Heft 6/2019, afrika süd-Dossier: Tradition im globalen Zeitalter

Verärgerte Geister und Götter?

NATURKATASTROPHEN, KRISEN, HEXEREI UND RELIGIÖSE ATTACKEN IN MOSAMBIK. Die fortschreitende Globalisierung führt weltweit zu Tendenzen der Entfremdung, auf die vielfach mit einem Rückgriff auf traditionelle Verhaltensmuster geantwortet wird. In manchen Regionen Mosambiks reagieren die Menschen zur Bewältigung der Krise mit gesellschaftlich-spirituellen Strategien von Verwünschungen und Verhexungen bis hin zu Lynchmorden. Wie Afrika sich aus abgedrängtem Wissen und Traditionen ein neues Selbstverständnis geben könnte, diskutieren Philosophen wie Sarr und Mbembe.

Mosambik ist ein seit vielen Jahren von multiplen Krisen betroffenes Land. Insbesondere wirtschaftliche Ausbeutung in Verbindung mit zunehmender Armut, Korruption, manipulierten Wahlen und Staatsverschuldung sowie elitäre Pakte und politische Unruhen, bewegen die kritischen gesellschaftlichen Diskurse. Sich vermehrende Naturkatastrophen, welche eine Folge des globalen Klimawandels darstellen, haben vor allem auf viele bereits vulnerable Menschen in Mosambik schreckliche, und im globalen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang gedacht, zutiefst ungerechte Auswirkungen. Auf der Suche nach Erklärungen in Bezug auf die nicht endenden Krisenszenarien – über die auch keine symbolische Friedenspolitik und weitere wirtschaftliche Liberalisierung des Landes hinwegtäuschen kann – erklären sich einige Menschen in Mosambik die aktuelle Situation mit übersinnlichen Kräften und dem Einwirken von Geistern oder der Verärgerung von Gott oder Allah. Die Menschen suchen nach Möglichkeiten, spirituelle Gegenmacht in Bezug auf die sich sozialpolitisch zuspitzende Situation zu erzeugen oder zumindest die Götter und Geister zu besänftigen.

Multiple Krisen und sozial-religiöse Herausforderungen in Mosambik
Die beispielhaften Krisen Mosambiks sind immer auch Symptom komplexer politökonomischer, globaler, nationaler und lokaler Zusammenhänge und lassen sich in ihren Auswirkungen nicht nur über einseitige Erklärungsversuche wie ungünstige Umweltbedingungen oder den Klimawandel erklären. So stellt sich uns die Frage, wie die Menschen in Mosambik mit immer wiederkehrenden Krisen umgehen können. Wer wird dafür verantwortlich gemacht und welche Überlebensstrategien gibt es?

Es ist allgemein bekannt, dass der postkoloniale Staat Mosambik es nicht schafft, der großen Mehrheit seiner Bürgerinnen und Bürger ausreichend soziale, wirtschaftliche und politische Sicherheit zu bieten. Es ist dem Staat nicht gelungen, seine natürlichen Ressourcen, sei es Wasser oder Anbauflächen, Gas oder Kohle, zur Verbesserung der Lebenslagen der Mehrheit der Bevölkerung zu nutzen. Das wirtschaftliche Wachstum des Landes hat die Ungleichheit zwischen Reichen und Armen, urbanen und ländlichen Gebieten sowie dem Süden und Norden des Landes vergrößert. Mosambik zählt zu den ungleichsten Ländern in Subsahara-Afrika. Es fehlt an Bewusstsein und politischem Willen, den vorhandenen Reichtum gerechter zu teilen. Es werden auch keine Bildungsprogramme angeboten, die den Mangel an Sicherheit und die fortwährende absolute Armut im Kontext einer wachsenden kleinen, sehr reichen transnationalistisch organisierten kapitalistischen Klasse, erklären könnten. Diese Elite trägt „ihren" Reichtum zur Schau und betont somit die immense soziale Ungleichheit im Lande nicht nur, sondern sie zeigt sie ungehemmt öffentlich vor. In den sozialen Medien kursieren täglich Bilder und Nachrichten von überdimensionalen Häusern, leistungsstarken Autos und Luxusreisen politisch-wirtschaftlicher Profiteure und deren Familienangehörigen.

