braut zur Ehefrau der Abstammungslinie machten, in dem Sinne, dass sie der Familie ihres Mannes gegenüber Verantwortung bzw. Dienstpflichten, in Form von Hausarbeit und Kindergebären, hatte.

Im vorkolonialen Umfeld wurde der Brautpreis als „Transfer von Sicherheitspfand" beschrieben, was bedeutet, dass im Falle einer Ehescheidung, insbesondere während des gebärfähigen Alters der Frau, die Waren oder ein Teil davon rückerstattet wurden. Mit den Veränderungen in der Kolonialzeit waren die Gemeinschaften nicht in der Lage, das Konzept des Brautpreises als Pfandtransfer aufrechtzuerhalten, da Erstattungen immer seltener wurden. Die Gründe für die Nichtrückgabe des Brautpreises im Falle der Eheauflösung sind zum Teil darauf zurückzuführen, dass der Brautpreis monetarisiert wurde. Die Geldeinnahmen wurden für Steuern, den Erwerb industriell gefertigter Konsumgüter, für Dienstleistungen wie „Dipping" (das Eintauchen des Viehs in eine desinfizierende Flüssigkeit zur Behandlung von Parasiten; d. Red.), Schulgebühren und andere Dienstleistungen verwendet, die daher weniger geeignet sind, für zukünftige Erstattungsforderungen gespart zu werden. Die Nichtrückerstattung der Brautgabe führte zunächst zu vielen zwischenmenschlichen Konflikten in ländlichen Gebieten, die durch Rechtsstreitigkeiten vor traditionellen Gerichten gekennzeichnet waren.

Die Monetarisierung des Brautpreises
Der Brautpreis wurde durch die Entfremdung von Land und den Abbau von Viehbeständen monetarisiert, was den Austausch von Rindern gegen Brautreichtum weniger rentabel machte. Darüber hinaus zwang die Notwendigkeit, Steuern zu zahlen (für Hütten, Vieh und Viehzählung), arbeitsfähige Männer dazu, innerhalb der ersten vier Jahrzehnte der kolonialen Besetzung eine Lohnarbeit zu suchen. Da die Löhne in der Regel von Einzelpersonen und durch persönliche Anstrengungen verdient werden, sparten die Männer individuell für den Brautpreis an, der damit zu einem individuellen Unternehmen wurde und keine kollektive und verwandtschaftsbasierte Quelle von Ressourcen mehr war. Auch die Rolle der Verwandten in der Ehe nahm ab. Ebenso waren Bräute nicht mehr einem breiten Netzwerk von Verwandten ihrer Männer gegenüber verantwortlich. Dies führte auch zu einer Verringerung des Brautvermögens als Sicherheit bietender Transfer, da es schwierig wurde, Geld und Fabrikware zurückzuerstatten.

Die Monetarisierung der Wirtschaft führte zu einer Wertsteigerung des Brautpreises, da die Ältesten diesen nutzten, um neue Konsumgüter zu erwerben, die in der ländlichen Wirtschaft nicht verfügbar waren. Fabrikgefertigte Konsumgüter wie Lebensmittel, Kleidung und andere Neuheiten wurden (zusammen mit Rindern oder Bargeld anstelle von Rindern) in den Brautpreis einbezogen, was ihn bis heute flexibel macht. Einige Familien verlangen mittlerweile Mobiltelefone (einschließlich bestimmter Marken oder Geräte), neueste Fernseher und sogar Autos.

Die Zunahme des Brautpreises belastete junge Männer. Koloniale Verwalter und Missionare versuchten, dem Brauch eine Obergrenze zu setzen und ihn in einigen Fällen vergeblich zu verbieten. Vorschläge, dass Christen auf die Brautgabe ganz verzichten könnten, wurden diskutiert, aber die Praxis schien sich nicht durchzusetzen. Der Brautpreis blieb bestehen, weil es mit der ländlichen Wirtschaft verflochten war.

Die Entstehung von Gewohnheitsrechten
Theoretisch basieren Gewohnheitsrechte auf kulturellen Praktiken. Realistisch gesehen entstanden jedoch Gewohnheitsrechte als Reaktion auf Krisen in den sozialen Beziehungen aufgrund der Kolonialpolitik. Gerade das Hin und Her über die Emanzipation von Frauen und den Frauenstatus, Debatten über Brautpreis, Reaktionen auf die Auswirkungen der Landesentfremdung und die Auswirkungen der männlichen Arbeitsmigration auf Ehe, Geschlechterverhältnis und Sexualität sprechen für diese Krise. Gewohnheitsrecht ist eine rassistische, männlich voreingenommene und misogyne Version von Kultur und Traditionen, die darauf abzielt, Frauen unter der Kontrolle von Männern zu halten und sie insbesondere in Folge der frühen Kolonialzeit zu zügeln. Außerdem haben Gewohnheitsrechte einen umstrittenen Status, weil sie keine gelebten Bräuche und auch kein Bestandteil des Rechts im formalen Sinne sind. Dennoch existieren sie heute als eine Art Blaupause kultureller Praktiken, ein moralischer Kompass für Geschlechter- und Altersverhältnisse.

Darüber hinaus sind die kulturellen Praktiken der ethnischen Minderheiten nicht gut dokumentiert, sodass diese Minderheiten mit der Dominanz mächtiger ethnischer Gruppen zu kämpfen haben. So haben die Tonga beispielsweise mit der Dominanz der Ndebele und Shona sowie der anhaltenden Stereotypisierung der Tonga-Bräuche durch Fehlwahrnehmung und Fehleinschätzung zu kämpfen. Es gibt ein begrenztes Verständnis der matrilinearen Bräuche in der breiten Bevölkerung, was zur Auferlegung der Patrilinearität führt. Dies wird noch dadurch erschwert, dass der soziale Wandel im Allgemeinen dazu neigt, die Matrilinearität zugunsten der Patrilinearität zu untergraben und so Tonga und ähnliche Identitäten zu marginalisieren.

