Madagaskar

La Grande Ile

 

„Die Große Insel“ nannten die Franzosen Madagaskar, die sie sich Ende des 19. Jahrhunderts als Kolonie unterwarfen. Nach schweren Auseinandersetzungen mussten sie 1960 wieder abziehen. Doch die Abhängigkeit Madagaskars von Frankreich blieb. In Wirtschaft und Politik geht auch heute noch wenig ohne Billigung und Steuerung aus Paris.

Staat und Verwaltung

Offizielle Bezeichnung

Repoblikan´i Madagasikara; République de Madagascar; Republik Madagaskar

Unabhängigkeit

26. Juni 1960 (von Frankreich)

Fläche

587.041 qkm

Landesnatur

Tropisches Klima entlang der Küste; arid im Süden und ein Hochplateau und Berge im Zentrum; schmale Küstenebene

Höchste Erhebung

Maromokotro (2876 m)

Küste

4828 km

Umweltprobleme

Bodenerosion, Entwaldung, Überweidung, Wüstenbildung, bedrohte einzigartige Flora und Fauna, Oberflächenwasser verschmutzt

Einwohnerzahl

22.599.098 (Juli 2013 geschätzt)

Bevölkerungsdichte

38,5 Einwohner pro qkm Landfläche (eig. Berechnung)

Hauptstadt

Antananarivo

Landessprachen

Madagassisch und Fanzösisch (Amtssprachenl), Englisch

Religionen

Christen (41%), Muslime (7%), Naturreligionen (52%)

Staatsform

Republik, Präsidialdemokratie (derzeit keine anerkannte Regierung)

Wahlrecht wahlberechtigt sind alle Bürger ab 18 Jahren
Verfassung

Referendum: 17. November 2010, Verkündung: 11. Dezember 2010

Exekutive

Staatsoberhaupt: Präsident Andry Rajoelina (seit 18. März 2009) Premierminister: Premierminister Jean Beriziky (seit 2. November 2011)

Legislative

Zweikammernparlament: Senat (100 Sitze) und Nationalversammlung (127 Sitze), seit 18.3.2009 suspendiert. Übergangsorgane mit ernannten Vertretern: Congrès de la Transition (CT) und der Conseil Supérieur de la Transition (CST)

Parteien

AREMA (Association fort he Rebirth of Madagascar); PSDUM (Democratic Party for Union in Madagascar); LEADER (Economic Liberalism and Democratic Action for National Recovery); FP (Fihaonana Party); TIM (I love Madagascar): RPSD (Renewal oft he Social Democratic Party)

Rechtssystem

Zivilrechtliches System basierend auf dem alten französischen „Code Civil"

Justiz

Supreme Court; High Constitutional Court

Verwaltungsgliederung

sechs Provinzen: Antananarivo, Antsiranana, Fianarantsoa, Mahajanga, Toamasina, Toliara

Internationale Mitgliedschaften

UNO und Unterorganisationen; Afrikanische Union (AU, suspendiert), Entwicklungsgemeinschaft SADC (suspendiert); Handelsgemeinschaft COMESA; Afrika-Karibik-Pazifik-Staaten (AKP); Extrative Industries Transparency Initiative (EITI, suspendiert); Welthandelsorganisation (WTO); Internationaler Währungsfond (IMF); Weltbank

Internationale Länderkategorien LDC-Status
(8 der 15 SADC-Staaten gelten nach UN-Bestimmungen als Least Developed Countries (LDC) - "am wenigsten entwickelte Länder" - und bekommen besondere Mittelzuwendungen)

 

Wirtschaft

Währung

1 Ariary (MGA) = 5 Iraimbilanja

Wechselkurs

1 US$ = 2.153,30 MGA (Februar 2013)

aktueller Wechselkurs: OANDA


Export / Importgüter
- Wichtige Exportgüter

Kaffee, Vanille, Zucker, Baumwoll-Kleidung, Kleidung, Petroleum-Produkte, Schalentiere

- Wichtige Importgüter

Kapitalgüter, Petroleum, Nahrung, Konsumprodukte


Wichtige Handelspartner
- Export

Frankreich (22,9%), Indonesien (15,5%), Singapur (6,7%); China (5,7%), Deutschland (5,5%), USA (5%)

- Import

China (17,4%), Frankreich (13,3%), Südafrika (5,7%), Singapur (4,9%), Bahrein (4,8%), Mauritius (4,6%), Kuwait (4,5%), Indien (4,1%)


Infrastruktur
- Eisenbahn

854 km

- Straßen

65.663 km (davon 7.617 km geteerte Straßen)

- Flugplätze

82 (davon 26 mit befestigten Start- und Landebahnen)

- Häfen

Antsiranana, Mahajanga, Toamasina, Toliara

 

Weitere wirtschaftliche Indikatoren siehe Ländervergleich Wirtschaft
Soziale Indikatoren siehe Ländervergleich Soziales

Chronologie

Erd- und Naturgeschichte

Vor 100 Millionen Jahren

Die Insel driftet – noch vor einer menschlichen Besiedlung – vom afrikanischen Festland ab. Das hat in der Tier- und Pflanzenwelt zu einer einzigartigen Entwicklung geführt. Viele Arten und Spezies gibt es nur auf Madagaskar, sie sind allerdings heute von großflächigen Rodungen bedroht.

