Heft 6/2021, Lesotho: Bildung

Das Umweltbewusstsein schärfen

UMWELTBILDUNG UND DEREN HERAUSFORDERUNGEN AN SEKUNDARSCHULEN IN MASERU, LESOTHO. Im Rahmen eines Pilotprojektes wurden 200 Schülerinnen und Schüler am Beispiel von Plastikmüll über ihr Verständnis zur Umweltproblematik befragt.

Ein globaler Anstoß für eine breitere öffentliche Diskussionen über Umweltzerstörung und ökologischen Krisen wurde durch die Veröffentlichung des 1972 erschienenen Buches „Grenzen des Wachstums" des sogenannten Club of Rome initiiert. Erstmals gab es einen umfangreichen gesellschaftlichen Diskurs über die Grenzen natürlicher Ressourcen und die Notwendigkeit nachhaltiger Produktion, Distribution, Konsumtion und Entsorgung von Waren. In diesem Zusammenhang entwickelten sich allmählich Konzepte für eine Umweltbildung, der sogenannten Environmental Education. Dieser inzwischen etablierten Umweltbildung wird unter anderem von Cornelia Gräsel vorgeworfen, eine Art „Katastrophenpädagogik" zu sein, indem meist nur einzelne akute Umweltprobleme Gegenstand des Unterrichts wurden. Demgegenüber etablierte sich zunehmend der Begriff „Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BNE) mit dem Leitbild einer prospektiven Perspektive, in welcher Zukunftsszenarien Gegenstand des Unterrichts werden. Vertreter:innen der BNE denken systemisch und global, d. h. Aktivitäten im globalen Norden beeinflussen Länder und Gesellschaften im globalen Süden und umgekehrt. Ebenso stehen Ökologie, Ökonomie und soziale Aspekte in einem wechselseitig sich beeinflussenden Beziehungsgefüge und werden nicht isoliert betrachtet.

Im englischen Sprachraum entwickelte sich eine schillernde Begriffsvielfalt, z. B. Environmental Literacy, Ecological Literacy und Ecoliteracy, um nur die drei wesentlichen aufzuführen. Der Begriff Environmental Literacy entstand noch vor der Veröffentlichung von „Grenzen des Wachstums". Bereits 1968 verwendete Charles E. Roth diesen in einer Publikation, indem er die bis heute relevante Frage aufwarf: „How shall we know the environmentally literate citizen?"

Eine weitgehend akzeptierte Definition dieses Begriffs, welcher auch Einzug in zahlreiche Curricula fand, stammt von der „North American Association for Environmental Education" (NAAEE). Environmental Literacy beinhaltet ein Bewusstsein von Umwelt mit den dazugehörigen Gefahren und Risiken sowie ein Bestreben, diese zu minimieren bzw. das Auftreten neuartiger Umweltprobleme zu vermeiden.

Umweltgesetzgebung in Lesotho
Zunehmende Dürren und eine verstärkte Bodendegradation gelten seit den 1980er-Jahren, neben den gesundheitlichen, ästhetischen und ökologischen Folgen einer steigenden Vermüllung der Landschaft, als die wesentlichen ökologischen Herausforderungen für Lesotho. In Lesotho bildet unter anderem der Environment Act aus 2008 den rechtlichen Rahmen für die staatliche Umweltpolitik und -bildung. Dieser widmet sich unter der Überschrift „Information, Education and Public Awareness" unterschiedlichen Aspekten der Umweltbildung. Der Begriff Environmental Education wird insgesamt zehn Mal verwendet und umfasst formelle und informelle Bildungsformen, genauso wie er in allen Ebenen der Bildung in Lesotho zum Einsatz kommen soll.

Insgesamt hat die Umweltbildung des Environment Act das Ziel, die „Environmental Awareness and Information" zu verbessern. Genauso formuliert dieses Gesetz u. a. unter Punkt 4 „Right to a clean and a healthy Environment" das Leben in einer sauberen und gesunden Umgebung als ein grundlegendes Recht. Dabei werden Aspekte zur Bewahrung von Ökosystemen, genauso wie die inter- und intragenerationelle Verantwortung hervorgehoben.

Umweltbildung soll innerhalb des Bildungssystems holistisch umgesetzt werden und sich nicht auf bestimmte Schulstufen oder -fächer beschränken, sondern vielmehr auf allen Ebenen des Bildungssystems Berücksichtigung finden. Daneben befassen sich eine Vielzahl weiterer rechtlicher Dokumente, wie u. a. Gesetze und Verordnungen, mit Aspekten von Umwelt und Klima, so beispielsweise bereits 1998 die „National Environmental Policy" oder auch der „Hazardous and Non-Hazardous Waste Management Act" aus 2008.

Vor diesem Hintergrund führten in Lesotho insbesondere viele Geographie-Lehrende zahlreiche Exkursionen durch, um die anthropogen verursachten Folgen für Schüler:innen erfahrbar werden zu lassen. Einige Wissenschaftler:innen, wie beispielsweise Tšepo Mokuku, sahen bereits 1967 den Beginn von Initiativen verschiedener Sozialkunde-Lehrer:innen, Themen der Umweltbildung mit in den Schulunterricht zu integrieren. Viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, blieben derartige Ansätze, wie weltweit an Schulen, ungehört. Erst durch unterschiedliche internationale Entwicklungen, wie unter anderem die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 oder der United Nations World Summit on Sustainable Development (WSSD) aus dem Jahr 2002 in Johannesburg, und durch Sektion 36 der Verfassung von 1993 bekamen Aspekte der Umweltbildung in Lesotho mehr Bedeutung.

