Heft 6/2021, Südliches Afrika: Literatur

Heißer afrikanischer Preis-Herbst

DER NOBELPREIS FÜR LITERATUR 2021 GING AN ABDELRAZAK GURNAH. Die Auszeichnung des aus Sansibar stammenden Autors durch die Schwedische Akademie kam überraschend. In vielen internationalen Medien-Reaktionen wurde die Entscheidung zwar vorwiegend positiv gewürdigt, aber sehr oft tauchte dabei der Begriff „unbekannt" auf, mitunter in der Paraphrase „noch zu entdecken" oder „eine politische Entscheidung" (Süddeutsche Zeitung). Peter Ripken, der Gurnah schon 1998 in Frankfurt am Main bei einer Lesung präsentierte, blickt auf afrikanische Autorinnen und Autoren mit einer wahren Flut von Literaturpreisen in diesem Herbst.

Der Nobelpreis für Gurnah war in der Tat eine Überraschung, weil u. a. zwei afrikanische Autor:innen, beide in den USA lebend, als Kandidaten gehandelt worden waren: Ngugi wa Thi'ongo und Chimamanda Ngozi Adichie, derweil Gurnah auf keiner Kandidatenliste gestanden hatte. Der Autor, der bereits wiederholt z. B. beim britischen Booker-Preis nominiert war, erklärte u. a., die Auszeichnung gelte im Grund der gesamten afrikanischen Literatur.

Ähnlich äußerte sich der südafrikanische Autor Damon Galgut, als er für seinen Roman „The Promise" (Umuzi/ Penguin Random House, Johannesburg 2021; dt. „Das Versprechen". Ü: Thomas Mohr, Luchterhand, Dezember 2021) Anfang November den renommierten britischen Booker Prize erhielt; dieser Roman, eine Familiengeschichte, ist ein starker unzweideutiger Kommentar zur Geschichte Südafrikas und zur Menschheit überhaupt, wie die Jury erklärte. Galgut, von dem es bereits mehrere Übersetzungen ins Deutsche gibt, verwies auf die afrikanischen Leserinnen und Leser und die afrikanischen Autoren und Autorinnen, die mit dieser Auszeichnung gewürdigt würden. Bereits zuvor hatte der senegalesische Autor David Diop den International Booker Prize für den bereits 2018 in Paris erschienenen Roman über afrikanische Soldaten im Ersten Weltkrieg „Frère d'âme" (dt. „Nachts ist unser Blut schwarz". Ü: Andreas Jandl. Aufbau Verlag, Berlin 2019) erhalten.

Der afrikanische Preis-Herbst ging weiter. Im Oktober erhielt Tsitsi Dangarembga (Simbabwe) den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche, wo die Autorin, Filmemacherin und Frauenrechtsaktivistin in ihrer Dankesrede eine neue Aufklärung nicht nur für Afrika forderte. Kurz darauf erhielt der senegalesische Autor Boubacar Boris Diop für sein Gesamtwerk (das er seit langem in seiner Muttersprache Wolof verfasst) den renommierten Neustadt International Prize for Literature 2022 der US-amerikanischen Universität Oklahoma (bzw. der Zeitschrift World Literature Today). Der mit 50.000 US-Dollar dotierte Preis gilt weithin als „Durchlauferhitzer" für den Literaturnobelpreis.

Den vorerst letzten Höhepunkt des afrikanischen Literaturpreis-Herbstes bildete Anfang November der bedeutende französische Prix Goncourt (undotiert) für den senegalesischen Autor Mohamed Mbougar Sarr für seinen Roman „La plus secrète mémoire des hommes" (Philippe Rey, Paris 2021. „Die geheimnisvolle Erinnerung der Menschen").

Mit anderen Worten: An Anerkennung fehlt es afrikanischer Literatur weltweit nicht. Doch mit den vielen Leserinnen und Lesern (auch hierzulande) sieht es schon ein wenig begrenzter aus. Preise werden sicher zu höheren Auflagen führen, das stimmt optimistisch.

Gurnahs Werk: Migration – Erinnerung und Spurensuche
Sansibar, die legendäre Gewürzinsel vor der Küste Ostafrikas, die er als 20-Jähriger verließ, atmet Geschichten. Abdulrazak Gurnah (geboren 1948) lebt seither in Großbritannien, lehrt an der Universität Kent und ist einer der besten Kenner der „post-kolonialen" Literatur nicht nur Afrikas. Schon in der Heimat wollte der Heranwachsende Geschichten schreiben, zuerst in der ostafrikanischen Sprache Kisuaheli. Auch in der Fremde lässt ihn die Insel und ihre Geschichten nicht los. Mittlerweile hat er zehn in viele Sprachen übersetzte und von der Kritik weltweit positiv gewürdigte Romane in englischer Sprache veröffentlicht, Geschichten über das Fremde und das Ankommen – und auch das Nichtankommen. Schauplatz seiner außerordentlich empfindsam gestalteten Geschichten ist die heimatliche Insel, aber auch England, in das die eine oder andere seiner Figuren auswandert oder verschlagen wird.