 

Frühgeschichte und vorkoloniale Reiche

Zur Zeitenwende

Kurz vor der Zeitenwende treffen erste und noch kleine Kontingente von Siedlern aus dem ostafrikanischen Raum im Norden Madagaskars ein. Nur wenig später kommen Einwanderer in großer Zahl aus dem indonesisch-malaysischen Raum. Insgesamt bleibt die Insel über Jahrhunderte dünn besiedelt, so dass sich erst spät staatliche Strukturen entwickeln.

1500

Der portugiesische Seefahrer Diogo Dias (Gomes) sichtete als erster Europäer die Insel. Er nannte sie nach dem Tagesheiligen Laurentinus von Rom Sao Lorenco. Auf späteren Karten wird sie auch Santa Apolonia, France occidentale oder ile Dauphine genannt.

Ende des 18. Jahrhunderts

Dem Fürsten Andrianampoinimerinas im zentralen Hochland gelingt es, verschiedene Gruppen der dort lebenden Merina zu einen. Er schafft ein Verwaltungssystem, eine zentrale Gesetzgebung,und eine Armee; die Wirtschaft wird reorganisiert. Grundlage ist „Fokolonona“, die dörfliche politische und wirtschaftliche Einheit, die kooperative Arbeiten organisiert. Die Völker in den Küstenebenen sind davon nicht betroffen.

1810 - 1828

Radama I öffnet die Insel für das Ausland und kann das Reich ausweiten. 1817 nimmt er den Titel „König von Madagaskar“ an. 1924 kann er Sklaven an der Küste unterwerfen. Eine vollständige Kontrolle über die Küste gibt es jedoch nicht. Die von ihm ins Land geholten Briten und Franzosen und die von Frankreich forcierte katholische Mission erheben Ansprüche auf eine Schutzherrschaft über die Küstenvölker. Sie legen damit noch vor der eigentlichen Kolonisierung den Grundstein für die spätere Desintegration der madagassischen Gesellschaft.

1826

Über die Jahrhunderte hat sich eine eigene Sprache, das indonesischen Sprachen verwandte Malagaysy, entwickelt. König Radama I legt nun die bis heute gültige Schreibweise fest.

1828 - 1861

Nach dem Tod Radamas folgt seine Frau Ranavalona als Königin. Sie drängt den Einfluss der Europäer und der Missionare zurück und schließt die Insel nach Außen ab.

1861 - 1863

Der Sohn und Nachfolger Ranavalonas – Radama II – nimmt wieder Kontakte zum Ausland auf. Er wird wegen seiner offeneren Politik zwei Jahre nach Amtsantritt ermordet.

1863 - 1896

Es folgen drei Königinnen: Rasoherina, Ranavalona II und III. Unter ihnen wird der Protestantismus als Staatsreligion eingeführt. 1883 versuchen die Franzosen, gewaltsam auf der Insel Fuß zu fassen. Es beginnt eine zweijähriger heftiger Krieg, der schließlich Ranavalona III zur Kapitulation zwingt. Sie stirbt 1917 im Exil in Algerien.


Französische Kolonialzeit

1896

Madagaskar ist auf der Afrika-Konferenz in Berlin 1884/84 Frankreich als Interessengebiet zugeschrieben worden. Gegen den Widerstand der Madagassen etabliert sich Frankreich als Kolonialmacht; die letzte Königin wird abgesetzt. Die Bevölkerung wird massiv unterdrückt. Zwei landesweite Aufstände 1915 und 1929 werden niedergeschlagen.

Die Sklaverei wird abgeschafft, dafür aber die Zwangsarbeit eingeführt, die billige Arbeitskräfte für den Ausbau der Infrastruktur sichert. Missionsschulen werden mit Staatsschulen ergänzt. In der Bildungspolitik werden die Merina gezielt gefördert und so eine Elite auf ethnischer Basis herangezogen. Französische Kolonialisten werden gefördert, auch wenn Madagaskar nicht als Siedlerkolonie gedacht ist.

Französische Unternehmer gründen Plantagen und Bergwerke, deren Produkte das Mutterland versorgen, aber auch den Weltmarkt bedienen. Durch eine Importsteuer wird ein geschützter Markt geschaffen: Französische Waren werden so bevorzugt und die Einfuhr britischer und US-amerikanischer erschwert.