Im Rahmen des Schulunterrichts ist vor allem der Lehrplan des 8. Schuljahres des Schulfaches „Social Sciences" aus dem Jahr 2019 hervorzuheben. Dieses Fach ist dem deutschen Schulfach Sozialkunde oder Gesellschaftslehre ähnlich und nennt als eines der wesentlichen Ziele „Environmental concerns". Das Fach soll gezielt dazu beitragen, das Umweltbewusstsein der Schülerinnen und Schüler zu stärken. Es besteht aus vier Themen, wobei sich das zweite Thema „The Economic World and Sustainable Development" anhand heterogener Probleme den Aspekten der Umweltbildung und Nachhaltigkeit intensiver widmet.

Interessanterweise fokussiert sich dieses Dokument auch auf Environmental Justice, indem es beispielsweise unter Punkt 20 ausführt, die vorhandenen Ressourcen in einer nachhaltigen Art und Weise einzusetzen. Auch im Rahmen des Themas Tourismus spielen dessen Auswirkungen in direkter Form ebenso eine hervorgehobene Rolle wie auch die Fragen von Reisen beziehungsweise Transport und deren meist schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt.

Befragung in Schulen
Im Rahmen einer Forschungsreise im südlichen Afrika besuchte Michael M. Kretzer im November 2019 öffentliche Sekundarschulen in der Hauptstadt Maseru. Mithilfe einer quantitativen, aus 18 Fragen bestehenden Befragung von über 200 Schüler:innen, versuchten die Autor:innen, einen Einblick in die Vorstellungen von Schüler:innen hinsichtlich einer ausgewählten Umweltproblematik zu erlangen.

Dies erfolgte auch und gerade vor dem zuvor erwähnten legislativen Rahmen, den der Environment Act bildet, genauso wie den spezifischen curricularen Vorgaben für die 8. Klassenstufe im Schulfach „Social Science" unter „Ecological sustainability". Hierbei wählten die Autor:innen als Untersuchungsgegenstand Kunststoffe aus, welche in den letzten Jahren – ob als nützliches Material oder als Umweltverschmutzung – weltweit omnipräsent geworden sind. Die Befragung erfolgte im Kontext der BMBF-Förderlinie Plastik in der Umwelt und wurde an zwei Schulen in der Hauptstadt Maseru durchgeführt, welche sich circa zwei Kilometer voneinander entfernt befanden. Trotz der geographischen Nähe offenbarten sich signifikante Unterschiede zwischen beiden Schulen.

Exemplarisch mag an dieser Stelle beispielsweise die Zustimmung hinsichtlich folgender Aussage gesehen werden: „Plastic waste does not belong in nature." Die Zustimmungsraten hinsichtlich dieser Frage befanden sich bei einer Schule bei über 40 Prozent vollumfänglicher Zustimmung und weiteren annähernd 20 Prozent Zustimmung. Demgegenüber waren diese Werte mit etwa 30 Prozent und knapp 25 Prozent bei der anderen Schule erkennbar niedriger.

Überraschend war zudem die Vielzahl an reflektierenden Kommentaren, die eine sehr große Anzahl an Schüler:innen abgaben. Diese reichten von 64 Prozent bis 74 Prozent der Schüler:innen, was für eine Befragung hohe Werte darstellt. Viele der Befragten bezogen sich in ihren Kommentaren auf Aspekte des Recycling und der Vermüllung, so sahen einige sogar die Option, Recyclingmaßnahmen mit der Schaffung von Arbeitsplätzen zu verbinden, indem sie anführten: „How will recycling help people? And I Think [sic] it will reduce unemployment to Basotho."

Andere sahen auch die globale Relevanz der Thematik: „I think all people worldwide should reduce, re-use and recycle plastics for a better usage, and they should stop littering because it's very sad." Die Ambivalenz und Problematik des Plastikproblems wird sehr deutlich, wenn 100 bzw. 99 Prozent der befragten Schüler:innen die Frage mit „Ja" beantworten, schon einmal jemanden beim Verbrennen von Plastik beobachtet zu haben. Dies veranschaulicht die Herausforderungen der dysfunktionalen Müllentsorgung in Maseru, was auch Kommentare über verschiedene Mülldeponien und deren potenzielle Gesundheitsrisiken anmerkten. Dennoch erwähnten 25 bzw. gar 55 Prozent der Befragten, schon einmal eine Mülldeponie aufgesucht zu haben. Derartig hohe Werte waren durchaus erstaunlich und veranschaulichen die Omnipräsenz von Plastik, deren Problematik der Entsorgung im Kontext von Maseru und die damit in Verbindung stehenden Müllproblematiken.

Diese Pilotstudie verschafft uns einen Einblick in die Vorstellungen der Schüler:innen und verdeutlicht die großen Unterschiede und Ambivalenzen zwischen den beiden untersuchten Schulen. Auf Grund dessen sollen daran anschließende Folgestudien an mehreren Schulen in Maseru stattfinden, um einen besseren Einblick in die Problematik für Maseru zu bekommen, die dann über die gegenwärtige stichprobenartige Datenlage hinausgeht. Derartige Studien zur Umweltwahrnehmung der Plastikproblematik bei Schüler:innen sind für das südliche Afrika und insbesondere für Lesotho nach wie vor eher selten.

Dr. Michael M. Kretzer, Abeer Abdulnabi Ali, Dr. Stefan Schweiger

AG Gesellschaft und Nachhaltigkeit im Wandel
Geographisches Institut
Ruhr-Universität Bochum (RUB)

Dieser Aufsatz entstand aus dem Projekt „Plastikbudget – Entwicklung von Budgetansatz und LCA-Wirkungsabschätzungsmethodik für die Governance von Plastik in der Umwelt", das im Förderschwerpunkt „Plastik in der Umwelt – Quellen • Senken • Lösungsansätze" durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert worden ist.