Heft 6/2023, Editorial

Das System ist überhitzt

2023: Wahrlich ein heftiges Jahr. Global gesehen war es das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts. Noch nie zuvor ist die Temperatur so schnell gestiegen. Und es war das Jahr der Naturkatastrophen, mit rasanten Folgen von Überflutungen, heftigen Erdbeben, Waldbränden, Taifunen, Tornados, Zyklonen und anhaltender Dürre. Massenabwanderung aus unbewohnbar gewordenen Gebieten nicht nur in Afrika sind die Folge. Auf der COP28, dem Klimagipfel in Dubai, heißt es einmal mehr, es müsse dringend gehandelt werden, um die Treibhausgas-Emissionen nicht auf eine gefährliche Erwärmung über 2,5 Grad bis zum Jahr 2100 steigen zu lassen. Das Pariser Ziel von 1,5 Grad Erwärmung ist definitiv passé. Ausgerechnet im Erdölparadies Dubai müsste sich die Weltgemeinschaft von fossilen Energieträgern trennen. Doch die Opec stemmt sich mit aller Macht dagegen und übt Druck auf ihre Mitgliedstaaten aus. Und in Afrika werden Erdgas-, Erdöl- und Pipelineprojekte gegen den Widerstand und die warnenden Stimmen von Umweltgruppen notfalls mit Gewalt durchgesetzt.

Ginge es rational und besonnen in der Welt zu, die Rufer für erneuerbare Energie müssten sich eigentlich leicht gegen die Lobby der beharrenden Kräfte durchsetzen können. Tut es aber nicht, denn die Systeme sind auch in den Köpfen der Menschen überhitzt. Wie lässt sich das aushalten: Corona, Russlands Ukrainekrieg, und jetzt auch noch die Eskalation des Israel-Palästina-Konflikts? Es steht viel auf dem Spiel. Wir befinden uns mitten im vielleicht größten Umbruch der neueren Menschheitsgeschichte. Das macht vielen Menschen Angst – diffuse Angst, die Populisten allerorts zu nutzen wissen: Weltweit sind die reaktionären Kräfte im Vormarsch.

Wie kann es sein, dass ein UN-Generalsekretär, der seine Hausaufgaben als Hüter des obersten Organs der Weltgemeinschaft macht und seinen Appell zum humanitären Waffenstillstand in Gaza in den UN-Sicherheitsrat einbringt, als „Gefährder des Weltfriedens" diffamiert wird, wie es von Seiten Israels heißt? Klar, im Krieg erhitzen die Gemüter. Guterres Aussage nach dem 7. Oktober, dass das Massaker der Hamas nicht im luftleeren Raum entstanden ist, wird nicht als versuchtes Erklärungsmuster gesehen, sondern als Diffamierung Israels. Wochenlang folgten hierzulande aufgeregte Antisemitismusdebatten, bei denen man zwischen aufrichtigen Appellen (etwa Habeck) und unüberlegten (politisch bisweilen bewusst gestreuten) Schnellschüssen über die angebliche Gefahr des Imports des Antisemitismus durch „islamistische Migranten" kaum noch unterschied – und die Augen vor dem hausgemachten und den Holocoust leugnenden Antisemitismus verschließt, aus dem sich ja die so stark bemühte, aber ziemlich leere Formel der „deutschen Staatsräson" für Israels Sicherheit ableitet.

Ausgerechnet in Anne Wills letzter und vielleicht bester Sendung zum Thema „Die Welt in Unordnung – Ist Deutschland den Herausforderungen gewachsen?" waren besonnene Töne zu hören. Die geladenen Gäste hörten sich gegenseitig zu, und dann fiel ein kluger Satz des Schriftstellers Navid Kermani, der Freunde in Israel wie in Gaza hat: „Wir Außenstehende aber haben die Möglichkeit, den Schmerz beider zu sehen." Ermutigende Worte im überhitzten Klima.

Ein gesteigertes Maß an Überhitzung war dieses Jahr auch im südlichen Afrika zu spüren. In Simbabwe wie in Mosambik gingen die herrschenden Kräfte mit überdrehten Wahlmanipulationen an die Grenze dessen, was sie den Wahlbeobachtergruppen und vor allem ihren Bürger:innen zumuten konnten. Wie lange noch können sich die alten Befreiungsfossile Zanu-PF in Simbabwe und die Frelimo in Mosambik halten? Und wohin geht die Reise des ANC in Südafrika? Die jüngsten Umfragen von Meinungsforschungsorganisationen dürften für viel Nervosität in der ANC-Zentrale geführt haben. Der ANC muss damit rechnen, bei den Wahlen im Mai 2024 deutlich unter die 50-Prozent-Marke zu fallen. Er wäre dann die erste ehemalige Befreiungsbewegung im südlichen Afrika, die sich auf eine Koalitionsregierung einlassen muss (lässt man mal die Regierungen der Nationalen Einheit aus den Anfangsjahren außen vor).

Der Bazillus des Machterhalts um jeden Preis scheint indes auch den mit Vorschusslorbeeren gestarteten Präsidenten von Sambia, Hakainde Hichilema, befallen zu haben. Mit gezieltem Gerede über einen Staatsstreich bastelt er daran, seine uneingeschränkte Wiederwahl vorzubereiten, und sei es auf Kosten eingeschränkter Meinungsfreiheit.

Nervenaufreibend war auch das Finale der Rugby-WM zwischen Südafrika und Neuseeland. Südafrikas denkwürdiger Sieg zeigt, dass es auch zusammen schweißende und damit sinnvollere Ventile für überhitzte Gemüter gibt.

Die Redaktion wünscht allen Leser:innen einen guten Jahresausklang und ein hoffentlich abgekühlteres Jahr 2025.

Lothar Berger