1915

Eine Untergrundorganisation, die sich schon 1912 aus christlichen Gruppen gebildet hatte, fliegt auf, die Mitglieder werden verhaftet. Die Rekrutierung von Madagassen (46.000 Mann) zur Verstärkung der französische Armee im 1. Weltkrieg und der verstärkte Arbeitsdruck zur Finanzierung der Kriegskosten führt zur Entstehung moderner politischer Bewegungen und Untergrundorganisationen.

Zwischen den Weltkriegen

Nach dem 1. Weltkrieg 1918 wird die Infrastruktur ausgebaut, um die steigende Nachfrage nach agrarischen Exportprodukten Madagaskars zu bedienen: Kaffee, Reis und im zunehmenden Umfang Vanille. Um die nötigen billigen Arbeitskräfte zu rekrutieren, wird eine drakonische Arbeitsgesetzgebung eingeführt. Mit der so verbilligten Produktion werden die heimischen Bauern ausgebremst.

Die Weltwirtschaftskrise gegen Ende der 1920er Jahre bringt auch für Madagaskar einen Rückschlag für die Kolonialwirtschaft. Erst zehn Jahre später erreicht die Wirtschaft wieder Werte von Anfang der zwanziger Jahre. Die Handelsbilanz Madagaskars war positiv.

1924

Es wird eine beratende Körperschaft mit getrennten Versammlungen für Madagassen und Franzosen eingerichtet. Damit ist für die heimische Bevölkerung zumindest nominell eine Beteiligung an der Verwaltung der Insel möglich. Eine gewisse Durchsetzungskraft hat jedoch nur die den Franzosen vorbehaltene Sektion.

1929

In den 1920er Jahren gewinnt eine „Französische Liga zur Erlangung des Bürgerrechts durch die Einheimischen Madagaskars“ Zulauf. Getragen wird die Bewegung von madagassischen Intellektuellen und linksorientierten Franzosen. Die Liga fordert das französische Bürgerrecht mit ungeteilten Rechten für alle Madagassen, die Insel soll ein überseeisches französisches Departement werden.

Der Kopf der madagassischen Sektion der Liga ist Jean Ralaimòngo. Im Protest gegen die Zwangsrekrutierung für die Plantagen organisiert er Demonstrationen in der Hauptstadt mit hoher Beteiligung. Die Demonstranten fordern volle Bürgerrechte. Die Kolonialbehörden befürchten „kommunistische Umtriebe“ und reagieren hart. Die Organisatoren der Demonstrationen werden eingesperrt oder verbannt, die Liga verboten. Die Nationalisten nehmen darauf hin zunehmend Abschied von einer Assimilationspolitik und fordern Freiheit und Unabhängigkeit.

1936

Die neue Volksfrontregierung in Paris bringt auch für die französischen Kolonien wie Madagaskar bescheidene soziale Fortschritte. Die rigiden Pressegesetze werden aufgehoben, die Rekrutierungsbüros für Zwangsarbeiter aufgelöst und Gewerkschaften zugelassen, Einheimische konnten leichter den Bürgerstatus erlangen. Der Graben zwischen Franzosen und Madagassen blieb jedoch. Bis 1939 konnten gerade 8.000 den Bürgerstatus erwerben.

1940 - 1945

Der 2. Weltkrieg beseitigt den geringen Freiraum, den die Nationalisten gegen Ende der 1930er erlangt hatten. Nach der Niederlage Frankreichs halten die Kolonisten dem Vichy-Regime die Treue, das mit dem Deutschen Reich kollaboriert. 1942 landen britische Truppen, die Madagaskar nach einjährigen verlustreichen Kämpfen erobert haben. Kurz vor Kriegsende übergibt Großbritannien Madagaskar dem befreiten Teil Frankreichs unter Charles de Gaulle.

1946

Paris hebt die Zwangsarbeit und den Eingeborenenstatus auf. In Madagaskar beginnen sich Parteien zu organisieren, die die Segmentierung der Gesellschaft aus der Kolonialmacht widerspiegeln: Das Hochland gegen die Küste, Katholiken gegen Protestanten.

In Paris gründen madagassische Abgeordnete im französischen Parlament die Demokratische Erneuerungsbewegung MDRM (Mouvement Démocratique de la Rénovation Malgache). In der Partei gibt es zwei Strömungen, die pragmatische, die lediglich eine Autonomie für Madagaskar fordert, und die radikalere, die sich für die Unabhängigkeit einsetzt. Die Führung besteht in der Mehrheit aus protestantischen Merina. Sie wird sowohl vom Adel wie von den Bauern der Merina unterstützt. Die MDRM entwickelt sich rasch zu einer Massenbewegung.