Sein Roman „Die Abtrünnigen" (Berlin Verlag, 2006, Übersetzung Stefanie Schaffer-de Vries) greift das Thema des Exils auf, das schon in „Donnernde Stille" („Admiring Silence" 1996; dt. Edition Kappa, München 2001) oder „Ferne Gestade" („By the Sea" 2001; Edition Kappa, München 2002) wichtig war, geht aber weit darüber hinaus. Die Abtrünnigen sind zuerst einmal Menschen, die ihre Kultur und Heimat verlassen haben. Zwei Liebespaare verschiedener ethnischer Herkunft, der englische Wissenschaftler Pearce und die indischstämmige Afrikanerin Rehana, der junge Schüler Amin und die etwas ältere, geschiedene Jamila, verstoßen gegen gesellschaftliche Konventionen, leben zu verschiedenen Zeiten an der brisanten Bruchlinie zwischen in Ostafrika ansässig gewordenen Indern, Afrikanern und Europäern. Rashid, der wie Gurnah nach England ging, erzählt in einem großen Spannungsbogen bis in die Kolonialzeit zurück von seiner Spurensuche nach seinem älteren Bruder Amin. Schon der Auftakt des Romans lässt Gurnahs literarische Vorgehensweise erkennen: „Es gab eine Geschichte darüber, wie er zum ersten Mal gesehen wurde. Tatsächlich gab es mehr als eine, aber mit der Zeit und durch das viele Weitererzählen vermischten sich Elemente der verschiedenen Geschichten zu einer." Erst gegen Ende des Romans erfahren wir, warum Rashid seine Geschichte so und nicht anders erzählt – und was er über die Vergangenheit erfahren hat.

Gurnah interessiert sich vornehmlich für die Beziehung zwischen kolonialer Vergangenheit seiner ostafrikanischen Heimat und der Erfahrung der Migration im heutigen England: „Geschichte ist sehr wichtig, denn wir verstehen nichts, wenn wir nicht die Dummheiten kennen, die sich vor unserer Zeit ereigneten. Sehr häufig wiederholt sich Geschichte ganz exakt deshalb, weil wir dem keine Beachtung schenkten, was sich vor uns ereignete."

Auch in dem Roman „Ferne Gestade", für dessen französische Übersetzung er 2007 den wichtigen Preis „Zeugen der Welt" des Rundfunksenders RFI erhielt, sind die Geschichten eines Menschen wesentlich für die Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden. Ein älterer Afrikaner kommt am Londoner Flughafen an und tut so, als ob er nur das eine englische Wort könne: „Asyl". Mit britischer Resolutheit kümmert man sich um ihn. Nach und nach tauchen all die Geschichten auf, warum der alte Mann, der in England in einem kleinen Ort am Meer untergebracht wird, seine Heimat am warmen Ozean verließ. Es geht um wahrlich verwickelte Beziehungen; der Flüchtling und ein Landsmann, der eigentlich nur für ihn dolmetschen soll, legen ein komplexes Erinnerungsbild frei. Der Dolmetscher und der alte Mann sind durch eine Vielzahl von Geschichten der Vergangenheit Tansanias miteinander verbunden. Denn natürlich trägt man seine Vergangenheit mit sich herum, so betont Gurnah immer wieder, endet sie nicht an einem neuen Lebensort. Derlei Geschichten von Aufstieg und Fall von Familien, Neid und Habgier, Betrug und falschen Freundschaften, politischen Wirrungen und Willkür knüpft Gurnah zu einem Panorama seiner Heimat, die so kaum einer kennen kann.

Unterwegs sein ist ein wesentliches Element des Werks Abdulrazak Gurnahs, wie schon der Titel seines ersten (noch unübersetzten) Romans „Memory of Departure" (1987; „Erinnerung an eine Abreise") verdeutlicht. In „Das verlorene Paradies" (Paradise 1994; dt. Krüger, Frankfurt 1996), der für den Booker-Preis nominiert war, ist es das Bild der Karawane. Doch unterwegs geht es nicht nur um erfreuliche Begegnungen. Der junge Yusuf ist allerlei – auch rassistischen – Anfechtungen ausgesetzt, wird dadurch allmählich erwachsen. Paradiese, so die Botschaft Gurnahs, gibt es nicht einmal in der Erinnerung; doch nur das Erinnern und das Nachdenken über Herkunft und Angekommensein macht den Menschen aus.

Fünf seiner zehn Romane sind bisher ins Deutsche übersetzt. Selbst in den Übersetzungen ist die besondere Sprache Gurnahs, die seine Figuren individuell lebendig werden lässt und uns zugleich Zugang zu ihrer Innenwelt und der „Welt der Dinge" verschafft, immer präsent. Der Autor, der dem Fremden einen so beredten Ausdruck verleiht, ist freilich in Deutschland immer wieder aufs Neue zu entdecken. Denn zum Zeitpunkt des Nobelpreises war kein einziges Buch Gurnahs lieferbar. Immerhin hat sich der Verlag Penguin mittlerweile entschlossen, eine ganze Reihe seiner Romane (z. T. neu) herauszubringen.

Peter Ripken

Ins Deutsche übersetzte Werke von Abdulrazak Gurnah
Das verlorene Paradies (Paradise, 1994. Roman, übersetzt von Inge Leipold), Frankfurt am Main, Krüger, 1996/ Fischer TB 1998/ neu bei Penguin im Dezember 2021.

Donnernde Stille (Admiring Silence, 1996. Roman, übersetzt von Helmuth A. Niederle) München, Kappa 2000.

Ferne Gestade (By the Sea, 2001. Roman, übersetzt von Thomas Brückner) München, Kappa 2001.

Schwarz auf Weiss (Pilgrims Way, 1988. Roman, übersetzt von Thomas Brückner) München, A-1-Verlag, 2004.

Die Abtrünnigen (Desertion, 2005. Roman, übersetzt von Stefanie Schaffer-de Vries) Berlin, Berlin-Verlag, 2006.