Die Mehrheit der Bevölkerung beobachtet diese Situation sprachlos, wütend oder frustriert. Nebenbei werden Erwartungen an ein besseres Leben geschürt. Viele junge Menschen wünschen sich eine verbesserte Lebensperspektive, ohne begründete Hoffnung zu haben, dass sich diese jemals einstellen wird. Die Dauerkrisen des Landes sowie die zum wiederholten Male festgestellten Unregelmäßigkeiten in der Wählerregistrierung sowie die ungleichen Wettbewerbsbedingungen zwischen der Frelimo und den Oppositionsparteien während der diesjährigen Wahlen lassen keinerlei Hoffnung zu. Die daraus resultierende Zukunftsangst im Kontext extremer sozialer Ungleichheit wird nicht selten von den betroffenen Menschen mit der Wirkung übersinnlicher Kräfte und der Einflussnahme von spirituellen Geistern erklärt. Diese Geister sind allerdings nicht immer harmlos, sie können zu Verwünschungen, Verhexungen bis zu Lynchmorden führen. Ein Beispiel dafür wäre die zunehmende spirituelle Gewalt im Distrikt Inhassunge (Zambeziá Provinz). Dort wird die Wut der Bevölkerung über die zunehmende Armut bei gleichzeitiger Ausbeutung natürlicher Ressourcen auf verschiedene Zielgruppen konzentriert. Einerseits werden vor allem ältere, für den lokalen Kontext als wohlhabend angesehene ältere Frauen als Hexen angeklagt, schwer verletzt und teils ermordet, andererseits wurden zum Beispiel 2016 chinesische Investoren mit Flüchen übersät; es kam in diesem Zusammengang zu mindestens einem ungeklärten Mord (Kleibl 2018). Zusätzlich kam es in Zusammenhang mit den für die Lokalbevölkerung lebensbedrohlichen Investitionen des indischen Unternehmens Jindal in der Tete-Provinz zu mehreren, auch über spirituelle Dynamiken begründeten, Aufständen (Kleibl 2016).

Diese Entwicklungen stehen im Zusammenhang mit menschlichen Wünschen und Zielen, sich von bösen Geistern und deren Einflüssen wieder befreien zu können. Es handelt sich möglicherweise um einen durchaus nachvollziehbaren Überlebensmechanismus, der an die unerfüllten Wünsche der Menschen geknüpft scheint. Davon abgesehen gibt es viele Formen der Naturheilkunde in Mosambik, die wiederum mit Geisterglauben und Heilung in Verbindung stehen; dazu zählen Methoden zur Heilung von Bluthochdruck, Infektionen oder Diabetes. Es ist wichtig, zwischen Methoden und Geisterglauben zur Heilung von Krankheiten einerseits und Verwünschung, ritueller Kriminalität und Verhexung andererseits, zu unterscheiden. Beide Phänomene gibt es in ähnlicher Form auf der ganzen Welt.

In Mosambik nimmt in der öffentlichen Wahrnehmung das Ausmaß von spirituell begründeter Gewalt sowie religiös motivierter Revolten und Attacken sowohl gegen den mosambikanischen Staat als auch gegen wirtschaftliche Großinvestoren, in den letzten Jahren zu. Relevante Statistiken oder verlässliche Fallzahlen sind allerdings kaum bekannt (vgl. Kleibl 2017). In einem Mosambik-Rundbrief (2018) wurde zu dieser Situation kurz Stellung bezogen. Weimer (2018) nutzt eine historische Perspektive, um die zunehmende rituelle Gewalt gegen Repräsentanten des mosambikanischen Staates zu erklären. Über empirische Fallstudien aus drei Provinzen Mosambiks (Cabo Delgado, Zambézia und Niassa) in Verbindung mit historisch-anthropologischen sowie politökonomischen Literaturanalysen zeigt er mögliche Zusammenhänge historischer und aktueller, religiös und spirituell gefärbter Attacken auf. Er bezieht sich insbesondere auf drei zusammenhängende Aspekte:

  1. Die historisch verankerte politökonomische Situation Mosambiks wird von der Partei Frelimo dominiert, diese antwortet auf Unzufriedenheit und Dissens autoritär und oftmals mit Gewalt.
  2. Der limitierte Zugang zur politischen Macht produziert soziale und wirtschaftliche Exklusion lokaler sozialer, wirtschaftlicher und politischer Vertreter sowie deren Interessen. Diese Exklusion ist am stärksten zu beobachten, wenn es um den Zugang zu seltenen Rohstoffen geht.
  3. Die demographische Mehrheit junger Menschen in Mosambik befindet sich in einer „Warteschlange". Sie will eine sofortige neue Lebensperspektive und befindet sich in Distanz zu ihren Ursprungsgemeinden und dortigen kulturellen Einflüssen. Gleichzeitig werden diese jungen Menschen weder von der Gesellschaft noch der Wirtschaft absorbiert.