Die Kolonialverwaltung unterstützt die Gegengründung PADSM (Parti des Déshérités Malgache), die Partei der Ausgebeuteten. Sie wendet sich vor allem an die Bauern der Küstenebenen und die ehemaligen Sklaven im Hochland. Sie verwirft Unabhängigkeitspläne und setzt sich für den Verbleib bei Frankreich ein. Eine Loslösung würde nur die alte Herrschaft der Merina wiederbeleben.

1947

Im März brechen im Norden Madagaskars Aufstände aus, an denen sich etwa ein Viertel der Bevölkerung beteiligt. Auslöser sind die sozialen Begleiterscheinungen des Weltkriege, der Frust über die Kolonialverwaltung, die versprochene politische Veränderungen immer wieder hinausschiebt, und die Bevorzugung französischer Gewerbetreibende und Plantagenbesitzer. Sie richten sich gegen Fremdherrschaft und Fremdeinflüsse. Es werden nicht nur französische Garnisonen und Kolonisten angegriffen, sondern gleichermaßen europäisierte und christianisierte Madagassen. Die Aufständischen bringen ein Siebtel der Staatsfläche unter Kontrolle. Paris schickt 18.000 Soldaten Verstärkung. Über das Land wird das Kriegsrecht verhängt. Anfang 1949 kann der Aufstand endgültig niedergeschlagen werden. Er kostet etwa zwei Prozent der vier Millionen Einwohner das Leben, der weitaus größte Teil kommt bei den folgenden Repressionen um.

1950

Das Kriegsrecht wird aufgehoben und durch Notstandsrecht ersetzt. Es wird gegen den Widerstand des Pariser Parlaments durchgesetzt. Unter dem Notstand kommen alle politischen Aktivitäten zu Erliegen. Die Parteien lösen sich auf, das MDRM wird völlig zerschlagen, die Zeitungen unterliegen der Zensur. Politisch Verdächtige sehen sich Verfolgung und harter Repression ausgesetzt. Der Notstand dauert fünf Jahre.

 

Vorbereitung der Unabhängigkeit

1956 - 1959

Eine neue Verfassung, der Loi Cadre, tritt in Kraft. Politische Parteien werden wieder zugelassen. An den Wahlen im März 1957 beteiligen sich achtzehn Parteien, manche mit nationalem Charakter, andere mit regional begrenzten Interessen. Die zentrale Frage für die Parteien lautet: Soll ein unabhängiges Madagaskar der vom französischen Staatspräsident Charles de Gaulle zur Abstimmung gestellten Communauté Francaise beitreten oder nicht?

Die MDRM bildet mit mehreren regionalen und linken Gruppen den Madagassischen Unabhängigkeitskongress AKFM (Antokn'ny Kongresy Fahaleovantenan'i Madagasikara). Seine Hausmacht liegt im Hochland. Der Kongress tritt für eine nationale Zentralregierung und für eine völlige Lösung Madagaskars von Frankreich ein.

Eine neue Partei, die nennenswerten Einfluss gewinnt, ist die Nationale Unabhängigkeitsbewegung MONIMA (Mouvement National por l'Indépendance de Madagascar). Sie findet vor allem in den Küstenregionen Unterstützung.

In der Nachfolge des PADESM formiert sich die Sozialdemokratische Partei (PSD). Sie gewinnt den Segen der katholischen Kirche und der Kolonialverwaltung und wird von den französischen Sozialisten und den deutschen Sozialdemokraten unterstützt. Sie vertritt (in den Anfangsjahren) das Konzept eines föderalen Staates und einer dezentralen Regierung, um eine Dominanz der Merina in einem Zentralstaat zu verhindern. Auch die PSD fordert die Unabhängigkeit, ohne jedoch alle Beziehungen zu Frankreich zu kappen.

Der Vorsitzende der Sozialdemokraten ist Philibert Tsiranana. Er übernimmt 1957 das Amt eines Vizepräsidenten im Conseil de Gouvernement. Ein Jahr später wird er Regierungschef und leitet auf madagassischer Seite die Vorbereitungen für die Unabhängigkeit. Die Verhandlungen verlaufen zügig. Man einigt sich auf einen unabhängigen Staat, der sich jedoch in bestimmten Bereichen an die alte Metropole bindet: in der Verteidigung, in der Entwicklung von Militärstützpunkten und im Verbleib in der Währungsgemeinschaft des Franc CFA.

 

Die Unabhängigkeit

1960

Am 26. Juni 1960 erlangt Madagaskar die Unabhängigkeit. Der Staatspräsident erhält exekutive Kompetenzen. Erster Staatspräsident wird Philibert Tsiranana. Die Legislative besteht aus zwei Kammern, dem Nationalen Parlament und dem Senat.

