Heft 6/2023, Südafrika

Warum die Apartheid-Architektur etwas mit dem Großbrand in Johannesburg zu tun hat

Ende August brannte in Johannesburg ein marodes Gebäude, in dem 600 Menschen Unterkunft fanden, aus. Mindestens 77 Menschen starben in den Flammen. Das Entsetzen machte weltweit Schlagzeilen, wich aber ebenso schnell wieder Meldungen über andere Krisenherde. Dabei gilt es auch hier, tiefere Ursachen aufzuarbeiten.

Von Simone Knapp

Beim Anflug auf Johannesburg werden mehrere Erkenntnisse zur Vergangenheit Südafrikas sichtbar: Die Apartheid bildet sich im Städtebau ab und hat bis heute massiven Einfluss auf die sozio-ökonomischen Unterschiede. So sind die Schlafstätten, die Streichholzschachteln ähnlichen Wohnräume für die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung, weit draußen am Stadtrand. Zwar inzwischen großflächig mit Infrastruktur wie Strom und fließend Wasser versehen, sind sie aber staubig und eng und jenseits eines existenten öffentlichen Nahverkehrs. Daran angrenzend die Villenviertel mit großzügigen Parkanlagen, wunderschönen Baumalleen, Swimmingpools und zum großen Teil immer noch mehrheitlich von weißen Südafrikaner:innen bewohnt. Je weiter es ins Zentrum geht, desto mehr Arbeitsplätze befinden sich dort.

Apartheid-Architektur prägt bis heute die Großstädte Südafrikas. Daran können auch die vielen sogenannten RDP-Häuser, die bereits zu Zeiten von Mandelas Präsidentschaft unter dem Reconstruction and Development Programme (RDP) in den Townships gebaut worden sind, nichts ändern, sie haben diese im wahrsten Sinne des Wortes zementiert. Denn anstatt sozialen Wohnungsbau dort voranzutreiben, wo die Arbeitsplätze sind, werden die Menschen täglich zu Arbeitswegen gezwungen, die einerseits lang und zermürbend, andererseits kostspielig und gefährlich sind. Der Widerstand der Privilegierten ist groß, sie wollen die Stadtzentren nicht mit den ärmeren Bevölkerungsschichten oder Migrant:innen teilen, sie wollen unter sich bleiben.

Doch der Bedarf an Wohnraum in Zentrumsnähe ist enorm, und wo ein Bedarf ist, findet sich auch eine Lösung. Nicht immer ist diese Lösung legal und in dem vorliegenden Fall sogar tödlich.

Der Brand vom 31. August in der südafrikanischen Metropole Johannesburg hat mindestens 77 Menschen, darunter 12 Kinder, das Leben gekostet. Es war wohl das schlimmste Feuer in der Geschichte Südafrikas. An einem Donnerstagabend wurde das fünfstöckige Gebäude im zentralen Geschäftsviertel von Johannesburg in kürzester Zeit Opfer der Flammen und zur Falle für schätzungsweise 600 Menschen, die zu der Zeit dort lebten. Eigentlich sollte dort niemand wohnen, das Gebäude war von der Stadt aufgegeben worden, nachdem es eine bewegte Geschichte hinter sich hatte.

Das Usindiso-Gebäude – Albertstaße 80, Ecke Delvers Straße

Diejenigen, die in der Apartheidszeit geboren worden sind, kennen das 1954 erbaute Gebäude, in dem die „Abteilung für außereuropäische Angelegenheiten" ihren Sitz hatte.

„Das Central Pass Office war ein berüchtigter Kontrollpunkt des Zuwanderungskontrollsystems während der Apartheid. Hier wurde der ‚Dompas' ausgestellt, der die Bewegung afrikanischer Menschen kontrollierte. Vielen wurde ein Platz in der Stadt verweigert und sie mussten Johannesburg verlassen. Dieses Gebäude wurde 1954 als Abteilung für nichteuropäische Angelegenheiten eröffnet und in den 1960er-Jahren stark erweitert", schreibt die offizielle Webseite The Heritage Portal. „Es war über drei Jahrzehnte lang das Nervenzentrum für die Kontrolle des Lebens der Schwarzen in Johannesburg."