Die oben geschilderten verwobenen Aspekte einer seit vielen Jahren andauernden Krise führen zu einer besonderen Vulnerabilität und Erschöpfung vor allem männlicher Jugendlicher und junger Erwachsener. Diese sind laut Weimer (2018) besonders anfällig für globale Einflüsse, Jugendgangs und radikal religiöse Netzwerke. Diese Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen von Interviewanalysen, welche in den Jahren 2014 und 2015 im Rahmen eines qualitativen Forschungsprojektes in der Provinz Zambézia, Inhassunge-Distrikt, erstellt wurden (Kleibl 2018). Religiöse Netzwerke waren dort ebenfalls, neben den staatlichen, die einzigen Strukturen, welche Selbstorganisation und Austausch im Kontext zunehmender sozialer Ungleichheit und politischer Konflikte ermöglichten. Im Rahmen dieser religiösen Netzwerke wurde ebenfalls Widerstand gegen die sehr problematischen Entwicklungen des Distrikts organisiert. Befragte ältere traditionelle Führer führten diese Gruppendynamik auf Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Armut und soziale sowie politische Exklusion zurück. Die jungen Männer litten unter extremer Perspektivlosigkeit und konnten deshalb auch keine formellen Beziehungen mit Frauen eingehen. Die Bezahlung eines noch so geringen „Lobolo" (traditioneller Brautpreis) wäre unmöglich gewesen.

Lokale Unvereinbarkeiten der Entfremdungen
Die Situation in Mosambik kann allerdings nicht isoliert betrachtet werden, sie muss in einen größeren Diskurs eingebunden werden, in dem sich inzwischen viele Autorinnen und Autoren mit der Situation von Menschen im Globalen Süden beschäftigen. Arbeitslosigkeit, erlebte wirtschaftliche Armut, soziale Ausgrenzung sowie Folgen des Klimawandels sind für viele Menschen des Globalen Südens alltäglich. Zugleich befinden sie sich in Lebensverhältnissen, die keinerlei Perspektiven bieten, sie gehen auf die Suche nach einem besseren Leben. Das kann von Migration bis hin zu Hexerei und vielfältigen religiösen Praktiken reichen, es ist immer eine Suche nach Wegen aus einer Situation, die ihnen Chancen nimmt.

Im Spannungsfeld von Kolonialisierung, Dekolonisierung, westlicher Modernisierung, Urbanisierung, einer radikalen Veränderung ländlicher Räume, auch durch Land Grabbing verursacht, sowie den Folgen des Klimawandels (Dürren, Überschwemmungen) bahnen sich im Globalen Süden Entwicklungen an, die zu einer radikalen Form der Segregation in Städten sowie damit verbundenen sozialen Problemen führen (Davis 2011). In den wachsenden Elendsquartieren Maputos verdichten sich die Konflikte; Land Grabbing verursacht über ganz Mosambik verteilt eine Vielzahl lokaler Konflikte zwischen Investoren und ländlichen Gemeinden (Faleg 2019). Auch wenn es in Mosambik ein großes Problem von Altersarmut gibt, wurde (und wird) Armut überwiegend zu einem Problem Jugendlicher, die keine Arbeit und somit auch keine Chance erleben, jemals ein nach ihren Vorstellungen gutes und würdiges Leben zu führen. Aus der Migrationsforschung ist hinlänglich bekannt, dass dies oft Anlass für eine gefährliche „Flucht" vom Land in die Stadt oder in das benachbarte wirtschaftlich besser gestellte Südafrika ist. Die wenigsten Mosambikaner wagen eine Flucht nach Europa.