 

Die 1. Republik

1960

Bei den Wahlen erhiält die PSD 104 der 107 Parlamentssitze. Die Regierung Tsiranana zeichnet sich durch eine pro-westliche Haltung aus und strebt nach einer engen wirtschafts- und außenpolitischen Zusammenarbeit mit Frankreich. Trotz „sozialistischer“ Rhetorik wird die Privatwirtschaft massiv gefördert. Die großen Betriebe bleiben in den Händen ausländischer Unternehmen. Im Export-Importbereich wie im Binnenhandel behalten französische Firmen nahezu Monopolstellung.

Rechtssystem und Bildungswesen werden dem französischen angeglichen und lassen so auch die kulturelle Herrschaft der Franzosen unangetastet.

1971

Der vernachlässigte Süden und Bauern rebellieren gegen die Regierung Tsiranana, gegen deren Korruption und Vetternwirtschaft. An die Spitze der Revolten stellt sich die MONIA. Sie wird getragen von städtischen Intellektuellen und Radikalen und hat ihre Hochburg in der Küstenregion. Die Revolte wird mit Armee und Gendarmerie niedergeschlagen.

1972

In der Hauptstadt Antananarivo beginnen Streiks und Protestaktionen, ausgehend von Lehrern und Schülern. Sie forderen eine Nationalisierung des Erziehungswesens mit Zugang für die breite Masse der Bevölkerung. Ihnen schließen sich vor allem in Antananarivo Arbeiter und Arbeitslose an. Die Bewegung erfasst bald das ganze Land. Der aufgrund seiner Krankheit weitgehend arbeitsunfähige Präsident Tsiranana übergibt die Staatsführung an eine Militärregierung unter General Gabriel Ramanatsoa.

1972 - 1975

Militärregierung

Im Oktober erhält Ramanatsoa ein Mandat für fünf Jahre. Er bildet ein „apolitisches“ Kabinett aus Militärs und Technokraten, das eine Nationalisierung – eine Malgachisation – einleiten soll. Ramanatsoa scheitert jedoch am Fehlen einer einheitlichen politischen Linie.Die wirtschaftlichen und politischen Probleme bekommt seine Regierung noch weniger in den Griff als sein Vorgänger.

In der Zeit der Militärregierung bis 1975 werden Weichen für eine grundlegende gesellschaftliche Strukturveränderung gestellt. Die Fokolonona – die Dorfgemeinschaft – wird als Organisationsbasis des Staates wieder eingeführt. Die Fokolonana hatte bisher zwei Aufgaben: sie waren Produktionsgemeinschaften und Instanzen sozialer Kontrolle. Nun sollen sie zusätzliche Grundlage einer neuen politischen Kultur werden.

1973

Außenminister Didier Ratsiraka verfolgt eine Politik der Öffnung, sucht Kontakte zu sozialistischen Staaten und geht auf Distanz zu Südafrika.

Madagaskar scheidet aus der Union der frankophonen Staaten aus und verlässt die Franc-Währungszone. Im Juli/August muss Frankreich auch seine Militärbasen auf Madagaskar räumen.

1975

Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsspitze zwingen Ramanatsoa, die Macht dem Innenminister Oberst der Gendarmerie Ratsimandrava zu übertragen, der jedoch noch in der ersten Woche seiner Amtszeit ermordet wird. Ihm folgt der bisherige Außenminister und Fregattenkapitän Ratsiraka, der zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt ist.


Die 2. Republik

1975

Am 15. Juni tritt Ratsiraka sein Amt an. Am 21. Dezember bestätigt eine Mehrheit von 95 Prozent in einem Referendum seine Präsidentschaft für sieben Jahre.

Bei dem Referendum stimmen 94 Prozent auch einer neuen Verfassung zu. Die zweite Kammer, der Senat, wird abgeschafft. Die Exekutive bilden nun drei Organe: der für sieben Jahre direkt gewählte Präsident, der Oberste Revolutionsrat CSR (Conseil Suprême de la Révolutiom) und die von einem Premierminister geleitete Regierung, die vom Staatspräsidenten ernannt wird. Da Ratsiraka gleichzeitig Staatspräsident und Präsident des CSR ist, verfügt er über ein Machtmonopol. Diese Macht sichert er durch den Ausbau des Geheimdienstes und die Bildung einer Präsidentengarde.

Politische Parteien werden nur zugelassen, wenn sie der Nationalen Front (Front Nationale pour la Défense de la Révolution, FNDR) beitreten.

1976

Ratsiraka gründet eine eigene Volkspartei, um sich in der Front und im Parlament eine Vertretung zu sichern: die Avantgarde der madagassischen Revolution AREMA. Die Mitglieder kommen überwiegend aus der früheren PSD. Aufgrund ihrer mit Abstand höchsten Mitgliederzahl wird sie die tonangebende Partei in der Front.