Im Jahr 1994 wurde es in ein Frauenwohnheim umgebaut und in Usindiso Women's Shelter umbenannt. Laut einer Studie der University of Witwatersrand befand sich das Frauenhaus in einem Industriegebiet, in dessen Nähe sich auch „Chop Shops" und informelle Siedlungen befanden, was die Gegend nicht wirklich sicher und zu keinem Ort machte, den gefährdete Frauen und Kinder benötigten. Bis 2019 war im Erdgeschoss auch ein Gesundheitszentrum untergebracht, bevor es von der Stadtverwaltung geschlossen wurde – weil das Viertel zu unsicher, das Gebäude zu marode sei. Eine Untersuchung der städtischen Umwelt- und Gesundheitsinspektion habe neben Wasser, das durch die Wände direkt in die Gesundheitseinrichtung sickerte, illegale Anschlüsse an das Wasser- und Stromnetz der Klinik festgestellt. In den leerstehenden Stockwerken hatten sich nach und nach Menschen häuslich eingerichtet. Anstatt nach Feststellung der Mängel und der Situation das fünfstöckige Gebäude zu renovieren, wurde es sich selbst und den Hausbesetzer:innen überlassen.

Das Gebäude ist heute unter dem Namen des Frauenhauses bekannt: Usindiso ist ein Wort in isiXhosa und bedeutet Erlösung.

Wohnungsnot und Hausbesetzungen

Sogenannte gekaperte Gebäude sind kein neues Phänomen in Johannesburg. Das Problem begann nach dem Ende der politischen Apartheid im Jahr 1994, als viele Unternehmen aus der Innenstadt in wohlhabende Vororte zogen und die Innenstadt zu einem der gefährlichsten Orte des Landes wurde. Gleichzeitig ermöglichte das demokratische Südafrika einen Zuzug von Menschen nicht nur aus den ländlichen, bis dato als Homelands komplett vernachlässigten, Regionen sondern auch aus Nachbarländern, die nach besserer Infrastruktur und wirtschaftlichen Möglichkeiten vor allem in den Metropolen suchten. Kriminelle Syndikate nutzten die Wohnungsnot aus und begannen, leerstehende Gebäude zu kapern und illegal zu vermieten und sie in vertikale Squatter Camps zu verwandeln.

Herman Mashaba, selbst Bürgermeister von Johannesburg für die Democratic Alliance zwischen 2016 und 2019, schreibt nach dem verheerenden Brand: „Meine Regierung hat sich verpflichtet, jedes Jahr 100 zuvor enteignete Grundstücke – darunter auch verlassene Fabriken – an den privaten Sektor zu übergeben, um den Bau erschwinglicher Wohnungen für die Ärmsten der Stadt und für Studierende zu unterstützen. Wir haben begonnen, diese enteigneten Gebäude regelmäßig zu durchsuchen, um die Rechtsstaatlichkeit in der Stadt wiederherzustellen. Es wurde festgestellt, dass 643 Gebäude gekapert worden waren, während die Stadt einen Bedarf von rund 300.000 Wohnungen aufwies. Während meiner Amtszeit wurden 40 dieser gekaperten Gebäude an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben, 154 städtische Grundstücke und weitere 37 verlassene Fabriken wurden freigegeben. Die Erschließung dieser Grundstücke sollte mit Investitionen in Höhe von 32 Mrd. Rand zu 21.000 neuen Arbeitsplätzen und 14.500 erschwinglichen Wohnungen führen."