Die Auseinandersetzungen mit diesen ökonomischen, sozialen und kulturellen Problemen, die sich in erlebter Perspektivlosigkeit verdichten, zeigen immer wieder, wie essenziell ein kritischer Blick auf die Ursachen ist. Hintergründe dieser Entfremdungen müssen schlicht in dem gesehen werden, was Osterhammel „die koloniale Verwandlung der Welt" nannte (Osterhammel 2009), die sich bis heute im Globalen Süden in einer neoliberalen und vom Globalen Norden geprägten ökonomischen Globalisierung fortsetzt und eine bisher nicht bekannte globale Ungleichheit produziert.

In den Köpfen vieler, von der Entwicklung ausgegrenzter Menschen in Mosambik, verschärfen sich Gefühle von Ausbeutung und Entfremdung, so dass z.B. im Zentrum von Mosambik ironischerweise geradewegs positiv über die Kolonialzeit im Vergleich zur heutigen Situation gesprochen wird (Kleibl 2018). Die Ungleichheit in Mosambik wird heute von einer beschleunigten Vernetzung der Warenströme durch multinationale Konzerne, politisch-autoritäre Ausbeutungsstrukturen, dem Export eines neoliberalen Entwicklungsmodells, der Extraktion von natürlichen Ressourcen und einem sich ausbreitenden Konsumismus geprägt. Gerade der Letztere erfasst die Eliten und Mittelschichten wie zu Beginn dieses Artikels erläutert.

Der globale Blick: Imperialer Lebensweise und Externalisierung von Risiko
Konzepte der „Weltrisikogesellschaft" (vgl. Beck 1986) diskutieren die Abhängigkeitsbeziehung zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden als nicht nur ökonomische und politische Machtbeziehungen, sondern als eine Machtbeziehung, die dem Süden eine „Rolle" und eine „Position" zuweist, welche in letzter Instanz ausschließlich dem Lebensstil im Globalen Norden förderlich ist. Die Aporien der „Weltrisikogesellschaft" werden verständlicher, wenn sie um die Thesen der „Externalisierung" und der „imperialen Lebensweise" ergänzt werden, diese eröffnen ein tieferes Verständnis dieser Interdependenzen und verschaffen Einblicke warum und wieso es eine Rückkehr zu (neuen) alten Traditionen gibt.

Lessenich bezeichnet die reichen, früh industrialisierten Länder als „Externalisierungsgesellschaften", deren Macht noch immer darin liege, Ressourcen in Ländern des Südens (der Peripherie) auszubeuten und zugleich die Kosten der eigenen Lebensführung auf diese Weltregionen abzuwälzen (Lessenich 2016). Der Wohlstand des Nordens entsteht wesentlich durch die Auslagerung der Kosten und Lasten des technologischen Fortschritts zu Lasten des Südens. Diese andere Seite der nördlichen Moderne, ihr „dunkles Gesicht", ergibt sich aus ihrer Verankerung in den Strukturen und Mechanismen kolonialer Herrschaft und deren Fortsetzung in der Globalisierung. Mit seiner Analyse demaskiert Lessenich den Mythos, alle könnten von der globalisierten Weltwirtschaft profitieren. Stattdessen entwickelt er eine Doppelgeschichte: Wenn einer gewinnt, verlieren andere.

Brand und Wissen (2017) haben diese Überlegungen im Begriff der „imperialen Lebensweise" erweitert und noch einmal verdichtet. Der Globale Norden bereichert sich vor allem zur Absicherung eines breiten Wohlstandes an den ökologischen und sozialen Ressourcen des Globalen Südens. In den verfestigten Abhängigkeiten wird der globale Kapitalismus nicht nur als Fortsetzung kolonialer Muster, sondern als eine neue Form des „ökonomischen Imperialismus" erkennbar, der auch von Eliten des Südens adaptiert wird. Überbordende Produktion und ein sich stetig ausweitender Konsum erfordern einen überproportionalen Zugriff auf Ressourcen, Arbeitskräfte und biologische Senken der restlichen (südlichen) Welt. Als Ergebnis ökonomisch-rationaler Handlungen kapitalistischer Abhängigkeitsverhältnisse führt diese „imperiale Lebensweise" im Globalen Süden, und nicht nur dort, zu mitunter sehr irrationalen Gegenbewegungen, die zudem eng mit den Erfahrungen des Klimawandels verbunden sind.