1982

Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich. Die Reisproduktion verringert sich so drastisch, dass erstmals Reis eingeführt werden muss.

Weltbank und Weltwährungsfonds IWF setzen eine Strukturanpassung durch und erzwingen die Rückkehr zur „freien Marktwirtschaft“.

1983

Ratsiraka sichert sich durch einen kapitalfreundlichen Investitionsplan das erneute Wohlwollen Frankreichs und der USA. Historiker sprechen von einer dritten Kolonisierung. Die Maßnahmen der Strukturanpassung und die Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik der Regierung änderen an der Lage der Bevölkerung jedoch nichts. Es kommt wiederholt zu Plünderungen und Brandstiftungen von Unternehmen. In den Städten wächst der Schwarzmarkt, und auf dem Lande macht sich ein Bandenunwesen breit – Formen sich selbst regulierender Verteilung.

Der Staatshaushalt kann sich bis Ende des Jahrzehnts sanieren, die Inflation geht deutlich zurück. Madagaskar kann schließlich eine positive Zahlungsbilanz vorweisen. Die Bevölkerung, vor allem in den Städten, erlebt eine Verschlechterung der Lebensbedingungen: Arbeitslosigkeit und soziale Kosten steigen, die Kindersterblichkeit nimmt massiv zu. 46 Prozent der Bevölkerung der Hauptstadt leben Ende der 80er Jahre unterhalb der Armutsgrenze.

Bei den Präsidentschaftswahlen setzt sich erneut Ratsiraka mit 80 Prozent der Stimmen durch. Die Wahlbeteiligung ist aber gegenüber früheren Wahlen drastisch zurückgegangen.

1988/89

Staatschef Ratsiraka verschiebt die Präsidentschaftswahlen, setzt sie dann überraschend 1989 an. Er gewinnt sie mit 62 Prozent der Stimmen. Die kritische Entwicklung beruhigt sich nicht.

1990

Anfang des Jahres wird unter Druck der „Oppositionellen“ in der Front ein Gesetz zur Bildung legaler Oppositionsparteien erlassen. Viele Parteien verlassen darauf hin die Front und bilden mit dem Conseil National des Forces Vives – kurz Forces Vives genannt – eine gemeinsame Oppositionsplattform. Die verbliebenen regimetreuen Parteien schließen sich im Movement Militant pour le Socialisme Malgache (MMSM) zusammen.


Die 3. Republik

1991

Der Übergang

Im Mai scheitert ein Putschversuch. Die Opposition sieht die Zeit für einen Machtwechsel gekommen. Sie fordert Präsident Ratsiraka auf, eine Nationalversammlung einzuberufen, die eine Verfassung für eine 3. Republik erarbeiten soll. Massendemonstrationen und Streiks geben dieser Forderung Nachdruck und verlangen Tag für Tag den Rücktritt der Regierung.

Am 26. Juni gründet die Opposition eine „provisorische Regierung. Ihr Präsident wird der frühere General Jean Rakotoarison, Premierminister Prof. Albert Zafy, Präsident der Forces Vives.

Am 27. Juli löst Ratsiraka die Regierung auf, bleibt jedoch Staatspräsident.

Am 31. Oktober unterzeichnen Ratsiraka und MMSM auf der einen Seite sowie Zafy und die Forces Vives auf der anderen eine Übereinkunft: Alle Vertragsparteien sollen eine gemeinsame Übergangsregierung bilden; die Organe der 2. Republik, Parlament und Revolutionsrat CSR, sollen aufgelöst werden und an deren Stelle Comités pour le redressment économique et social (CRESS) als Regierungsorgane fungieren. Aufgabe der neuen Organe ist es, eine Verfassung auszuarbeiten.

1992

Neue Verfassung

Die neue Verfassung wird zügig erarbeitet. Die Macht des Präsidenten wird darin wesentlich eingeschränkt. Ein Referendum nimmt am 19. August die Verfassung an.

1993

Im Februar wird der Präsident der 3. Republik gewählt. Albert Zafy gewinnt rund 70 Prozent der Stimmen. Sein Kontrahent Ratsiraka erleidet eine vernichtende Niederlage.

Im Mai wird die politische Wende durch die Neuwahl des Parlaments vollendet.

Die Bevölkerung erwartet vom Wechsel ein Ende der Misswirtschaft und des Nepotismus.

1994

Wirtschaftspolitisch wird die Strukturanpassung von IWF fortgeführt. Sie stabilisiert die Wirtschaftssituation. Doch die Misere für die Mehrheit der Menschen wächst, der Lebensstandard sinkt. Zwischen 1991 und 1994 gehen die Realeinkommen um zwölf Prozent zurück. Die Zahl der Menschen unterhalb der Armutsgrenze steigt auf 75 Prozent. Die heimischen Produzenten leiden aufgrund der Liberalisierung im Rahmen der Strukturanpassung unter den verbilligten Einfuhren.

