Heft 6/2023, Gastkommentar

Anmerkungen zur Debatte um den Film „Deutsche Schuld – Namibia und der Völkermord“

Von Bernd Heyl

Am 25. September 2023 erfolgte die Erstausstrahlung des NDR-Filmes „Deutsche Schuld – Namibia und der Völkermord". Bereits am Tag der Erstsendung kritisierte Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung die Oberflächlichkeit des Filmes: „Der Genozid an den Nama und Herero ist eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Kurz runterfliegen, ein wenig Eindrücke sammeln, mit ein paar Leuten reden ..., das reicht bei diesem Thema einfach nicht." Dabei ist der Anspruch des Filmes offensichtlich: Einem jüngeren Publikum soll ein schwieriges historisches Thema näher gebracht werden. Flotte Sprüche, hippes Auftreten, aggressive Befragungstechniken – alles nichts Seltenes im gegenwärtigen Journalismus. Und natürlich „woke". Eine schwarze Reporterin befragt schwarze Menschen, da stimmt die Perspektive. Und alles versucht dem bundesrepublikanischen antirassistischen Diskurs gerecht zu werden.

Irritierend ist die Art der Interviewführung, wie die Moderatorin den Interviewten ihre Sichtweise der Dinge in den Mund legt und wie wenig sachliche Expertise ihren Fragen zugrunde liegt. Sachlicher Fehler reiht sich an sachlichen Fehler. Die historische Distanz, immerhin reden wir über Ereignisse von vor 120 Jahren, geht völlig verloren.

Am 20. Oktober meldeten sich dann „deutschsprachige Namibier" mit einem offenen Brief an den Intendanten des Norddeutschen Rundfunks zu Wort. Sie fordern „die damaligen Ereignisse und die weitere Entwicklung des heutigen Namibia auf der Basis von Fakten und ohne ideologische Scheuklappen" zu betrachten. Offensichtlich ermunterte sie der Film, dessen Unzulänglichkeiten zu nutzen, die in der Bundesrepublik mittlerweile allgemein anerkannte Kritik am deutschen Kolonialismus noch einmal abzuwehren. Am 11. November 2023 griff dann die Bild-Zeitung den offenen Brief auf und schlachtete ihn weidlich aus. Grund genug, den „Offenen Brief" zu hinterfragen.

Kolonialismus bedeutet Raub von Land

In der Gedenk- und Erinnerungsarbeit kommt es darauf an, wie Charlotte Wiedemann es formuliert, „den Schmerz der Anderen (zu) begreifen." Der deutsche Kolonialismus in Namibia ist nicht vergleichbar mit Deutsch-Ostafrika, Togo oder Kamerun. Namibia sollte Siedlungskolonie werden. Landraub war von Anfang an das Ziel der deutschen Kolonisatoren. Die schwarze Bevölkerung sollte weichen, um Platz zu schaffen für die Ansiedlung von 100.000 Deutschen – so der Plan.1 Offen waren zunächst die Methoden des Landraubes. Sollte es ein langsamer Prozess sein, wie Theodor Leutwein es andachte, oder alles auf einen Schlag gehen, wie es dann ja auch geschah? Die deutsche Landnahme unter Leutwein verdeutlichte den OvaHerero, die Deutschen sind gekommen, um ihnen ihr Land zu nehmen. Dagegen führten sie 1904 einen (berechtigten!) Verteidigungskrieg, den aber die Deutschen durch ihre militärische Übermacht gewannen und der im Völkermord an den OvaHerero und später den Nama endete. Im Ergebnis annektierte das Deutsche Reich das Land der Nama und OvaHerero, erklärte es zu Kronland und verkaufte es an deutsche Siedler. (Nach dem I. Weltkrieg waren es dann meist burische Siedler, an die die bereits vermessenen Farmen verkauft wurden.) Es handelte sich um das halbwegs landwirtschaftlich (für Viehwirtschaft) nutzbare Farmgelände südlich des Etosha-Nationalparks, das sich noch heute überwiegend in den Händen weißer Farmer befindet. An diesem Faktum ändert sich nichts, auch wenn die Reporterin Aminata Belli falsche Zahlen nennt. Die heutige Besitzverteilung ist Folge von kolonialem Unrecht. Wer den „Schmerz der andren", in diesem Falle der OvaHerero und Nama, begreifen will, müsste das erst einmal als Faktum anerkennen. Auf dieser Basis kann dann darüber nachgedacht werden, wie heute damit umzugehen ist.