Mit seinem letzten Buch „Die Metamorphose der Welt" diskutiert Beck (2016), dass sich die globale Moderne in ihrer Komplexität in einer grundlegenden Verwandlung befinde, deren Ende völlig offen sei. Konflikte wie Ungleichheit, Klimawandel, neue Kriege, Flucht, erzwungene Migration, neuer Nationalismus und Populismus sieht er als ein „Vorspiel" zu etwas völlig Anderem, dessen Reichweite nur erahnt werden kann. Das zeige sich vor allem am Klimawandel, der die Fülle von wiederkehrenden kapitalistischen Krisen verstärke. Diese Situation führe auch zu Fremdenfeindlichkeit, zur Wiederbelebung von abgedrängten Traditionen und zu einer „Zuflucht" zu religiösen Praktiken unterschiedlicher Art, vom wachsenden Fundamentalismus bis hin zur „Wiederentdeckung" von „Zauberei" und ähnlichem. Gerade religiöse Führer intensivieren, da in Religionen Hoffnung und Heil liegen (Lutz 2015), die üblichen Versprechen; transportiert werden darin aber auch neue Beschäftigungen mit dem Jenseitigen, mit Geisterseher*innen, mit Hexen und Hexern, mit Wunderheiler*innen. Vielfach wird Menschen Raum gegeben, die sich damit hervortun, das Heil zu bringen, die Zukunft zu kennen, Ratschläge für ein besseres Leben zu offerieren sowie einfach nur „klar" zu machen, dass die Gestaltung des Lebens ausschließlich in Gottes oder Allahs Hand läge.

Afrikanische Perspektiven: Ausgänge aus der Krisenzeit
Diese Überlegungen lassen sich mit den philosophischen Thesen von Sarr und Mbembe, die für Afrika ein „Afrotopia" oder einen „Ausgang aus der langen Nacht" suchen, noch einmal verdichten; sie schärfen den Blick auf das aktuelle Geschehen und skizzieren „Auswege" (Mbembe 2016; Sarr 2019). Beide kritisieren, dass westlich hegemoniales Wissen als „allgemeines Wissen" durchgesetzt wurde und afrikanische Traditionen und Wissen verdrängte bzw. diese durch Theorien von Rasse und Ethnie abwerteten. Sie betreiben darüber hinaus Suchbewegungen, wie Afrika aus abgedrängten Wissen und Traditionen sich ein neues Selbstverständnis geben könnte; und darin zugleich der Welt etwas zeigt, was diese mit der Durchsetzung einer rein instrumentellen Vernunft verloren hat. Laut Mamdani (1996) kann diese Veränderung nur auf der Basis einer Machtreform, welche die postkolonialen institutionell bedingten Spannungen von Stadt und Land und zwischen Ethnien durchbricht, stattfinden.

Mbembe geht in seinen Überlegungen weit über Afrika hinaus, er fordert nicht nur, dass sich dieser Kontinent seiner Fremdbestimmung bewusst wird, ganz im Sinne von Fanon (1981), er fordert, den Unterdrücker in sich selbst zu entlarven, um diesen zu überwinden. Er ist auf der Suche nach einer neuen Form von Demokratie. Diese solle nicht mehr nur anthropozentrisch sein, sondern den ganzen Planeten einbeziehen, die Menschen, alle Geschöpfe, die Pflanzen, die Flüsse, die Luft und alles, was das Leben auf unserer Welt trage. Sarr wiederum versucht aus der Wiederentdeckung des kulturellen Reichtums und der Vielfalt eines an Gemeinschaft orientierten Denkens in afrikanischen Kulturen, die es trotz der Verheerungen des Kolonialismus weiterhin gibt, Gegengewichte zur kolonialen und hegemonialen Entfremdung zu finden. Beiden ist eine ähnliche Analyse eigen, dass die Menschen, insbesondere in Afrika, sich gegenwärtig in einer ungeheuerlichen Situation der „Zerrissenheit" befinden.

Als Folge dieser „Zerrissenheit" und Suchbewegungen lassen sich zwar auch Gewalt, die „Zuflucht" zu religiösem Wissen, zu Hexerei, zu Heiler*innen und Geisterbeschwörer*innen und anderen Praktiken erkennen. Doch diese müssen als Versuche verstanden werden, der erlebten Zerrissenheit aktiv zu begegnen. Sarr weist die „Menschen des Nordens" darauf hin, dass genau diese Traditionen in Afrika noch sehr lebendig sind, obwohl wir im Norden alles „taten", sie zu beenden.