Bestehende Gesetze, die Menschen davon abhalten sollen, Gebäude illegal zu besetzen, werden nicht durchgesetzt, weil offizielle Stellen oder einzelne Angestellte durch Korruption oder Klientelismus an diesem kriminellen Netz von Hausokkupationen mitverdienen. Das als PIE bekannte Gesetz (Prevention of Illegal Eviction from and Unlawful Occupation of Land Act) von 1998 sollte eine Gesetzgebung aus der Apartheidszeit ersetzen, die es der weißen Regierung erlaubte, schwarze Südafrikaner:innen aus ihren Häusern zu vertreiben und diese zu zerstören. Jetzt erschwert das PIE oftmals die Räumung besetzter Häuser – zu Recht, denn solange die geräumten Häuser private Investoren übergeben werden, solange ein soziale Wohnungsbaukonzept für die Innenstädte fehlt, wird sich an der Situation langfristig nichts ändern. Der Wohnungskrise liegen tiefer gehende soziale Probleme zugrunde.

„Die Menschen, die in den verlassenen Gebäuden der Stadt leben, gehören zu den Ärmsten der Armen in Johannesburg und können nirgendwo anders hin. Niemand lebt freiwillig in einem gekaperten Gebäude", sagt Brian McKechnie, Architekt und Denkmalschutzexperte in Johannesburg, gegenüber der Times. „Sie sind dort nur, weil sie verzweifelt sind."

Der Brand

In Usindiso lebten die Menschen unter erbärmlichen Bedingungen, sie nutzten sogar die Tiefgarage. Da sich unter den Opfern auch Menschen aus anderen Ländern befinden, manche auch illegal ins Land gekommen waren, ist die Identifizierung der Opfer und die Benachrichtigung ihrer Familien ein schwieriges Unterfangen.

Die Brandursache ist noch nicht eindeutig geklärt. Erste Berichte deuteten darauf hin, dass eine offene Flamme die Ursache gewesen sein könnte. Und da die Behelfsbehausungen mit teilweise brennbaren Materialien wie Pappe und Textilien als Wände konstruiert worden sind, konnte sich das Feuer rasch ausbreiten. Die einzigen freien Fluchtwege waren Fenster.

„Dies hat uns wachgerüttelt, und ich habe gesagt, dass unsere Städte und Gemeinden jetzt darauf achten müssen, wie die Menschen leben", sagte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa bei einer Veranstaltung des Regierungspartei ANC. Ramaphosa deutete an, die mangelnde Durchsetzung bestehender Gesetze gegen solche gefährlichen und ausbeuterischen Wohnsituationen wären eine der Ursachen für den Brand gewesen.

Doch für vulnerable Gruppen gehören Katastrophen zur Normalität ihres Lebens und sind keine außergewöhnlichen oder ungewöhnlichen Ereignisse. Dass Politiker solche Tragödien nutzen, um für die Beseitigung der Missstände zu plädieren, ist Teil eines Musters, das die Armen für ihre Lebensbedingungen verantwortlich zu machen versucht und gleichzeitig die Schuldfrage auch politisch auf andere abwälzt.

Ramaphosa und seine Regierung haben die Stadt für das Feuer verantwortlich gemacht, die sicherlich eine Teilschuld trägt, denn wie Mashaba berichtete, ist das Problem einerseits seit langem bekannt und andererseits gibt es Lösungsvorschläge in den Schubladen. 2019 führte die Polizei eine Razzia in Usindiso durch, weil ein Bericht unter anderem durchgebrannte Steckdosen und geschmolzene Drähte in den Räumen festgestellt hatte. Sie verhaftete 140 Personen, die vor Ort illegal Miete einzogen, nicht aber die Drahtzieher im Hintergrund. Weder waren städtische Beamten seither wieder vor Ort, noch haben sie hinsichtlich der zugrundeliegenden Strukturen etwas geändert oder zumindest in Angriff genommen.