Auch die namibische Debatte zum sogenannten „Versöhnungsabkommen" ist nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Es ist eben nicht – wie der „Offene Brief" behauptet – die namibische Regierung, die das Abkommen ablehnt, sondern es sind Teile der namibischen Zivilgesellschaft, vor allem OvaHerero und Nama, die protestieren. Sie sehen sich – zu Recht – nicht genügend beteiligt und fordern einen Neustart der Verhandlungen. Ob die namibische Regierung dies gegenüber Deutschland durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.

Großen Wert legen die Verfasser:innen des offenen Briefes, deutschsprechende Namibier:innen, darauf, dass sie auch Namibier- und Afrikaner:innen sind, und machen sich den Slogan „One nation, one country", der in vielen multiethnischen Ländern Verwendung findet, zu Eigen. Natürlich sind Doppel- und Mehrstaatlichkeit und ein entsprechendes Selbstverständnis zu begrüßen. Hier geht es aber vor allem um Privilegien. Wer „nur" einen namibischen Pass hat, kann zum Beispiel nicht frei reisen. Namibier:innen ohne deutschen Pass müssen sich bis zur Erteilung eines Visums einer peinlichen Antragsprozedur bei der deutschen Botschaft unterziehen. Afrikaner- oder Namibier:innen sollten sich nur die nennen, die ihren deutschen Pass und damit einen Teil ihrer weißen Privilegien aufgegeben haben.

Auch wenn es mittlerweile mehrere Denkmäler gibt, die an die Opfer von OvaHerero, Nama und Owambo erinnern (Windhoek: alte Feste, Swakopmund: Friedhof, Lüderitz: Haifischinsel, Etosha-Park: Namutoni, ...), so ist die namibische Erinnerungslandschaft doch immer noch von Kolonialismus und Apartheid geprägt. Das deutsche Erbe ist sehr präsent und erzählt eben nicht die Geschichte von Leid, Unterdrückung und Völkermord. Es gibt immer noch viele Straßennamen, die an Kolonialisten und Antidemokraten wie Bismarck (Swakopmund), Hintrager (Windhoek), Hindenburg (Otjiwarongo) u. a. erinnern. Diese erinnerungspolitische Schieflage ist ein Fakt, und sie kann durch die sachlichen Fehler des Filmes nicht weggeräumt werden.

Kolonialismus bedeutet Raub von Bodenschätzen

Sicher suchten die Deutschen 1884 in Afrika kein Uran. Aber kaum war Namibia deutsche Kolonie, wurde es in Konzessionsgebiete aufgeteilt. Nach Rohstoffen suchten: South West Africa Company, Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika, Otavi-Gesellschaft und andere. Sie alle schickten Prospektoren ins Land. Der Kolonialismus betreibt nicht nur Raub fremden Landes, er raubt auch fremde Bodenschätze. Am Ende der deutschen Kolonialzeit in Namibia waren das immerhin Kupfer in erheblichem Ausmaß (zum Abtransport wurde sogar eine Bahnlinie gebaut), Diamanten und Marmor. Auf diesen Fakt macht Aminata Belli – leider mit dem falschen Beispiel Uran – aufmerksam. Er ist durch ihren Fehler nicht vom Tisch.