Der zu Beginn dieses Artikels beschriebene Kontext von Mosambik weist auf ein doppeltes und darin postkoloniales hierarchisches Gesellschaftsverhältnis in vielen afrikanischen Ländern hin (vgl. Ekeh 1975):

Die vom Westen „assimilierten" Eliten und heutigen „Entwicklungsgewinner" einer kleinen afrikanischen Mittelschicht werden von einem aus dem Kolonialismus entstandenen modernen formalen Rechtssystem geschützt. Sie genießen zivile, wirtschaftliche und politische Freiheiten und können sich frei bewegen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt allerdings weiterhin in einem von sog. traditionellen Gewohnheiten abgeleiteten Rechtsverständnis, in Mosambik wird dieses „direito consuetudinário" genannt. Auch wenn formell alle Menschen Zugang zu verfassungsrechtlich zugesagten Grundrechten haben, wird durch die Präsenz des „direito consuetudinário" die postkoloniale Weiterführung einer Politik der Differenz und instrumentellen Ausbeutung erleichtert. Bezeichnet wird das System allerdings als moderner afrikanischen Rechtspluralismus.

Somit ist es nicht verwunderlich, dass auf die der afrikanischen Tradition zugeschriebene Hexerei und die spirituelle Gewalt oftmals mit der Durchsetzung von „direito consuetudinário" reagiert wird. Im Falle von religiös motivierter Gewalt gegen den Staat oder mächtige Großinvestoren in der Provinz Cabo Delgado werden bewaffnete Schutzpolizei, Militär und Geheimpolizei im Namen des Anti-Terror-Kampfes eingesetzt. Beide Reaktionen weisen auf eine Missachtung der postkolonialen Machtverhältnisse sowie die Ungleichbehandlung und Instrumentalisierung von vermeintlich ethnisch-religiös homogen definierten Gruppen hin. Menschenrechtsverletzungen werden nicht systematisch im Rahmen eines für alle geltenden Rechtssystems geahndet. Es verbleiben vielmehr multiple hierarchisch geordnete Welten, die zwar miteinander verwoben sind, allerdings im postkolonialen System instrumentalisiert und weiterhin in der Gesamtheit durch die imperiale Lebensweise und Konsequenzen der Externalisierung ausgebeutet werden.

Zukunftsvisionen
Insbesondere Sarr denkt darüber nach, wie in einer afrikanischen Moderne, Traditionen und lokales (indigenes) Wissen eine bedeutsamere Rolle spielen können. Dabei ist immer zu fragen, ob Menschen eingeschränkt werden bzw. in neue Abhängigkeiten geraten. Die Phänomene der Hexerei scheinen da weniger geeignet, da sie eher in neue und totalitäre Muster führen, die keine Autonomie versprechen, sondern eher auf Entfremdung und neue Abhängigkeiten zielen. In Ländern wie Mosambik sollte vermehrt auf die kollektiven und historisch gewachsenen eigenen sozialen Strukturen und neu entstandenen sozialen Bewegungen (u.a. Landrechtsbewegung, Frauenbewegung), welche sich oftmals außerhalb der korrupten staatlichen Strukturen und westlichen zivilgesellschaftlichen Institutionen bewegen, gehört werden. Dort können sich Menschen neu orientieren.

Sarr kann sich deshalb eine afrikanische Moderne nur als Verknüpfung von Aspekten und Wissen der europäischen Moderne zusammen mit afrikanischen Traditionen vorstellen; er entfaltet somit beides auf einem anderen Niveau. Die afrikanische Moderne, und damit ein Ausgang aus der langen Nacht (Mbembe), die auch Hexen und Geistern in ihre Grenzen verweist, muss grundsätzlich eine Loslösung vom hegemonialen Wissen und tribal-ethnisch-religiös differenzierten Handeln umfassen, es ist zudem immer eine Kritik am globalen Projekt des neoliberalen Kapitalismus. Hierbei kann es aber zu einer Adaption des Besten aus dem Norden mit dem Besten des Südens kommen. Ziel ist dann eine transkulturelle „Re-Artikulation" afrikanischen Wissens, mit den darin eingewobenen Kulturen, den spezifischen Werten und einer daran orientierten Praxis. Damit befindet sich Sarr auch in der Tradition von „Ubuntu", das sich gerade im südlichen Afrika seit Jahren als alternativer Entwicklungsbegriff für ein aus Traditionen neu zu konzipierendes Verständnis von Gemeinschaft entfaltet und die Diskurse bestimmt (Mathews 2018).