1996

Die neue Regierung erfüllt die in sie gesetzten Erwartungen nicht. Sechs Regierungen wechseln in den wenigen Jahren der 3. Republik ab. Die Politiker verspielen innerhalb kürzester Zeit das Vertrauen der Bevölkerung. Unregelmäßigkeiten und Korruption bei der Privatisierung staatlicher Unternehmen werden bekannt. Es kommt zu Zerwürfnissen mit den Kreditgebern des Landes.

Das Oberste Gericht und das Parlament beschließen die Absetzung des Präsidenten. Bei den Neuwahlen im November setzt sich Didier Ratsiraka knapp mit 50,7 Prozent gegen Albert Zafy durch. Das Verfassungsgericht zögert über Wochen, den neuen Präsidenten zu vereidigen.

1998

Ratsiraka setzt eine Verfassungsänderung durch. Sie spricht dem Staatspräsidenten mehr Macht zu.

2001

Im Mai wird die zweite Kammer des Parlaments, der Senat, wieder eingeführt. Ihm gehören 60 gewählte und 30 ernannte Senatoren an.

Im Dezember beginnen die Präsidentenwahlen. Gegen den amtierenden Präsidenten Didier Ratsiraka tritt als aussichtsreichster Herausforderer Marc Ravalomanana an, der Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo. Beobachter der Wahl sprechen von groben Unregelmäßigkeiten. Beide Kandidaten erhalten nicht die erforderliche absolute Mehrheit.

2002

Im Januar bestätigt das Verfassungsgericht den offenen Ausgang der Wahlen und die Notwenigkeit einer Stichwahl. Ravalomanana (offiziell 46 Prozent der Stimmen, nach eigenen Angaben 52 Prozent) beschuldigt jedoch Ratsiraka des Wahlbetrugs und weigert sich, in eine zweite Runde zu gehen.

Es folgen Monate von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die Armee ist gespalten. Es kommt mehrfach zu Generalstreiks zur Unterstützung Ravalomananas. Nach vergeblichen Vermittlungsbemühungen geht Ratsiraka schließlich mit einem französischen Kriegsschiff ins Exil nach Frankreich.

Am 28. April verkündet das Oberste Gericht ein neues Ergebnis. Danach hat Ravalomanana mit 51,3 Prozent gewonnen. Zafy kommt lediglich auf 35 Prozent.

2003

Madagaskar führt eine neue Währung ein. Der Ariary löst den an die Kolonialzeit erinnernden Franc ab.

2004

Madagaskar stellt Antrag auf Mitgliedschaft in der regionalen Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika SADC und erhält Kandidatenstatus.

2005

Dramatische Inflationsraten und Preissteigerungen lösen Unruhen aus. Regierungsgebäude und Fabriken des Präsidenten werden wiederholt mit Granaten beschossen. Die Urheber bleiben unbekannt.

Im August nimmt die regionale Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika SADC Madagaskar als 15. Mitglied auf.

2006

Bei den Wahlen im Dezember wird Ravalomana mit knapp 55 Prozent der Stimmen für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt.

2007

Im April wird über eine Verfassungsänderung abgestimmt. Sie gibt dem Präsidenten mehr Machtbefugnisse. Neben Französisch soll auch Englisch als offizielle Amtssprache eingeführt werden. Ein Referendum stimmt den Veränderungen mit 70 Prozent zu.

Bei den Parlamentswahlen im September gewinnt die Partei des Staatspräsidenten Ravalomanana TIM (Tiako i Madagasikara – ich liebe Madagaskar) 106 der 127 Parlamentssitze. Die Wahlbeteiligung liegt unter fünfzig Prozent.

 

Die „ungültige“ Republik

2009

Im Januar zieht Präsident Ravalomanana nach heftigen nationalen und internationalen Protesten die Unterschrift unter den Pachtvertrag mit der koreanischen Firma Daewoo Logistics zurück. Trotzdem lassen die Proteste nicht nach. Es kommt zu Unruhen und Plünderungen.

Der Bürgermeister von Antananarivo, Andry Rajoelina, setzt sich an die Spitze der Regierungsgegner und fordert den Rücktritt Ravalomananas. Am 31. Januar 2009 erklärt sich Andry Rajoelina während einer Kundgebung zum neuen Machthaber Madagaskars, zum Vorsitzenden der „Obersten Behörde für den Übergang“. Er wirft Präsident Ravalomanana Korruption und Machtmissbrauch vor. Die Armee ist gespalten. Sie droht mit Putsch, sollten die Kontrahenten sich nicht einigen.