Was hat Südafrikas Apartheid mit dem deutschen Kolonialismus zu tun? Viel! Die Institutionalisierte Apartheid wird in der Regel auf das Jahr 1948 und die Regierungsübernahme durch die von der deutschen Minderheit in Namibia stark unterstützte „Nationale Partei" in Südafrika datiert. Da bekam das Kind seinen Namen. Es war aber eigentlich schon sehr alt. Denn die Rassentrennung hat die Deutsche Kolonialverwaltung in Deutsch-Südwestafrika eingeführt. Seit September 1905 galt ein Mischeheverbot (und Ausschluss von deren Kindern aus weißen Schulen). Selbstverständlich waren die städtischen Wohngebiete der Schwarzen strikt von den Weißen getrennt, wurden Reservate nach „Stammeszugehörigkeit" zugewiesen und die Bewegungsfreiheit wurde durch „Passgesetze" drastisch eingeschränkt. Zur „Ordnung" gehörte eine rassistisch diskriminierende Gesetzgebung. Auch hier weist Aminata Belli auf Realitäten hin, die durch ihre wenig sachkompetente Darstellung nicht aus der Welt sind.

Und jetzt auch noch Bild

Zu den zahlreichen Reaktionen auf den Film „Deutsche Schuld" gehören die Medienrezensionen „Kurz mal runtergeflogen" von Jörg Häntzschel in der SZ vom 25. September 2023 und Fabian Lehmanns Beitrag „Die Schuldfrage und die fehlenden Zwischentöne" in der TAZ vom 1. November 2023. Sie kritisieren den Film nicht wegen seiner antikolonialen, antirassistischen Intention, sondern deshalb, weil er sie nicht einlöst.

Ganz anders die Bild-Zeitung vom 11.11.2023. Unter der reißerischen Überschrift „NDR-Doku über Namibia sorgt für Entsetzen: Afrika-Aufstand gegen ARD" gibt sie zentrale Inhalte des „Offenen Briefes" wieder. Aber von einem „Afrika-Aufstand" zu sprechen, ist hier völlig daneben. Es geht um den offenen Brief einer kleinen Minderheit, wobei zu den Unterzeichner:innen auch in Deutschland lebende Menschen gehören (und wie Bild betont, sogar ein früherer Deutscher Botschafter). Die große Mehrheit der schwarzen Namibier:innen dürfte das völlig anders sehen. Ihr dürften die Intentionen von Aminata Belli wichtiger sein, als Rechtfertigungen, die den Kolonialismus am Ende doch noch für etwas Gutes halten. Ungewollt wird Naita Hishoono, schon von Aminata Belli fragwürdig kontextualisiert, erneut instrumentalisiert. Ihre Kritik an den Methoden des Filmteams wird in der „Bild Zeitung" in eine Reihe gestellt mit dem offenen Brief und seiner Intention, liebgewonnene kolonialnostalgische Sichtweisen aufrechtzuerhalten. Nun ist Naita Hishonoo dafür bekannt, dass ihr Kolonialismuskritik und Dekolonialisierung ein Herzensanliegen sind, was sie nicht zuletzt in zahlreichen Vorträgen in Deutschland zum Ausdruck gebracht hat. Völlig daneben und letztlich auch entlarvend ist die Forderung an die ARD, den Film aus der Mediathek zu entfernen. Auch für wenig gelungene Filme gilt in einem demokratischen Land wie der Bundesrepublik Deutschland die Pressefreiheit und das Recht der Menschen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Dafür muss der Film verfügbar bleiben. Kolonialapologetische Geschichtsverzerrungen werden ja auch nicht aus der öffentlich zugänglichen Medienlandschaft Namibias verbannt. Der Aufschrei dagegen wäre vermutlich erheblich – wohl nicht zuletzt auch von einigen der Unterzeichnenden dieses Briefes.

Bernd Heyl ist Autor des Buches „Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte. Postkolonialer Reisebegleiter in die deutsche Kolonialgeschichte"


ARD nimmt Film aus der Mediathek
Um die „aufgeheizte Diskussion zu versachlichen", wurde „Deutsche Schuld - Namibia und der Völkermord" aus der ARD-Mediathek entfernt. Das teilte die ARD Anfang Dezember auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes mit.