Im mosambikanischen Kontext könnte das die Anerkennung traditioneller Heilverfahren und Konfliktlösungsmethoden bei gleichzeitiger klarer Zurückweisung von menschenfeindlicher spiritueller oder religiöser Gewalt bedeuten. Hierfür bedarf es allerdings einen für alle Bürgerinnen und Bürger funktionierenden starken Rechtsstaat, der traditionelle und moderne Elemente integriert und nicht fragmentiert und hierarchisiert. Das Land müsste wieder nach afrikanischer Tradition dem Nutzen der eigenen Bürger überlassen werden (Nyerere 1967), anstatt ausbeuterisches Land Grabbing, welches vielerorts Naturkatastrophen mitverursacht, noch zu fördern. Das gilt aber generell: Lokales Wissen kann und muss in allen Regionen der Welt re-artikuliert werden, um die postkoloniale Macht zu brechen.

Tanja Kleibl und Ronald Lutz

Bibliographie
Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main

Beck, Ulrich (2016): Die Metamorphose der Welt, Frankfurt

Beck, Ulrich & Poferl, Anette (Hrsg.) (2010): Große Armut, großer Reichtum, Frankfurt am Main

Bertelsen, Bjørn Enge (2016): Violent Becomings: State Formation, Sociality, and Power in Mozambique. New York, Berghahn Books.

Brand, Ulrich & Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise, München: Oekom Verlag

Ekeh, Peter (1976): Colonialism and the Two Publics in Africa: A Theoretical Statement. Comparative Studies in Society and History, 17, S. 91-112.

Faleg, Giovanni (2019): Conflict Prevention in Mozambique: Can there be peace after the storm? European Union Institute for Security Studies (ISS), Conflict Series Prevention. Brief Nr. 5, April 2019

Fanon, Frantz (1981): Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main

Kleibl, Tanja (2016): Menschenrechtsverletzungen durch das indische Unternehmen Jindal: Leid und Widerstand. In: Mosambik Rundbrief 92

Kleibl, Tanja (2018): Hexenverfolgung und Rituelle Kriminalität in Mosambik – woher kommt das? Kommentar im Mosambik Rundbrief 96, S. 35 2018

Kleibl, Tanja (2019): „Sociedade civil? Somos todos nos!" Civil Society, Development and Social Transformation in Mozambique. PhD Dissertation, Dublin City University. Zugang: http://doras.dcu.ie/21810/ (15.06.2019)

Kleibl, Tanja & Munck, Ronaldo (2017): Civil society in Mozambique: NGOs, religion, politics and witchcraft, Third World Quarterly, 38:1, S. 203-218

Lessenich, Stephan (2016): Neben uns die Sintflut, Hanser: Berlin 2016

Lutz, Ronald (2015): Religion als Hoffnung, in: Kiesel, Doron § und /Lutz, Ronald (Hrsg.): Religion und Politik, Frankfurt am Main, S. 71-99

Mamdani, Mahmood (1996): Citizen and Subject: Contemporary Africa and the Legacy of late Colonialism, Princeton University Press

Mathews, Sally (2018): Afrikanische Entwicklungsalternativen, in: peripherie, 150/151;

Mbembe, Achille (2016): Ausgang aus der langen Nacht: Versuch über ein entkolonisiertes Afrika, Frankfurt am Main

Nyerere, Julius P. (1967): Freedom and Unity. A selection of Writtings and Speeches. 1952 – 1965.

Osterhammel, Jürgen (2009): Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München

Sarr, Felwine (2019): Afrotopia. Berlin

Weimer, Bernhard (2018): Vampires, Jihadists and Structural Violence in Mozambique. Reflections on Violent Manifestations of Local Discontent and their Implications for Peacebuilding. Discussion Paper 2018.