Schlechte Rahmenbedingungen in Johannesburg

In Johannesburg leben derzeit rund sechs Millionen Menschen, weitere zwei bis drei Millionen leben im größeren Umfeld der Metropole. Dabei hat mehr als jeder zehnte Haushalt eine informelle Behausung außerhalb des Stadtzentrums, entweder in Barackensiedlungen oder im Hinterhof eines der RDP-Häuser. Seit 1994, vor allem unter Präsident Thabo Mbeki, wurde viel in die Infrastruktur der Townships investiert: Stromanschluss, geteerte Zufahrtsstraßen, Wasserversorgung, Klinken, Spielplätze. Doch sowohl der Erhalt dieser Einrichtungen als auch der Ausbau sämtlicher Infrastruktur hatte für die nachfolgenden Regierungen keine Priorität und konnte schon unter Mbeki nicht mit dem immensen Zuzug Schritt halten. So entstanden an den Rändern der Stadt weitere informelle Behausungen, mehr recht als schlecht zusammengestückelt aus dem, was man finden konnte. In diesen informellen Siedlungen kam es immer wieder zu Großbränden, in denen viele Menschen ihr Leben oder ihr ganzes Hab und Gut verloren. Letztendlich war machte es für sie kaum einen Unterschied, ob sich die erbärmliche Behausung in einem dieser Vororte befand oder im Innern eines zentrumsnahen, gekaperten Gebäudes. Wenigstens waren die Familien so näher an potenziellen Einkommensmöglichkeiten, Schulen und Gesundheitszentren.

Das Problem geht jedoch weit über die schlechten Wohnbedingungen und fehlende Infrastruktur hinaus, denn es sind die politischen Rahmenbedingungen in Johannesburg, die die Situation so brandgefährlich machen. Seit der ANC in der Kommunalpolitik keine Mehrheit mehr hat, versucht die Partei durch geheime Absprachen mit den Economic Freedom Fighters (EFF) und Koalitionen ihren Einfluss zu sichern, damit die Democratic Alliance keinen Bürgermeister mehr stellen kann. Das brachte der Stadt acht Bürgermeister in nur zwei Jahren ein (vgl. afrika süd 2-23, „Von der Unregierbarkeit der Metropolen"). Der seit Mai 2023 amtierende Bürgermeister Kwabelo Gwamando gehört einer Partei an, die bei der Kommunalwahl gerade mal ein Prozent der Stimmen vereint. Die politischen Auseinandersetzungen haben sich negativ sowohl auf die Versorgung in Johannesburg, wie etwa bei Strom und Wasser, als auch auf Gewaltverbrechen und Korruption ausgewirkt.

Was ist zu tun?

Die im September eingesetzte Untersuchungskommission unter dem Vorsitz der pensionierten Richterin des Verfassungsgerichts, Sisi Khampepe, wurde bereits am 30. Oktober wieder eingestellt mit der Begründung, das für die Anhörungen ausgesuchte Gebäude entspreche nicht den Sicherheitsstandards. Welch Ironie.

Seit vielen Jahren gibt es Nichtregierungsorganisationen, die sowohl auf die Missstände hinweisen als auch an Lösungen zusammen mit der Stadtverwaltung und den Betroffenen Menschen arbeiten. Eine davon ist das Socio-economic Rights Institute (SERI). Sie haben in einer Presseerklärung einen dreigleisigen Ansatz vorgeschlagen, nachdem zunächst den Bewohner:innen, die derzeit in den aufgegebenen Gebäuden leben, übergangsweise Dienstleistungen im Sicherheits- und Gesundheitsbereich und zur Erfüllung von Grundbedürfnissen zur Verfügung gestellt werden. Als nächstes müssen die Gebäude repariert und modernisiert werden, um die bestehenden Gefahrenpotenziale zu beseitigen. Und sollte dies bei einem Gebäude nicht mehr möglich sein, muss einvernehmlich oder gerichtlich angeordnet eine Umsiedlung in eine andere Unterkunft erfolgen. Der Fokus dieses Ansatzes liegt auf den Betroffenen, auf ihren Rechten und Bedürfnissen, auf Mitbestimmung: Nothing for us without us!

Jede Zwangsumsiedlung erinnert an die schlimmsten Erfahrungen aus der Apartheidszeit und muss unbedingt vermieden werden. Verfassungsmäßig steht jedem ein angemessener Wohnraum zu. Dies gilt es langfristig im Blick zu behalten. Sozialer Wohnungsbau muss mit den Betroffenen und nicht für sie ausgearbeitet und implementiert werden, wenn sich langfristig etwas ändern soll.

Simone Knapp ist Koordinatorin der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) in Heidelberg.