Wiederbelebung vorkolonialer Praktiken?
Die Frage, ob es aus der Vorkolonialzeit etwas gibt, das in Gender-Kampagnen wiederbelebt werden könnte, ist komplex. Sozioökonomische Spannungen im Frühstadium führen dazu, dass einzelne Frauen auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Das Vorstehende zeigt auch, dass kulturelle Praktiken dynamisch sind und sich aufgrund sich ändernder sozialer, wirtschaftlicher und politischer Kontexte verändern. Das ist sowohl gut als auch schlecht. Gut, weil es bedeutet, dass es Raum gibt, die vorherrschenden sozialen Praktiken in Frage zu stellen, schlecht, weil politische Interessen, d.h. die Interessen der Mächtigen, bestimmen können, wie dieser Wandel stattfindet. Letzteres bedeutet, dass die Schwachen schlauer sein müssen, um sich der Herrschaft zu widersetzen und sicherzustellen, dass ihre Interessen geschützt werden.

Der Brautpreis bleibt bestehen und nimmt durch die zahlreichen neuen Konsumgüter der globalen Verbraucherkultur zu. Debatten über die Begrenzung des Brautpreises wurden auch in der Zeit nach der Unabhängigkeit erfolglos geführt. Es gibt zahlreiche Debatten über die Objektivierung von Frauen, die durch die Kommerzialisierung des Brautpreises gekennzeichnet ist, der Brautpreis wird jedoch weiterhin als wesentliche Grundlage einer respektablen Ehe angesehen. Verbindungen, die ohne die Bezahlung des Brautpreises gegründet wurden, sind verpönt. Auch die Kirchen haben die Zahlung des Brautpreises angenommen, wenn auch nur als Teil des „Achtung" oder der Einhaltung der Gerontokratie. Sie behaupten daher, der Brautpreis sei mit der christlichen Lehre vereinbar.

Obwohl Frauen sich weiterhin individuell den patriarchalischen kulturellen Praktiken widersetzen und sie in Frage stellen, wird die völlige Rebellion gegen Patriarchat und Gerontokratie im heutigen Simbabwe von den formalen und informellen Frauenorganisationen missbilligt. Auch wenn feministischer Aktivismus und Lobbygruppen von Frauen Fairness und Gleichberechtigung in den Geschlechterverhältnissen fordern, werden diese Bemühungen als kulturfeindlich, unafrikanisch und damit subversiv abgetan. Wo Reformen stattfinden, geschieht das eher auf Druck von Geberländern als durch Verurteilung. Die Geschichte zeigt, dass Geschlechterreformen Rückforderungen unterliegen, wie Beispiele aus den 90er Jahren zeigen.

Noch 2007, als Simbabwe die Gesetze gegen häusliche Gewalt änderte, plädierten einige Abgeordnete dafür, die Erhaltung „unserer Kultur" vor dem Schutz der Rechte der Frau zu bewahren. Im heutigen Simbabwe vergessen die Menschen, dass Frauen im letzten Jahrhundert in der Lage waren, sich der Herrschaft zu widersetzen, sich auszudrücken und sich von unterdrückerischen Beziehungen abzuwenden. Heute haben Frauen Angst davor, ihre Stimme zu erheben, weil die Abhängigkeit von Männern zum Teil durch das Christentum sowie durch männliche Vorurteile in der Wirtschaft idealisiert ist.

Was diese kurze Diskussion zeigt, ist, dass die Sozialgeschichte nur Personen mit Hochschulabschluss vorbehalten ist, auch dann nur für einige wenige, deren Disziplinen sie umfassen. Tradition und Kulturen beschwören daher ein Bild von „Rückständigkeit" und Aberglauben, das viele gerne loswerden. Die Marginalisierung dieser Geschichte im öffentlichen Diskurs bedeutet auch, dass es keine Reflexion darüber gibt, wie das Patriarchat zu dem geworden ist, was es ist. Darüber hinaus sorgt das Christentum, insbesondere die Pfingstgemeinde, die argumentiert, dass Gott für die Betenden kämpft, dafür, dass Frauen zum Schweigen gebracht werden und daran gehindert werden, Maßnahmen zu ergreifen und sich auf das Gebet zu konzentrieren. Wenn die oben diskutierten Ideen vielleicht in Gender-Kampagnen verwendet werden könnten, könnten wir eher eine kritische Auseinandersetzung mit der Kultur sehen. Dies setzt jedoch voraus, dass sich Frauen für die Vergangenheit interessieren. Die Beziehung der Frauen zur „Vergangenheit" wird jedoch durch Religion, Bildung und den vorherrschenden Entwicklungsbegriff erschwert. Kurz gesagt, diese Sozialgeschichte ist interessant, aber nicht nutzbar.

Rekopantswe Mate

Die Autorin ist Sozialanthropologin und derzeit Dozentin an der Fakultät für Soziologie der Universität Simbabwe. 2014 promovierte sie am Internationalen Institut für Sozialstudien der Erasmus-Universität Rotterdam in Entwicklungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Jugendstudien.

Ihr englischer Originaltext ist samt Quellen und Literaturangaben im issa-Büro erhältlich.