Im März tritt Ravalomanana zurück und übergibt die Regierungsämter den Militärs, nachdem Rajoelina mit seinen Anhängern den Präsidentenpalast besetzt hatte.

Im Oktober einigen sich beide Konfliktparteien auf eine Kabinettsliste in einer Regierung der Nationalen Einheit. Rajoelina wird als Interimspräsident anerkannt unter der Bedingung, dass er bei den nächsten Präsidentschaftswahlen nicht antritt. Nach der Verfassung wäre er mit seinen 35 Jahren eh zu jung.

Die Machtübernahme Rajoelinas wird international kritisiert. Die SADC missbilligt den Verlauf der Ereignisse. Die Afrikanische Union wertet die Entmachtung Ravalomananas als Staatsstreich. Beide Organisationen setzen deshalb die Mitgliedschaft Madagaskars aus.

2010

Die politische Lage bleibt unübersichtlich. Vermittlungsversuche scheitern.

Am 17. November 2010 wird in einem Verfassungsreferendum das Mindestalter für den Staatspräsidenten auf 35 Jahre abgesenkt. Nach dem Referendum kündigt Rajoelina an, bis zu freien Präsidentschaftswahlen im Amt zu bleiben. Ein Putschversuch von Teilen der Armee scheitert.

2011

Die madagassischen Fraktionen haben unerwartet in Antananarivo am 17. September einen Fahrplan, die Feuille de Route, unterzeichnet, um die Krise durch dieses von der SADC verfasste Dokument zu beenden.

Andry Rajoelina wird mit der Unterzeichnung der Feuille de Route anerkannter Übergangspräsident („Président de la Transition"). Das Dokument sieht eine Teilung der Macht vor bis zur Organisation der Parlaments-und Präsidentschaftswahlen.

2012

Im Juli kommt es unter Vermittlung der SADC zu den ersten direkten Gesprächen zwischen Rajoelina und Ravalomanana.

 

Ein Neuanfang?

2012

Im August wird ein Zeitplan für Wahlen vereinbart, die dem von Krisen geplagten Land zum Frieden verhelfen sollen.

2013

Für das Jahr sind Wahlen für Parlament und Präsidentschaft vorgesehen. Beide werden mehrfach verschoben. Grund für die Verschiebungen ist die umstrittene Kandidatenfrage. Die Regionalgemeinschaft SADC kann schließlich durchsetzen, dass die verfeindeten Altpräsidenten Didier Ratsiraka, Marc Ravalomanana und Andre Rajoelina auf eine Kandidatur verzichten. Auch der Frau Ravalomananas, Lalao, wurde eine Kandidatur verwehrt. Mit diesen Maßnahmen sollen die alten Konfliktlinien durchbrochen und ein Neuanfang für Madagaskar ermöglicht werden.

Eine erste Runde der Präsidentschaftswahlen findet am 24. Oktober statt. Knapp 62 Prozent der registrierten Wählerinnen und Wähler beteiligen sich. Die Wahlen verlaufen friedlich und ordnungsgemäß. 33 Kandidaten stehen zur Auswahl. Keiner erreicht die erforderliche absolute Mehrheit.

Die meisten Stimmen erhalten Jean-Louis Robinson (21,10 Prozent), gefolgt von Hery Rajaonarimampianina (15,93 Prozent). Diese zwei Kandidaten gehen am 20. Dezember in die Stichwahl. Laut Wahlbeobachtern kam es zu keinen nennenswerten Zwischenfällen.

Ob mit einem dieser beiden Kandidaten ein Neuanfang begonnen werden kann, steht dahin. Robinson war Gesundheitsminister unter Ravalomanana und versteht sich als dessen Statthalter. Bei einem Wahlsieg werde er Marc Ravalomanana die Rückkehr aus dem südafrikanischen Exil ermöglichen und seine Frau zur Premierministerin ernennen. Rajaonarimampianina war Finanzminister unter Rajoelina und will diesen bei einem Wahlsieg zu seinem Premier machen.

Am 20. Dezember werden auch die 150 Mitglieder der Nationalversammlung und 60 von insgesamt 90 Senatoren gewählt.

2014

Die Wahlkommission gibt am 3. Januar die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen bekannt: Der neue Staatspräsident heißt Hery Rajonarimampianina. Auf ihn fallen 53,5 Prozent der Stimmen. Der unterlegene Jean-Louis Robinson hat wegen „Wahlbetrug“ die Gerichte angerufen und fordert eine Annullierung der Wahl. Beobachter halten das für „einen üblichen Reflex“ und geben der Klage keine Chance. Es habe keine relevanten Verstöße gegeben. Die Wahlkommission muss bis zum 19. Januar entscheiden.

(Stand: 6. Januar 2014)